Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising und Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands
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Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising und Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands.

Kerstin Rehm spricht Klartext

Zum Schutz der Kinder: Lehrer-Sprecherin fordert Corona-Impfpflicht für Kollegen

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Kerstin Rehm hat sich für eine Corona-Impfpflicht für Lehrer ausgesprochen. Auch zum Lehrermangel hat sie eine klare Meinung.

Freising – Sie ist eine Frau klarer Worte: Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising und Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, scheut sich nicht davor, den Finger in die Wunde des bayerischen Bildungssystems zu legen. Im FT-Interview spricht sie Tacheles über den Lehrermangel, der immer verheerendere Züge annimmt, die neuen Corona-Regeln an Schulen und über die beschlossene Impfauskunftspflicht, die Pädagogen jetzt gegenüber ihrem Arbeitgeber haben.

Frau Rehm, seit Monaten und Jahren weisen Sie auf den akuten Lehrermangel hin. Was haben Sie gedacht, als Sie gehört haben, dass jetzt Ruheständler an die Schulen zurückgeholt werden müssen, um die Unterrichtsversorgung sicherzustellen?

Damit habe ich schon gerechnet. Schon vor eineinhalb Jahren, als Corona begann, hat Kultusminister Michael Piazolo alle pensionierten Lehrkräfte bis zum Alter von 70 Jahren angeschrieben, ob sie bereit wären, für einige Stunden die Woche zurückzukehren. Also so, dass es nicht pensionsschädlich ist. Wir sind froh, dass wir auf diese Weise Lehrpersonal dazugewinnen konnten. Denn das sind sehr gute Leute, die über viel Berufserfahrung verfügen, die sehr gut mit Kindern umgehen und fachlich sehr versiert sind. Die sind uns natürlich nützlich. Und es ist beeindruckend, dass sich unsere Pensionisten verantwortlich fühlen und mithelfen wollen.

Zugleich benötigt man aber auch fachfremdes Personal, damit das Bildungssystem nicht zusammenbricht.

Das Gute ist: Unsere Schulamtsleiterin, Frau Wienerl, legt sehr viel Wert auf Qualität. Das heißt, wir schauen, dass wir Leute zusätzlich gewinnen, die in irgendeiner Form im pädagogisch-erziehlichen Bereich eine Vorbildung haben. Man bemüht sich, wo es nur geht.

Sozialpädagogen und Heilpraktiker müssen Unterricht mit stemmen

Wer sind denn Fachfremde, die trotzdem pädagogisch versiert sind?

Das können Lehramtsstudenten sein, aber auch Diplom-Sozialpädagogen, Erzieher oder Heilpraktiker, also pädagogisch geneigte Menschen mit einer Affinität zu Didaktik und Kindern, die aber halt keine voll ausgebildeten Lehrer sind. Ich würde als Eltern erwarten, dass sich professionell ausgebildete Leute um mein Kind kümmern – gerade in der heutigen Zeit, in der sehr hohe Anforderungen im gesamten späteren Berufsleben gestellt werden.

Bisher wollte der Kultusminister von einem Lehrermangel nichts wissen. Räumt man im Ministerium, angesichts solcher Notlösungen, denn endlich mal ein, dass es da ein Problem gibt?

Nein. Denn jetzt wurde eine Variante gefunden, bei der sich der Kultusminister hinstellen und sagen kann: Es klappt ja mit der Versorgung. Aber dass nicht ausgebildete Lehrer dabei helfen, den Unterricht mit zu stemmen, das ist eine gefährliche Kiste. Und wissen Sie, was das Absurde ist?

Was?

Ein Lehrer benötigt in der kürzesten Form fünf Jahre Ausbildung, sieben Jahre, wenn er verbeamtet werden will. Also mindestens sieben Jahre, bis er alle Kriterien erfüllt, auf Herz und Niere getestet ist. Bis er fachlich, didaktisch, methodisch fit ist. Es wird also vom Staat Qualität verlangt, und jetzt stellt man mal, so nebenbei, Leute ein. Das passt nicht.

Auch Gymnasien dürften bald mit Lehrermangel kämpfen

Notlösungen sollten zeitlich befristet sein, bis man das Grundproblem behoben hat. Werden vonseiten des Kultusministeriums denn Anstrengungen unternommen, im Hinblick auf den Lehrermangel gegenzusteuern?

Nein, Anreize sind nach wie vor nicht geschaffen. Der Kultusminister hat vor der letzten Landtagswahl vollmundig die Besoldungsstufe A 13 angekündigt. Das bedeutet, dass grundsätzlich schlechter bezahlte, aber stundenmäßig am meisten arbeitende Grund- und Mittelschullehrer höherzugruppieren. Das ist bis heute noch nicht erfolgt. Es ist doch klar, dass immer weniger Lehramt studieren – angesichts immer weiter steigender Preise, vor allem, was den Wohnraum betrifft.

Frustrierend?

Ich habe das Gefühl, man ruht sich auf Notlösungen aus. Und die Not wird noch größer werden. Denn die gleiche Welle rollt auch am Gymnasium an. Die bekommen in nächster Zeit ebenfalls Lehrermangel. Und das hat wiederum Auswirkungen auf Grund- und Mittelschulen. Denn Gymnasial- und Realschullehrer, die bei uns eine Zweitqualifikation absolviert und bei uns ausgeholfen haben, wandern jetzt in ihre originäre Schulart zurück. Und weil derzeit vor allem an der Mittelschule Lehrer fehlen, wandern Grundschulleute dorthin stundenweise ab, obwohl sie eine ganz andere Ausbildung haben.

Ein reiner Verschiebebahnhof im Notbetrieb.

Das kann man sagen. Hier wird seit Jahren ein System gefahren, bei dem weder die Lehrer noch die Schüler im Fokus sind.

„Priorität muss sein, dass wir Schule offenlassen können“

Können wir uns ein so marodes Bildungssystem wirklich leisten?

Nein. Denn wir haben ja keine Bodenschätze. Unser Kapital ist unser Geist. Deutschland lebt von Innovationen. Deswegen ist die Investition in die Zukunft bei uns die Bildung der Kinder. Seit Jahren hat man – nicht Piazolo allein – verabsäumt, Lehrkräfte aufzubauen, den Beruf attraktiv zu machen, Werbung zu machen an den Schulen. Das ist verschlafen worden und wird immer noch viel zu wenig gemacht.

Ein anderes großes Thema, das das Bildungssystem umtreibt, ist Corona. Nach mehr als einem Jahr mit vielen Lockdowns an den Schulen soll jetzt der Präsenzunterricht gewahrt bleiben, dafür gilt wieder Maskenpflicht im Unterricht. Richtig so?

Ja. Priorität muss sein, dass wir Schule offenlassen können. Das ist Ziel von Schülern, Lehrern und Eltern. Die Gesellschaft hat erkannt, dass das wichtig ist. Damit wir das hinkriegen können, tragen wir natürlich Maske und halten uns auch an alle anderen Regeln.

Jubel bei den Rudelzhausener Grundschülern: Die Gemeinde hat zum Schutz der Kinder Geld in die Hand genommen, um Luftfilteranlagen anzuschaffen.

Was halten Sie von dem Beschluss des Bundestags, dass Lehrer künftig eine Impfauskunftspflicht gegenüber ihrem Arbeitgeber haben?

Ich finde das – bei allem Datenschutz – selbstverständlich. Denn hier geht es um die Gesundheit. Ich finde, jeder im Kollegium hat das Recht zu erfahren, welche Lehrer geimpft sind oder nicht, um Ansteckungsrisiken abwägen zu können. Und natürlich haben auch Eltern das Recht zu erfahren, mit wem es ihre Kinder, die nicht geimpft werden können, zu tun haben. Es muss sich jeder sicher fühlen können angesichts der vierten Welle im Herbst. Ich würde als Eltern mein Kind nicht zu einem ungeimpften Lehrer in den Unterricht geben wollen, weil ich dann Sorgen um mein Kind hätte.

„Eltern sollten das Gefühl größtmöglicher Sicherheit haben“

Zumal man vor allem kleinere Kinder nicht immer auf Distanz betreuen kann.

Richtig. Wenn eine Notsituation eintritt, kann ich nicht sagen, ich tröste Dich von Weitem und winke dir zu. Das funktioniert nicht. In der Realität hat man Kontakt mit Kindern. Eltern sollen für ihr Kind das Gefühl der größtmöglichen Sicherheit haben. Und unter dem Aspekt, dass wir die Schulen offenlassen wollen, gehe ich sogar noch einen Schritt weiter.

Und zwar?

Ich bin ganz klar für eine Impfpflicht für alle Arbeitskräfte, die Kontakt zu vulnerablen gesellschaftlichen Gruppen haben. Das gilt aus meiner Sicht für Pflege, Heime, Kliniken, Kitas, und auch für Lehrer. Denn gerade die Gruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen, die derzeit noch nicht geimpft werden können, ist für mich momentan die gefährdetste. Da müssen wir vorsichtig sein.

Und wenn man dann noch weniger Lehrer hat?

Gesundheit ist Priorität Nummer Eins. Und da darf es nicht um eigene Befindlichkeiten gehen, sondern darum, Kinder zu schützen. Gerade von Beamten und Angestellten im öffentlichen Dienst, die eine gewisse berufliche Sicherheit genießen, erwarte ich das. Was die wert ist, durften wir alle gerade in der Corona-Zeit erleben. Als Beamter habe ich ein besonderes Verhältnis zu meinem Staat und dabei neben meinen Rechten unter anderem auch die Pflicht, gegenüber diesem Staat und seiner Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen.

Verzicht auf Luftfilter geht „auf Kosten der Kinder“

Nicht überall werden Sie sich mit dieser Meinung beliebt machen?

Aber es ist meine tiefste Überzeugung.

Wie ist Ihre Meinung dazu, dass nur an relativ wenigen Schulen Luftfilter für Klassenzimmer angeschafft wurden?

Ich bin darüber sehr betrübt. Denn es sind viele Bausteine, die zum größtmöglichen Schutz vor Corona führen, und einer davon wären Luftfilter.

Viele Lokalpolitiker, allen voran der Landrat, argumentieren damit, dass Lüften ausreicht.

Ja, und dann kommt es zu grotesken Situationen, wie hier im Landkreis schon erlebt, dass eine Kommune sich beschwert, dass die Heizkosten in ihrer Schule so massiv steigen.

Das passt zu dem Eindruck, dass man in Kommunen alle erdenkbaren Argumente zusammenträgt, die gegen Luftfilter sprechen – immer unter der Prämisse, sich Kosten zu sparen.

Alles auf Kosten der Kinder. Das ist nicht okay. Ich möchte aber betonten, dass wir im Landkreis auch Kommunen haben, die hier vorbildlich agieren. Das ist toll. Denn wir müssen alles tun, um Schulen offen zu halten. Das sind wir den Kindern, die unter der Pandemie extrem zu leiden hatten, einfach schuldig.

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