-blinde Justizia mit Waage
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Bei einem Prozess wegen versuchten Mordes könnte die Aussage eines Zeugen, der nun befragt wurde, den Ausschlag geben, auf welche Seite die Waage pendelt.

Prozess wegen versuchten Mordes

Nach Schlag auf Kopf: Konnte das Opfer den Täter wirklich identifizieren? - Spannender Zeuge befragt

Trotz eines Schlages auf den Kopf ist das Opfer überzeugt, zwei Einbrecher erkannt zu haben. Jetzt wurde im Prozess ein Zeuge befragt, von dem viel abhängt.

Freising – Mit Spannung war im Prozess um den Einbruch auf einem Anwesen im Westen Freisings das Gutachten des rechtsmedizinischen Sachverständigen erwartet worden. Folgende Fragestellung wurde vor der Jugendkammer des Landgerichts behandelt: Hält der 51-jährige Landwirt, der in der Nacht zum 10. Februar 2020 in seinem Bett niedergeschlagen worden war, an den beiden Angeklagten als Täter fest, oder hat er eine falsche Erinnerung?

Wie berichtet, hatte das Opfer die Jugendlichen als Einbrecher identifiziert, obwohl er, kurz nachdem er aufgewacht war, von einem der Einbrecher einen Schlag auf den Kopf erhalten hatte.

Das Opfer erhielt beim Erwachen einen Schlag mit der Taschenlampe auf den Kopf

„Die Erinnerungen können durchaus wiederkommen“, sagte Dr. Oliver Peschel von der Rechtsmedizin der LMU München. Es gebe aber auch eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Erinnerungen stören würden. „Da braucht es nicht mal ein Schädel-Hirn-Trauma.“ Ein solches und einen Schädelbruch hatte der 51-Jährige erlitten.

Tatsächlich hatte der Jüngere zu Prozessbeginn wegen versuchten Mordes den Einbruch bei seinem ehemaligen Arbeitgeber eingeräumt. Komplize sei aber nicht sein Bruder gewesen, so der 18-Jährige, sondern ein Bekannter. Mit diesem sei er spontan in das Haus des Landwirts eingedrungen, um zu stehlen. Eine Tötungsabsicht habe nie bestanden. Als man das Schlafzimmer durchsucht habe, sei der 51-Jährige aufgewacht. Sein Bekannter habe seinem Ex-Chef dann mit einer Taschenlampe einen Schlag auf den Kopf verpasst.

Die Art der Verletzung lässt laut Peschel darauf schließen, dass der Schlag massiv war. Das sei „ganz klar eine lebensgefährdende Behandlung“ gewesen. Das Opfer habe zwingend operiert werden müssen, sonst wäre er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gestorben. Die Operation erfolgte im Klinikum Rechts der Isar. Den Arztbriefen zufolge hatte der 51-Jährige dort angegeben, er wisse nur, dass „Männer mit Mützen“ in sein Zimmer gekommen seien. An die Form der Gewalteinwirkung könne er sich nicht mehr erinnern. Vor Gericht machte der Landwirt dann sogar die Armbewegung des Täters nach, mit welcher dieser ihm auf den Kopf geschlagen haben soll.

Zeuge spricht von „plausiblem Aussageverhalten“

Was die Einbrecher betrifft, so hatte der 51-Jährige zwar von Anfang an die beiden Brüder benannt, machte aber widersprüchliche Angaben. So hatte er der Polizei gesagt, er habe nichts gesehen, weil es dunkel gewesen sei. Vor Gericht sagte er hingegen, wie er durch „helles Licht“ aufgewacht sei und „zu 100 Prozent“ seinen ehemaligen Angestellten und dessen Bruder erkannt habe.

Peschel bezeichnete dies jedoch als „absolut plausibles Aussageverhalten“. Die Erinnerungslücken nach einer Amnesie könnten mit der Zeit schrumpfen. „Angaben, die zunächst nicht gemacht werden, können dann erfolgen.“ Grundsätzlich sei es aber so, dass das Gehirn „Erinnerungen und Informationen so zusammenstellt, dass es einen Sinn ergibt“. Dabei könnten Fehlinterpretationen vorkommen, etwa durch Verzerrung: Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.  (kö)

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