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Der Personalmangel an Grundschulen hat inzwischen eklatante Konsequenzen.

Kerstin Rehm übt herbe Kritik an Kultusminister Michael Piazolo

„Bildungssystem aufs falsche Gleis gesetzt“: Personalrätin mit Klartext zur Misere an Schulen

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Zu wenig Lehrer, zu große Klassen - und immer mehr Langzeiterkrankte: Die Personalrätin des Schulamts kritisiert den Kultusminister für die Bildungsmisere.

Freising – Der Lehrermangel wird wohl auch im Landkreis Freising ab Herbst zu größeren Klassen führen. Damit rechnet Kerstin Rehm, Personalratsvorsitzende beim Staatlichen Schulamt Freising und Kreisvorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, wie sie im ersten Teil des großen FT-Interviews berichtete. Auch im zweiten Teil legt sie den Finger in die Wunde – eine schmerzhafte Analyse, bei der vor allem der Kultusminister schlecht wegkommt.

Frau Rehm, Sie haben berichtet, dass der Lehrermangel zu größeren Klassen führen wird. Welche Konsequenzen hat die Personalmisere noch?

Für Förderangebote, die über die Kernfächer hinausgehen, wird es künftig nicht mehr genug Lehrerinnen und Lehrer geben. Angebote, mit denen man die Kinder fördert, und zwar sowohl die lernschwächeren als auch die talentierten, müssen dann leider entfallen, oder es wird substituiert. Das ist das neue Modewort im Kultusministerium.

Kerstin Rehm befürchtet, dass im Bildungssektor einfach so weitergewurstelt wird.

Heißt, dass externen Kräften solche Aufgaben übertragen werden sollen.

Ja. Dann übernehmen Heilpraktiker, Zahnärzte oder eine Reisebürokauffrau schulische Aufgaben. Kein Witz, ich unterschreibe ja solche Personalentscheidungen. Das sind intelligente, gut ausgebildete Leute, wahrscheinlich auch engagierte Leute, aber ihnen fehlt eben komplett die didaktische, methodische Ausbildung.

Angesichts der Nachwuchsmisere in Ihrem Berufsstand wird aber gar nichts anderes übrig bleiben, als auf externe Kräfte zu setzen.

Kurz- bis mittelfristig ist das tatsächlich die einzige Chance, manche Förderangebote aufrechtzuerhalten.

Reagiert das Kultusministerium denn jetzt, wo klar ist, dass es so eigentlich nicht weitergehen kann –oder sollen unsere Kinder auch langfristig von fachfremdem Personal gebildet werden?

Ich befürchte, das wird so weitergefahren. Der Kultusminister weist ja alle Kritik von sich. In meinem Kreisverband hat er gesagt: Wenn alle Lehrkräfte Vollzeit arbeiten würden, also auch alle 65- und 66-Jährigen, dann hätten wir keinen Lehrermangel. Aber wir haben nun mal Mütter, die Kinder erziehen und in Teilzeit arbeiten, und wir haben Lebensältere, die die von ihnen erwarteten Aufgaben in Vollzeit einfach nicht mehr schaffen.

Das heißt, der Minister verkennt die Lebensrealitäten der betroffenen Menschen.

So sieht es aus. Für ihn ist das ein reines Zahlenspiel. Und das ist fatal. Wenn ein junger Mensch heute zu mir sagt, Kerstin, ich möchte gerne Lehrer werden, kann ich diesen Beruf nicht mehr guten Gewissens empfehlen. Ich finde, dass der Lehrerberuf wirklich so schön ist, aber er wird einem vergällt, weil die Arbeitsbedingungen so katastrophal sind.

Ein Gedankenspiel: Wenn Sie Kulturministerin wären – wo würden Sie ansetzen, um den Lehrermangel zu beseitigen?

Drei Dinge. Erstens wäre ich transparent und ehrlich. Ich würde Eltern, Lehrern, Schülern, der Gesellschaft erklären, was los ist: dass im Kultusministerium nicht genug Nachwuchs generiert und das Bildungssystem auf das falsche Gleis gesetzt wurde. Zweitens würde ich die Stundentafel verringern. Ich würde Fächer verkürzen oder Stunden streichen, solange dieser Mangel herrscht. Denn lieber biete ich weniger, dafür aber einen hervorragenden Unterricht an – von professionell ausgebildeten Frauen und Männern.

Und drittens. . .?

. . . würde ich den Beruf attraktiver gestalten. Das heißt vor allem: Er muss besser honoriert werden – gerade an Grund- und Mittelschulen, wo bisher die meisten Stunden abgehalten werden, und die Bezahlung am schlechtesten ist. Und ich würde Schulen mit Ressourcen ausstatten, auf die Lehrer dann zurückgreifen können. Ich denke da an Psychologen und Therapeuten, damit die Lehrer nicht alles selbst leisten müssen, sondern sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können.

Ab 2024 gibt es ja zudem für Familien einen rechtlichen Anspruch auf Ganztagsschule. Da bräuchte es ja noch mal eine ganz andere Personaldecke.

Wie das funktionieren soll, ist mir eh ein Rätsel. Wenn ich keine Leute habe, kann ich keine Ganztagsschule umsetzen – außer ich setze nur noch auf fachfremdes Personal. Leute, die irgendeinen Studienabschluss haben, und die sich die Schulen auch noch selbst suchen „dürfen“.

Das ist auch noch Aufgabe der Schulleiter?

Das muss man sich mal vorstellen. Die Schulleitungen müssen seit März 2020 Enormes leisten. Sie hatten seitdem keinen Urlaub mehr, sondern waren in den Ferien immer präsent. Sie haben wieder und wieder neue Konzepte erarbeitet, Lehrer und Schüler aufgefangen und Eltern gestützt, die wegen der Corona-Situation mit ihren Kräften am Ende waren. Und jetzt sollen sie sich auch um die substituierenden Kräfte kümmern. In jeder normalen Firma gibt es dafür eine Personalabteilung, und bei uns in der Schule bekommt das der Rektor als weitere Zusatzaufgabe.

Ein Spiel mit der Gesundheit von Führungskräften an Schulen.

So ist es. Denn auch der fitteste Mensch kann irgendwann nicht mehr. Die Liste von Langzeiterkrankten, die auf meinem Schreibtisch liegt, nimmt immer mehr zu. Nicht weil die Betroffenen faul sind oder sich drücken, sondern im Gegenteil: Weil Lehrer eine große Verantwortung spüren, kommen sie sogar mit dem Kopf unter den Arm geklemmt noch in die Schule.

Bis es eben nicht mehr geht.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass dieses Wissen um das Verantwortungsbewusstsein der Lehrer, dieses Wissen um die Not der Eltern und der Kinder vom Dienstherrn ausgenutzt wird, um sich auf diese Weise Geld zu sparen. Das hat inzwischen leider System.

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