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Großes Lob: Wirte und Gäste halten sich laut Polizeichef Ernst Neuner zum allergrößten Teil gut an die Corona-Auflagen.

Lob an Gastwirte

„Instrumentalisieren lassen wir uns nicht!“: Polizeichef appelliert an Bürger

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Großes Lob für die Wirte: Polizeichef Ernst Neuner zieht ein positives Fazit zum Gastro-Restart. Das Verhalten einiger Bürger ist ihm indes ein Dorn im Auge.

Freising– Seit die Republik im Lockerungsmodus ist, gibt es gefühlt jeden Tag Neuerungen im Umgang mit Corona. Viele Menschen blicken nicht mehr durch, was nun erlaubt ist und was nicht, weil sich Länder und Bund in ihrem Vorgehen oft genug auch widersprechen. Zumindest die Polizei behält den Überblick, wie aus dem FT-Interview mit dem Freisinger Inspektionsleiter Ernst Neuner hervorgeht. Er berichtet davon, wie die Kontrollen derzeit verlaufen, zieht eine erste Bilanz zum Gastro-Neustart, stellt klar, warum er nicht allen Hinweisen nachgeht und berichtet, wo die Bürger seiner Meinung nach mehr selbst richten könnten.

Herr Neuner, gerade hat der Freistaat ad hoc beschlossen, dass Biergärten ab sofort bis 22 Uhr aufhaben dürfen. Jeden Tag was Neues. Benötigt die Polizei bald eine wöchentliche Corona-Fortbildung?

Es stimmt schon, dass wahnsinnig viel herumgeistert. Zu den Verordnungen und den Nachträgen zu den Verordnungen kommen auch viele Gerüchte. Und dann kann sich auch alles ganz schnell wieder ändern, wenn die Infektionszahlen sich ändern. Deshalb beschränken wir uns darauf, auf das zu achten, was aktuell gerade gilt, und beschäftigen uns nicht damit, was nächste Woche kommen könnte. Genau das empfehle ich auch den Bürgern. Nicht hilfreich ist das Prinzip, das uns auch schon öfter untergekommen ist: „Wenn es morgen erlaubt ist, kann ich es auch heute schon so machen.“ Dem ist nicht so.

Allerdings ist es schwierig, bei all dem Wust an Neuregelungen tatsächlich den Überblick zu behalten, was denn nun gerade erlaubt ist.

Da heutzutage eigentlich jeder einen Internetanschluss hat, lautet mein Tipp, sich auf der Homepage des Innenministeriums oder des Gesundheitsministeriums zu informieren. Da wird unter den FAQ’s die aktuellste offizielle Regelungslage umfassend erläutert.

Ernst Neuner, Leiter der PI Freising: „Keiner von der Polizei will jemanden gängeln.“

Aber für uns könnten Sie das Wichtigste doch noch mal zusammenfassen!

Gerne. Grundsätzlich darf jeder Kontakt haben zu den Personen aus dem eigenen Hausstand und zu den direkten Verwandten: Großeltern, Eltern, Kinder, Geschwister. Ansonsten darf ich mich mit meiner Familie – egal ob privat oder öffentlich – lediglich mit einer weiteren Kontaktperson oder einer anderen Familie treffen – allerdings gilt dabei, Abstand zu halten.

Das heißt: Es gelten eigentlich dieselben Kontaktregeln im öffentlichen wie im privaten Raum, oder?

Einen wichtigen Unterschied gibt es. Grillen im privaten Hausstand mit einer weiteren Familie ist gestattet, in der Öffentlichkeit nicht. Gerade an der Isar haben wir deshalb schon einige Grillpartys auflösen müssen.

„Erfahrung zeigt: Abstände einhalten klappt im öffentlichen Raum nicht“

Wundern sich die Menschen da nicht, warum sie privat zusammen grillen dürfen, öffentlich aber nicht?

Natürlich, aber da helfen alle Diskussionen nichts. Es ist laut Infektionsschutzverordnung nicht gestattet. Und es macht auch Sinn. Denn die Erfahrung zeigt, dass es im öffentlichen Raum nicht klappt, Abstände einzuhalten. Unserer Erfahrung nach fällt es den meisten Menschen einfach schwer, die 1,50 Meter einzuschätzen.

Welches Feedback bekommt die Polizei denn, wenn sie auf Verstöße hinweist?

Sagen wir mal so: Die Reaktionen sind nicht immer verständnisvoll.

Heißt, dass manche auch aggressiv werden?

Es kommt vor. Grundsätzlich aber lautet die Prämisse, die ich an meine Mitarbeiter ausgegeben habe: Wir handhaben das alles mit Augenmaß. Wenn uns etwas auffällt, dann sprechen wir die Leute an. Wenn sie einsichtig sind – gut so! Wenn nicht, kann ich ihnen auch nicht mehr helfen. Dann müssen wir eben handeln und das zur Anzeige bringen. Ansonsten wäre die Infektionsschutzverordnung auch völlig umsonst. Aber das ist sie nicht. Denn wenn man sich die Entwicklung der Zahlen anschaut, dann sieht man doch, dass die Maßnahmen nicht so verkehrt waren. Und was mir auch wichtig ist: Keiner von der Polizei will jemanden gängeln. Es macht meine Mitarbeiter nicht glücklich, das alles zu überwachen.

Hinweisen müssen Sie aber nachgehen, oder?

Wir versuchen, allen Hinweisen nachzugehen. Aber es gilt schon der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit: Ich werde niemandem die Tür aufbrechen, nur weil ein Nachbar glaubt, dass sich dahinter ein falscher Freund befindet.

„Wäre hilfreich, wenn die Leute miteinander reden würden“

Bekommen Sie denn nach wie vor viele Hinweise aus der Bevölkerung?

Wir bekommen schon häufig Anrufe, und im Normalfall sind die Mitteilungen auch berechtigt, wobei ich sagen muss: Es wäre hilfreich, wenn die Leute selbst miteinander reden würden. Was so gut wie nie vorkommt: Dass jemand, den das Verhalten des Nachbarn stört, einfach mal klingelt und das in klaren Worten, aber ruhigem Ton zum Ausdruck bringt, dass er das nicht so toll findet. Es gibt ja gute Gründe, Verstöße zu monieren – sei es aus Angst um die eigene Gesundheit oder, dass das Verhalten der anderen erneut zu Einschränkungen im eigenen Leben führen kann, wenn die Zahlen wieder steigen.

In der Bevölkerung wächst der Eindruck, dass die Polizei nicht mehr genügend kontrolliert, und die Leute, die sich nicht an Kontaktbeschränkungen halten, gewähren lässt?

Das mag sich subjektiv so anfühlen. Objektiv ist die Intensität der Kontrollen ähnlich wie zu Lockdown-Zeiten. Allerdings ist auch die Polizei nicht für alles zuständig. Wenn wir draußen unterwegs sind und sehen etwa, dass sich am Bahnhof oder an der Bushaltestelle jemand nicht an die Maskenpflicht hält, dann werden wir aktiv. Aber es ist nicht unser Job, in die Läden oder in die Gastwirtschaften zu gehen und zu kontrollieren, ob jeder den Mundschutz trägt. Das ist Aufgabe der Ladenbesitzer oder der Gastwirte. Wenn sich Kunden und Gäste nicht daran halten, dann können sich Geschäftsinhaber oder Wirte bei uns melden – dann kommen wir ins Spiel und werden unterstützend tätig.

Auch in diesem Zusammenhang werden Sie vermutlich schon Hinweise aus der Bevölkerung bekommen haben.

Und auch hier gilt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Ich werde meine Mitarbeiter nicht von wichtigen Aufgaben abziehen, nur weil im Restaurant ein Gast auf dem Weg zur Toilette die Maske nicht aufgesetzt hat. Leider gibt es bei den unterschiedlichen Motivationen für einen Hinweis bei uns auch solche wie Konkurrenzdenken und Neid.

„Der Mitteiler muss schon zu seinem Anruf stehen“

Sie meinen, dass ein Wirt den anderen aus niederen Beweggründen anzeigt?

Das hatten wir auch schon, wobei ich betone: Anonymen Hinweisen gehen wir in der Regel in diesem Bereich nicht nach. Der Mitteiler muss schon zu seinem Anruf stehen. Und er muss Ross und Reiter nennen, also einen konkreten Verstoß benennen. Wenn jemand dem Ministerpräsidenten schreibt, dass vor drei Tagen sich jemand irgendwo nicht an die Abstände gehalten hat, und ich dann aus der Staatskanzlei eine Woche später einen Zettel auf dem Schreibtisch liegen habe, bringt uns das nicht weiter.

Denn dann können Sie ohnehin nichts mehr nachprüfen.

Eben. Und worauf wir generell nicht anspringen, sind Aussagen wie: „Schauen Sie da mal hin, die halten sich bestimmt nicht an irgendwelche Anordnungen.“ Instrumentalisieren lassen wir uns nicht!

Bei 30 Gastro-Kontrollen nur eine Anzeige

Wie lief es denn mit der Gastro, die seit 13. Mai wieder geöffnet hat?

Da kann ich ein positives Resümee ziehen: Bei 36 Kontrollen mussten wir lediglich einen Verstoß zur Anzeige bringen.

Was war da los?

Die Anzeige hat einen Wirt betroffen, der die Sperrzeit nicht eingehalten und die Mindestabstände unterschritten hat.

Generell erwartet Wirte – wie auch Ladenbesitzer – eine empfindlichere Geldbuße als die 150 Euro, die der Normalbürger zu berappen hat.

In der Regel ist das so. Denn sie tragen natürlich mehr Verantwortung. Grundsätzlich machen es die Gastwirte aber sehr gut. Die geben sich viel Mühe, ihren Gästen wieder etwas zu bieten und sich gleichzeitig an alle Auflagen zu halten. Ich hoffe es bleibt so. Denn so machen wir uns allen das Leben leichter.

Lesen Sie auch: Ferienprogramm im Sebaldhaus findet statt - allerdings anders als gewohnt. „Einige Bühnen wird’s vermutlich zerlegen“: Freisinger Künstler funkt SOS. Die Juristen stöhnen schon: Amtsgericht Freising steht unter Corona-Stress.

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