Corona und Schulen
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Mit der baldigen Rückkehr zur Maske im Unterricht rechnet Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende des Schulamts Freising. Umso mehr, weil Klassen ab Herbst wohl größer werden.

FT-Interview mit Kerstin Rehm

„Ohne Rücksicht auf Verluste“: Lehrermangel - Personalrätin sieht verheerende Situation - nicht nur wegen Corona

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Die Personalratsvorsitzende des Schulamts Freising schlägt Alarm: Der Lehrermangel führt zu Entwicklungen, die gerade in der Pandemie fatal sind.

Freising – Der Lehrermangel, unter dem das Bildungssystem seit Jahren leidet, führt wohl dazu, dass ab Herbst größere Klassen gebildet werden müssen. Gerade in Zeiten von Corona ist das eine verheerende Situation, betont Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising und Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands. Im Interview mit dem FT erklärt sie, wer unter der Misere besonders zu leiden hat, und kritisiert auch den Landrat.

Frau Rehm, Rektoren haben Alarm geschlagen, dass aufgrund fehlender Lehrer ab Herbst größere Klassen gebildet werden müssen. Können Sie Entwarnung geben?

Leider nicht. Im August werden die Planungen gemacht, und es ist sicher davon auszugehen, dass künftig mehr Schüler in eine Klasse gepfercht werden. Gerade bei den Erstklässlern wird es sehr große Gruppen geben. Es werden aber auch in anderen Jahrgangsstufen kleinere Klassen so aufgeteilt, dass man sich Lehrerköpfe sparen kann. Das bedeutet: An Schulen, wo es bisher vielleicht fünf Klassen in einer Jahrgangsstufe gibt, werden es dann künftig womöglich nur noch vier sein.

„Kindern werden Bildungschancen genommen“

Welche Konsequenzen wird das haben?

Die Kinder sind heute viel heterogener als noch vor 30 Jahren. Sie stehen auf sehr unterschiedlichen Vorwissensstufen – je nachdem, wie sie im Vorschulalter in ihren Elternhäusern gefördert wurden. Um hier jedes Kind abzuholen, wo es steht, braucht es kleinere Klassen, sonst ist es einfach nicht möglich, jedem Bub und Mädchen gerecht zu werden. Das heißt: Kindern werden Bildungschancen genommen. Und auf die Lehrkraft, die ohnehin die ganzen gesellschaftlichen Probleme lösen soll, wird draufgepackt ohne Rücksicht auf Verluste.

Kerstin Rehm: Kinder aus sozial schwächeren Familien bleiben noch mehr auf der Strecke.

Und jetzt kommt noch Corona hinzu.

Die Infektionszahlen werden steigen. Und je größer die Klassen sind, umso weniger können Abstände zum Infektionsschutz eingehalten werden. Und auch Wechselunterricht und Homeschooling ist bei größeren Klassen natürlich schwerer zu organisieren. Dann tauchen noch mehr Kinder unter dem Radar durch. Es passiert dann das Gegenteil von dem, was alle fordern. Die Kinder aus sozial schwächeren Familien bleiben noch mehr auf der Strecke.

Derzeit wird darüber gestritten, ob Luftschutzfilter in Klassenzimmern sinnvoll sind. Haben Sie dazu einen Standpunkt?

Meine Meinung ist: Wenn diese Geräte keine störenden Geräusche verursachen, und wenn Fachleute sagen, dass dies sehr wohl hilft, ja natürlich sollen sie dann in die Klassenzimmer. Denn unser Ziel ist es ja, den Unterricht solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Diese Geräte sind auch keine kurzfristige Investition, denn ich bin mir sicher, dass uns Corona mit all den Mutationen noch einige Jahre begleiten wird.

Rehm über den Landrat: „Ich muss doch auf Wissenschaftler und Fachkräfte hören“

Glauben Sie, dass Politiker, die diese Geräte ablehnen, das vor allem aus finanziellen Gründen tun?

Natürlich kostet das viel Geld. Aber es ist gut investiert. Politiker betonen doch selbst immer, dass Kinder zu den großen Corona-Opfern zählen. Dann muss man für sie auch Geld in die Hand nehmen.

Landrat Helmut Petz hat sich gegen Luftschutzfilter ausgesprochen. Er sagt: Lüften reicht.

Das mag seine persönliche Meinung sein. Aber Herr Petz ist von Beruf Richter. Wie kann jemand, der fachfremd ist, zu solchen Ergebnissen kommen? Ich muss doch auf die Wissenschaftler und Fachkräfte hören.

Maske bei steigenden Inzidenten - da gibt es für Rehm nichts zu diskutieren

Glauben Sie, dass die Schulen bald wieder zur Maskenpflicht im Unterricht zurückkehren?

Ja. Denn wenn die Inzidenzen und die Belegungen in den Krankenhäusern wieder steigen, dann gibt es da doch gar nichts zu diskutieren. Wir dürfen nicht mit der Gesundheit von Menschen spaßen. Von daher müssen wir alles tun, um uns gegenseitig zu schützen. Schön findet das keiner, aber es hilft ja nichts.

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