1. Startseite
  2. Lokales
  3. Freising
  4. Freising

Nach Missbrauchsgutachten: Austrittswelle schwappt durch Kreis Freising - „So viele wie noch nie“

Erstellt:

Von: Magdalena Höcherl

Kommentare

Der Kirche den Rücken kehren immer mehr Menschen im Kreis Freising.
Der Kirche den Rücken kehren immer mehr Menschen im Kreis Freising. © Ingo Wagner

Seit das Missbrauchsgutachten vorgestellt worden ist, gehen in den Standesämtern im Kreis Freising viele Anfragen nach einem Termin wegen Kirchenaustritts ein.

Landkreis – Allein in sechs Tagen haben 650 Münchner einen Termin für ihren Kirchenaustritt vereinbart – laut dem Kreisverwaltungsreferat sind das mehr als doppelt so viele wie sonst in einem solchen Zeitraum. Den Stein dafür ins Rollen gebracht hat das Missbrauchsgutachten, das am vergangenen Donnerstag veröffentlicht worden ist und das jahrzehntelanges Fehlverhalten von Priestern, hauptamtlich Bediensteten und dem emeritierten Papst Benedikt XVI. in der Erzdiözese München und Freising offenbart. Die Austrittswelle schwappt auch durch den Landkreis Freising.

30 Termine in einer Woche

„Auch bei uns haben sich die Terminanfragen für Kirchenaustritte verstärkt“, teilt Christl Steinhart, Sprecherin der Stadt Freising, mit. Allein in dieser Woche habe das Standesamt 30 Austrittstermine, die nächsten Wochen seien ebenfalls bereits stark angefragt. „,Üblicherweise‘ bewegen sich die Zahlen im einstelligen Bereich“, so Steinhart. Für den Austritt ist eine Terminvereinbarung zwingend notwendig, die erforderlichen Unterlagen beschränken sich auf Personalausweis oder Reisepass. Die Aufnahme einer Niederschrift über die mündliche Austrittserklärung kostet 25 Euro, eine schriftliche Bestätigung kostet zehn Euro, ist auf der Homepage der Domstadt nachzulesen.

„Wahnsinnig viele lassen sich einen Termin geben“

Auch in der Verwaltungsgemeinschaft Zolling, zu der Zolling, Haag, Attenkirchen und Wolfersdorf gehören, sind die Terminanfragen in die Höhe geschnellt, berichtet VG-Vorsitzender Anton Geier. „Es sind wahnsinnig viele Leute, die sich einen Termin geben lassen, und zwar in allen vier Gemeinden.“ Konkrete Zahlen liegen ihm nicht vor, aber „die Dame, die bei uns dafür zuständig ist, sagt, so viele seien es noch nie gewesen“.

Ähnliches ist aus der VG Allershausen mit der Außenstelle Paunzhausen zu hören: Man habe in dieser Woche nicht alle Anfragen unterbringen können und Termine auf nächste Woche verlegt, berichtet ein Mitarbeiter der Gemeinde.

Stefanie Steiner, Standesbeamtin in der Verwaltungsgemeinschaft Mauern mit den Gemeinden Mauern, Gammelsdorf, Hörgertshausen und Wang, kann Zahlen nennen: „Es sind auffällig viele im VG-Bereich. In den ersten drei Januarwochen, sprich bis einschließlich 21. Januar, hatten wir sechs Austritte. Diese Woche sind es zehn.“

Der Ablauf ist ähnlich wie in Freising: Seit dem Beginn der Pandemie wird in der VG mit Terminvergaben gearbeitet. „Das heißt: Man ruft an, nennt sein Anliegen, und bekommt dann einen Termin vorgeschlagen.“ Beim Kirchenaustritt müsse man persönlich im Standesamt erscheinen, das lasse sich nicht zum Beispiel via Mail erledigen.

Grund wird nicht abgefragt

In der Gemeinde Neufahrn ist das Prozedere anders. „Kirchenaustritte werden bei der Gemeinde Neufahrn derzeit Corona-bedingt auf dem postalischen Weg abgewickelt: Das heißt, unser Standesamt schickt auf Anfrage ein Formular zu, das von dem Austrittswilligen bzw. der Austrittswilligen auf dem Postweg an die Verwaltung zurückgeht“, erklärt Pressesprecherin Gabriele Ostertag-Hill.

Bis dato seien 2022 im Neufahrner Standesamt acht schriftliche Anträge zum Kirchenaustritt eingegangen. Die Gesamtzahlen für 2020 und 2021 beliefen sich auf 151 beziehungsweise 209. Ostertag-Hill erklärt jedoch auch: „Ein Grund wird bei Anruf in der Verwaltung zum beabsichtigten Austritt natürlich nicht abgefragt. Insofern kann eine Kausalität mit dem jüngsten Gutachten zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche nicht definitiv hergestellt werden.“

Anstieg seit Corona

Einen Zusammenhang mit den jüngsten Veröffentlichungen kann man auch am Standesamt in der Nachbargemeinde Eching nicht herstellen. „Aber wir verzeichnen einen Anstieg von Austritten seit Beginn der Pandemie“, teilt eine Mitarbeiterin mit. Freilich nenne nicht jeder einen Grund, aber was sie immer wieder höre, sei zum einen der finanzielle Aspekt und zum anderen die zu starke Einmischung der Kirche in die Politik. „Und natürlich der Missbrauch ist immer wieder Thema. Das war schon vor dem Gutachten so.“

Bis nach Hohenkammer scheint die Austrittswelle bislang nicht geschwappt zu sein. „In der Gemeinde Hohenkammer sind keine vermehrten Anfragen nach Kirchenaustritten eingegangen“, erklärt Geschäftsleiter Marco Unruh.

Auch interessant

Kommentare