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„Die Lage ist schlimmer denn je“: Personalratsvorsitzende des Schulamts spricht von Lehrernotstand

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Von: Manuel Eser

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Einschulung
Zu den Süßigkeiten in den Schultüten kommen bittere Pillen für die Kinder und Jugendlichen der Grund und Mittelschulen im Landkreis Freising. Weil es nicht genügend professionell ausgebildete Lehrer für sie gibt, zahlen sie einen hohen Preis. © Peter Steffen

Zwar konnten alle Klassen im Landkreis Freising besetzt werden, aber nur zu einem hohen Preis. Die „Kosten“ tragen Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler.

Freising – Der Schein trügt: Zwar konnten alle 457 Klassleiterstellen der Grund- und Mittelschulen im Landkreis Freising besetzt werden. Doch Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising, schlägt trotzdem Alarm: „Die Lage ist schlimmer denn je. Es brennt – wir haben nicht Lehrermangel, sondern Lehrernotstand.“

Dabei lesen sich die Zahlen ganz gut: Die durchschnittliche Klassengröße liegt bei 20,3 Kindern. Statt Klassen an Grund- und Mittelschulen wegen Personalnot „einzusparen“, ist die Anzahl der Klassen sogar leicht gestiegen – von 453 auf 457. Und für jede fand sich eine Lehrkraft. „Doch nur dank der Kreativität und des Engagements von Schulamt und Schulleitungen konnte die Grundversorgung abgedeckt werden“, betont Rehm.

Schüler und Lehrer tragen die „Kosten“

Die „Kosten“ dafür sind hoch: Zum einen für Teilzeitlehrerinnen, die Stunden aufgestockt haben, obwohl sie zu Hause selbst Kinder haben. „Die machen diesen großen Spagat aus Idealismus, und weil sie niemanden im Stich lassen wollen – nicht die Kollegen und nicht die Kinder“, berichtet Rehm. Zum anderen für die Schülerinnen und Schüler. Denn die Schulen könnten ihnen dieses Jahr weder ein breites Wahlfach-Angebot bieten noch die eigentlich benötigten Differenzierungen, also Fördermaßnahmen, ermöglichen.

Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende des Staatlichen Schulamts Freising
Kerstin Rehm: „Es brennt“ © Lehmann

Manche Klassen haben zwei Lehrkräfte in Teilzeit, die sich die Klassenleitungsstunden aufteilen. „Das ist pädagogisch auch nicht günstig im Grundschulbereich, wo für die Kinder Kontinuität und eine Bezugsperson besonders wichtig sind, erklärt Rehm. Und längst nicht jede Klasse habe einer professionell ausgebildeten Lehrkraft anvertraut werden können. „Wir haben im August zwar fleißig Arbeitsverträge unterschrieben“, sagt die Personalratsvorsitzende. Darunter aber befinden sich etliche Quereinsteiger und Studierende.

Tierärztin und ein Tischler unterrichten

So wurden etwa sogenannte „Ein-Fach-Fachlehrer“ eingestellt, die nur ein Fach unterrichten, zu dem sie Know-how haben, ohne aber wie studierte Lehrkräfte ausgebildet zu sein. Darunter befinden sich laut Rehm Musikpädagogen, die zuvor etwa an der Vhs gearbeitet haben, Diplom-Sportlehrer, die beispielsweise bei Vereinen tätig sind, und Handwerksmeister, die im Bereich Werken und Technik eingesetzt werden.

Eingestellt wurden zudem Substitutionskräfte, die in Teilzeit unterrichten. „Dazu zählen Lehramtsstudierende, die das Erste Staatsexamen hinter sich haben, und gelernte Erzieherinnen. Wir haben aber auch eine Tierärztin und einen Tischler als Lehrkräfte angeworben.“

Im Rahmen des vom Kultusministerium initiierten Förderprojekts „gemeinsam.Brücken.bauen“ haben Schulleiterinnen und Schulleiter weiteres externes Personal rekrutiert. „Das sind Laien, die keinen Unterricht vor der kompletten Klasse halten, sondern in kleineren Gruppen mit Kindern nachlernen, was während der Corona-Lockdowns versäumt wurde“, erklärt Rehm.

Hilfslehrer werden ferngesteuert

Und dann gibt es seit Corona noch sogenannte „Teamlehrkräfte“, man könnte sie auch die „Ferngesteuerten“ nennen. Sie ersetzen Lehrerinnen, die in den Sommerferien oder kurz davor schwanger geworden sind und aufgrund der Coronaschutzmaßnahmen daher von einem Tag auf den anderen aus dem Unterrichtsbetrieb genommen werden. „Die schwangeren Lehrerinnen bereiten den Unterricht von zuhause aus vor und coachen den Team-Lehrer, der vor der Klasse steht“, erklärt Rehm. Zu den kurzfristig angestellten Teamlehrern zählen zum Beispiel Heilpraktiker, Jura- und Lehramtsstudenten.

Mit Studenten wurde auch die Mobile Reserve aufgefüllt. Dieser Personalpool, der eigentlich dazu dient, kurzfristig bei krankheitsbedingten Lehrerausfällen einzuspringen, ist bereits jetzt schon über die Hälfte aufgebraucht – mit langfristigen Einsätzen, um eben alle Klassen besetzen zu können.

Der Respekt vor Kultusminister Piazolo ist weg

Eines ist Rehm wichtig: „Wir sind all diesen pädagogischen Hilfskräften äußerst dankbar, dass sie sich zur Verfügung stellen und engagieren. Denn ohne sie würde das System Schule komplett zusammenbrechen. Aber das sollte nicht Usus werden. Denn wenn ich im Krankenhaus liege, möchte ich auch vom Arzt operiert werden und nicht von einem Apotheker oder einem Medizin-Studenten.“

Es sei die Aufgabe des Staates, endlich aktiv zu werden und genügend Nachwuchs zu generieren, betont Rehm. „Damit Leute in den Beruf gehen, muss er attraktiver gemacht werden. Dazu zählt, dass für Lehrkräfte an Grund- und Mittelschulen nicht nur die Gesamtunterrichtsverpflichtung an die anderen Schularten angepasst wird, sondern auch die Bezahlung.“ Letzteres habe die CSU zwar brandaktuell am Mittwoch beschlossen, müsse dieses Versprechen aber nun auch umsetzen.

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Der von den Freien Wählern stammende Kultusminister Michael Piazolo könne sich hingegen gute Ratschläge ans Personal sparen. Dass dieser die Lehrkräfte in seiner Pressekonferenz zum Schulstart aufgefordert habe, „mit Optimismus und Freude“ in den Unterricht zu gehen, sei schönfärberisch und dreist. Über die Arbeitsmoral der Lehrkräfte müsse sich Piazolo keine Gedanken machen, sondern um die Gesundheit des Personals und die optimale Beschulung der Kinder. „Allerdings sehe ich da nichts Helles am Horizont“, sagt Rehm. Der Respekt vor dem Amt des Kultusministers sei da, der vor der Person aber nicht mehr. „Ich kenne keinen Lehrer, der das anders sieht.“

„Dort ist einfach die Bezahlung besser“

Das verstärkt die prekäre Personalsituation an den Grund- und Mittelschulen noch weiter: Viele junge Lehrkräfte, die für das Gymnasial- oder Realschullehramt studiert haben, aber in den vergangenen Jahren dank einer Zweitqualifikation an Grund- und Mittelschulen eingesetzt wurden, ziehen nun weiter zu ihren eigentlichen Schulen. Vier Lehrkräfte gingen so für das Schulamt Freising in diesem Sommer verloren, wie Personalratsvorsitzende Kerstin Rehm mitteilte. „Das kann man ihnen nicht vorwerfen. Denn dort ist einfach die Bezahlung besser. Es zeigt aber auch, dass es selbst an den höheren Schulen Richtung Lehrermangel geht.“

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