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Lage in Freising spitzt sich zu: Krankenhaus meldet sich ab, Landrat fordert Bundeswehr an

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Von: Manuel Eser

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Sie sehen die Corona-Entwicklung mit großer Sorge: (v. l.) Ärztesprecher Georg Miedl, Dr. Christian Fiedler vom Klinikum, Brigitta Beck (Gesundheitsamt), Landrat Helmut Petz, Frank Contu (Gesundheitsamt), Hubert Böck (Impfzentrum) und Dominik Ternes (Öffentliche Sicherheit und Ordnung).
Sie sehen die Corona-Entwicklung mit großer Sorge: (v. l.) Ärztesprecher Georg Miedl, Dr. Christian Fiedler vom Klinikum, Brigitta Beck (Gesundheitsamt), Landrat Helmut Petz, Frank Contu (Gesundheitsamt), Hubert Böck (Impfzentrum) und Dominik Ternes (Öffentliche Sicherheit und Ordnung). © Lehmann

Ungeimpfte Corona-Patienten „verstopfen“ die Intensivstation, die Kontaktnachverfolgung kommt nicht hinterher: Die Corona-Lage im Kreis Freising spitzt sich zu.

Freising – Einen Tag, nachdem Ministerpräsident Markus Söder für Bayern erneut den Katastrophenfall ausgerufen hat, schlägt nun auch Freisings Landrat Helmut Petz angesichts der massiven Corona-Anstiege Alarm. „Wir stoßen an harte Grenzen – sowohl was die Intensivstation des Klinikums betrifft, als auch, was die Kontaktnachverfolgung angeht“, teilte er am Donnerstag im Rahmen einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz mit.

Im Klinikum Freising werden derzeit acht von zehn Intensivbetten mit ungeimpften Corona-Patienten (40 bis 60 Jahre alt) in Anspruch genommen, das Krankenhaus ist voll. „Und was die Kontaktnachverfolgung durch das Contact Tracing Team (CTT) angeht, haben wir einen Rückstau von neun Tagen“, sagte Petz. Zum Lagebericht hatte er Führungskräfte aus allen Bereichen geladen, die jetzt wieder an der Corona-Front gefordert sind.

Ämter schalten in den Krisenmodus

Bereits am Mittwoch fand im Landratsamt eine große Corona-Lagebesprechung statt. Etliche Mitarbeiter wurden ins Homeoffice verlegt, um jedes Büro nur mit einer Person zu besetzen. Wie Petz mitteilte, wurde auch beschlossen, sofort wieder Amtshilfeanträge an die Bundeswehr zu stellen, um das CTT mit seinen 26 Stamm-Mitarbeitern zu unterstützen. Beschäftigte des Landratsamtes stehen ebenfalls bereit, die Kontaktnachverfolgung zu unterstützen. „Das ist auch im Homeoffice möglich.“

Allein am Mittwoch kamen 174 Neuinfizierte im Landkreis hinzu, berichtete Brigitta Denk, ärztliche Leiterin des Gesundheitsamtes. „Pro Fall beschäftigen sich Mitarbeitende in etwa eine Stunde. Da ist es klar, dass wir nicht alles an einem Tag schaffen können.“ Daher nehme das CTT inzwischen Priorisierungen vor. Man melde sich bei Positivfällen zuerst bei den vulnerablen Institutionen – Altenheimen, Krankenhaus, Schulen und Kitas. „Der normale Bürger bleibt deshalb leider ein paar Tage liegen.“

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Bis ein Ansprechpartner des CTT zur Verfügung steht, bittet Denk betroffene Personen, sich auf der Homepage des Landratsamtes zu informieren. „Da steht genau, was für Infizierte und für deren Kontaktpersonen zu tun ist.“ Ihr Tipp: Bei Treffen, wo keine Sicherheitsabstände eingehalten oder Masken getragen werden, sollten sich alle Beteiligten – ob geimpft oder ungeimpft – vorher testen. Auch Petz sagte: „Wir müssen uns vorsichtig und vernünftig verhalten, wenn wir nicht in eine Situation kommen wollen, wo wir zur Triage gezwungen sind.“

Eine Art von Triage hat bereits begonnen

Etliche Krankenhäuser haben sich bei der Rettungsleitstelle bereits abgemeldet. „Dass die Kliniken voll sind, liegt aber nicht nur an Corona“, betonte Dr. Christian Fiedler, Corona-Beauftragter des Klinikums Freising. „Krankenhäuser müssen eigentlich immer voll sein, um wirtschaftlich überleben zu können.“ Jetzt aber käme das Virus eben noch zusätzlich on top.

Fiedler betonte auch, dass die Aufnahme zusätzlicher Patienten nicht an mangelnden Betten oder fehlender Beatmungsmaschinen scheitere wie noch in der ersten Welle. „Wir brauchen kein Zelt oder Behelfskrankenhaus. Wir bräuchten Personal für die leer stehenden Betten.“

Derzeit könnten zehn Intensivbetten betrieben werden, in acht davon liegen Corona-Patienten, allesamt ungeimpft, allesamt müssen beatmet werden. „Die verstopfen uns im Augenblick die Intensivstation“ betonte Fiedler. Und während im Normalfall Patienten die Intensiv nach einer Woche wieder verlassen könnten, liege der Aufenthalt bei Corona-Patienten bei bis zu acht Wochen. „Die liegen da wie festgenagelt.“

Impfen wirkt wie ein Sicherheitsgurt

Die Folgen sind verheerend. „Derzeit haben wir drei Patienten auf der Normalstation, die eigentlich ein Intensivbett bräuchten“, berichtet Fiedler. Eine halbe Nacht habe man rumtelefoniert, um zwei Plätze für die Betroffenen zu finden: in Bozen und Meran. Im Konvoi mit den entsprechenden Gerätschaften im Schlepptau müssten die beiden nun nach Südtirol gefahren werden. Auch das, so Fiedler zum FT, sei schon eine Art Triage.

Ärztesprecher Georg Miedl befürchtet, dass die Zahl an Corona-Patienten, die ins Krankenhaus müssen, noch steigt. „Bei einer Inkubationszeit von 14 Tagen wird sich die Welle, die wir jetzt schon spüren, in den kommenden Tagen noch deutlich ausweiten.“ Er appelliert daher weiter an alle, sich impfen zu lassen – auch wenn es trotz Impfung zu Infektionen kommen kann. „Ich vergleiche das mit einem Sicherheitsgurt. Wenn ich mit 50 km/h an eine Mauer pralle, fliegt derjenige, der nicht angeschnallt ist, durch die Scheibe, während sich der Angegurtete vielleicht ein paar Schrammen holt.“ Miedls Botschaft: „Jeder wird mit Corona konfrontiert werden. Die Frage ist nur, ob mit oder ohne Impfschutz.“

Rettungsdienst strickt an Notfall-Strategien

Dass Kliniken schon jetzt keine Patienten mehr aufnehmen, bekommt auch der Rettungsdienst zu spüren, wie Hubert Böck vom BRK berichtete. „Wir müssen teilweise bis Regensburg oder Oberstorf fahren“ – mit entsprechend längeren Fahrwegen und der Folge, dass Fahrzeuge bei weiteren Notfällen nicht mehr in der Nähe seien. Und was, wenn es etwa zu einem Busunfall mit 20 Verletzten kommt? Böcks Antwort: „Wir entwickeln Strategien, wie wir Verletzte, die nicht sofort eine OP benötigen, einige Stunden am Unglücksort betreuen können.“

Böck kündigte zudem an, dass man die Kapazitäten am Impfzentrum wieder deutlich nach oben fahren werde. Statt 170 Impfungen wie bisher sollen ab Ende November wieder 500 Impfungen pro Tag durchgeführt werden. Vor allem die Booster-Impfung erlebt derzeit einen Boom.

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