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Brisantes Thema: „350 Besucher lockte die Frage nach einer Versöhnung zwischen Landwirtscahft und Naturschutz ins Lehrgebäude D61 der HSWT.

Podiumsdebatte

Landwirtschaft und Naturschutz versöhnen: Experten diskutieren in der HSWT

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Hohe Wellen hat das Volksbegehren zum Schutz der Artenvielfalt geschlagen. Doch nicht nur die Bienen müssen gerettet werden, auch die Bauern brauchen Hilfe.

Freising – „Sehr schön!“ Die Szenerie machte Professor Martin Spreidler, Dekan an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT), glücklich. Rund 350 Besucher hatten sich am Mittwochabend im Lehrsaal eingefunden. „Das zeigt, welch hohe Bedeutung unser Thema hat“, sagte Spreidler.

„Landwirtschaft und Naturschutz versöhnen“ lautete das Motto der Podiumsdiskussion, das die HSWT in Zusammenarbeit mit der TU München-Weihenstephan monatelang vorbereitet hatte. Das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ sei emotionsgeladen gewesen. „Gegenseitige Schuldzuweisungen bringen uns aber nicht weiter“, betonte der Dekan. „Damit Landwirte im Einklang mit der Natur wirtschaften können, ist ein sachlicher Dialog nötig.“

Glück: Sorgen der Bevölkerung sind berechtigt

Das war auch die Botschaft von Alois Glück. Der langjährige Politiker, selbst gelernter Landwirt, hatte den Runden Tisch geleitet, den die bayerische Regierung nach dem Artenschutz-Volksbegehren eingerichtet hatte, und bei dem am Ende das sogenannte Versöhnungsgesetz herauskam. Er war so etwas wie der Ehrengast auf dem hochkarätig besetzten Podium. „Bevor es zu Versöhnung kommen kann, braucht es Verständigung“, erklärte Glück auf Nachfrage von Moderator Professor Klaus-Peter Wilbois. „Das funktioniert nur, wenn man bereit ist, sich auch in die Gegenseite hineinzuversetzen.“

Die Sorgen der Bevölkerung, die zu dem enormen Erfolg des Begehrens geführt hätten, seien berechtigt. „Wenn der Bio-Haushalt ins Ungleichgewicht gerät, dann gefährdet das unsere Lebensgrundlage“, betonte Glück. Gleichzeitig seien auch die Zukunftsängste der Landwirte nachvollziehbar. Hier stünde etwa die staatliche Beratung in der Verantwortung. „Sie muss die Landwirte begleiten und sie unterstützen.“

Nicht nur die Landwirte sind gefragt, sondern auch die Bürger

In dem Prozess hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft im Einklang mit der Natur sei die gesamte Gesellschaft gefordert. „Biodiversität ist nicht nur Aufgabe der Landwirtschaft“, betonte Glück. So hätten Kommunen etwa riesige Flächenreserven, auf denen Artenvielfalt realisiert werden könne. „Diese Potenziale müssen genutzt werden.“ Auch neue gesellschaftliche Leitbilder seien gefragt. „Wir dürfen Natur nicht nur konsumieren, sondern wir müssen auch lernen, sie zu verstehen.“ Glück regte daher etwa Umwelterziehung ab dem Kindergarten an.

Auch der emeritierte TU-Professor Alois Heißenhuber sprach von der Notwendigkeit „neuer Leitplanken“. Das Komplizierte sei, dass sich in der Natur die unterschiedlichsten Interessen überlappen würden. „Die einen wollen produzieren, die anderen möchten sich erholen – und dann wohnen da auch noch Leute.“ Systeme der USA ließen sich daher nicht übertragen. „Wenn in Amerika Großbetriebe mitten in der Wildnis liegen, wo niemand lebt, ist es klar, dass es keine Konflikte gibt“, betonte Heißenhuber. „Wir müssen einen Konsens auf dicht besiedeltem Raum finden.“ Der Markt löse das Problem nicht. „Billig ist ja schön, aber das darf nicht auf Kosten der produzierenden Menschen, der Tiere und der Umwelt gehen.“

BN-Vorsitzender: „Wir wollen Bienen und Bauern retten“

Unterschiedliche Ansichten gab es auf dem Podium zwischen dem Landes-Vorsitzenden des Bund Naturschutz, Richard Mergner, und dem Landesvorsitzenden der Bayerischen Jungbauernschaft, Georg Rabl. Mergner kritisierte die Demonstration der Landwirte in München. Dort hätten die Bauern die Schuld für ihre Situation bei allen anderen gesucht – beim Verbraucher, den Umweltschützern, den Politikern, den Journalisten. „Das hilft nicht weiter“, sagte der BN-Vorsitzende. „Wir wollen Bienen und Bauern retten. Das geht nur mit einer intakten Natur, und dazu braucht es einen Systemwechsel in der Landwirtschaft.“

Hochkarätige Experten: Auf dem Podium saßen (v.l.) Alois Glück (Landtagspräsident a.D.), Richard Mergner (Bund Naturschutz), Georg Rabl (Bayerische Jungbauernschaft), Bio-Landwirtin Hanna Breitsameter, Regionalberater Ernst Wirthensohn und der emeritierte TU-Professor Alois Heißenhuber.

Rabl war der Ansicht, dass es durchaus wichtig gewesen sei, dass sich die Bauern mal den Frust von der Seele geredet hätten. „Denn durch das Volksbegehren ist ein Vertrauensbruch zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft entstanden“, sagte er. Bauern würden sich seit Langem um Artenvielfalt verdient machen. „Die Streuobstwiesen etwa sind nicht aus dem Nichts entstanden. Die gibt es dank der Landwirte.“

Konventioneller Bauer wird Bio-Landwirt, um Ansehen zu ernten

Dass auch innerhalb des Berufsstands „Versöhnung“ nötig ist, zeigte sich an diesem Abend ebenfalls. Denn zwischen konventionellen und Bio-Bauern liegen Welten. „Ein Bauer hat mir berichtet, dass er auf Bio-Landwirtschaft umgestellt hat, weil er auch mal zu den Guten gehören und Ansehen ernten will“, erzählte Glück.

Hanna Breitsameter allerdings ist Bio-Landwirtin aus Überzeugung. Das fange beim Verzicht auf chemisch-synthetischen Dünger und chemischen Pflanzenschutz an und setzte sich bei der Auswahl der Fruchtfolgen fort. „So können sich Arten vermehren, weil sie eine Nahrungsgrundlage haben.“

Was als Märchen verhöhnt wird, funktioniert seit 20 Jahren

Auch Ernst Wirthensohn hat solche Erfahrungen gemacht. In seinem Buch „So schön kann Landwirtschaft sein“ beschreibt der Regionalberater, wie fast 50 Landwirte, Hersteller und Händler im Schwabenland ein System etabliert haben, das die Bedürfnisse von Mensch, Tier und Umwelt achtet. Von einem Vertreter des BBV sei sein Buch über die Biomarke „VonHier“ jedoch als „Allgäu-Märchen“ bezeichnet worden, berichtete er. „Dieses Märchen ist aber real, und es existiert seit 20 Jahren“, machte Wirthensohn deutlich. „Und es könnte noch besser funktionieren, wenn alle mitziehen.“

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