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Im Schichtsystem wird nur die Hälfte der Klasse unterrichtet. Johannes Albrecht schart jedoch jeden Tag die ganze Klasse um sich, indem er mit einem Videokonferenz-Programm die Schüler zu Hause miteinbezieht.

„Das Kollegium leistet Großartiges“

Lernen daheim und Schichtunterricht: So kontert das Förderzentrum Pulling der Corona-Krise

Es gab nur einen Tag zur Vorbereitung, und seither „leistet das Kollegium Großartiges“: Das Sonderpädagogische Förderzentrum Pulling trotzt der Corona-Krise mit allen möglichen Mitteln.

Pulling– „Am schwierigsten war die Tatsache, dass wir gerade mal einen Tag zur Vorbereitung der Schüler und Schülerinnen auf die ,Lernen zuhause’-Zeit hatten“, berichtet Konrektorin Sabine Lobert vom Sonderpädagogischen Förderzentrum in Pulling. Viel Spontanität, Engagement und Einfallsreichtum sei gefragt gewesen, um alle Schüler während der Schulschließungen zu erreichen und um einer wachsenden Bildungsschere vorzubeugen. Ein Kraftakt, der viel Kommunikation auf den unterschiedlichsten Wegen verlangt habe. Außerdem seien bei weitem nicht alle Familien ausreichend mit digitalem Equipment ausgestattet. „Das Kollegium leistet da derzeit Großartiges“, sagt Lobert.

Klassenleiter Johannes Albrecht holt sich die andere Hälfte der Klasse auf digitalem Weg ins Klassenzimmer.

Auf ins Finale

Seit Ende April bereiten sich die Schüler der insgesamt drei neunten Klassen am Förderzentrum auf ihre Abschlussprüfungen vor. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber während der Corona-Zeit ein Ausnahmezustand, der täglich ein logistischer Kraftakt ist. Mit einem neugierigen Blick in ein Klassenzimmer einer Abschlussklasse fallen sofort Einzeltische auf, die mit dem erforderten Mindestabstand von 1,5 Metern auseinander stehen. Alle Türen stehen offen, damit keine Klinken angefasst werden müssen. Nach dem Schichtsystem wird nur die Hälfte der Klasse unterrichtet, auf den Gängen und auf dem Pausenhof besteht Maskengebot. „Allein der Weg von der Bus- beziehungsweise S-Bahn-Haltestelle bis ins Klassenzimmer unter Einhaltung aller erforderlicher Hygienemaßnahmen stellt ein großes logistisches Problem dar“, so Ines Purreiter von der Schulleitung.

Klassenleiter Johannes Albrecht: „Wir sind sowohl Wissensvermittler als auch Lehrkräfte, die dem sonderpädagogischen Förderbedarf unserer Schüler gerecht werden wollen und müssen. Kleine Gruppen mit höchstens sieben Schülern helfen da nach der langen Pause sehr.“

Geteilte Klassen

Albrecht schart jedoch jeden Tag die ganze Klasse um sich, indem er mittels eines vom Landratsamt Freising bereitgestellten Videokonferenz-Programms die „Lernen zuhause“-Schüler miteinbezieht und anstehende Fragen sofort klärt. Diese Möglichkeit bleibt seinen beiden Kollegen aufgrund eines fehlenden flächenendeckenden WLANS vorenthalten. Da hier im Zeitalter der Digitalisierung dringend Handlungsbedarf besteht, wird gerade geprüft, wie kurzfristig Abhilfe geschaffen werden kann.

Die Lehrer der Abschlussklassen: (v. l.) Johannes Albrecht, Tina Sommer und Mirko Hester.

Lehrerin Tina Sommer fügt hinzu: „Wir arbeiten kleinschrittig und strukturiert auf die Prüfungen hin. Die konnten verschoben werden, sodass wir die nötige Zeit haben, die wir brauchen. Die Schüler hat jetzt der Ehrgeiz gepackt. Ein großer Wermutstropfen für alle ist jedoch die gestrichene Abschlussfahrt. Und es ist fraglich, ob der lang ersehnte Abschlussball überhaupt stattfinden kann.“

Wermutstropfen

Ein weiterer Wermutstropfen ist für Sonderschullehrer Mirko Hester, dass trotz der intensiven Betreuung der Schüler durch regelmäßige Telefonate, Aufbereitung und Bereitstellung der Lerninhalte über die Homepage des Förderzentrums sowie Lernpakete per Post der Lernstoff nicht immer so intensiv bearbeitet worden sei. „Da hätte ich mir teilweise mehr gewünscht, wobei mir bewusst ist, dass selbstständiges Lernen über Wochen hinweg wahrscheinlich für jeden eine große Herausforderung darstellt“, sagt Hester. „Lernen zuhause“ könne trotz aller Bemühungen den klassischen Schulunterricht nicht ersetzen, selbst wenn die Betreuung sehr intensiv ist.

Abschlussschüler Julian, der bereits einen Lehrvertrag als Fachlagerist in der Speditionslogistik hat, berichtet begeistert: „Ich habe Herrn Hester mal eine Mail geschrieben, weil ich eine Frage hatte. Keine zwei Minuten später klingelte das Telefon. Und dran war Mirko Hester, um mir die Frage sofort zu beantworten.“

Die Vorteile

Im Gespräch mit den Abschlussschülern wurde einstimmig das Ausschlafen als großer Vorteil an der „Lernen-zuhause-Zeit“ genannt. Aber es wurden auch andere Gedanken und Gefühle offenbart. „Ich war anfangs traurig und auch gelangweilt. Jetzt ist wieder Unterricht, der macht mir viel Spaß. Traurig ist nur, dass wir gar keinen Sportunterricht mehr haben“, fasst Schüler Joseph zusammen. „Manchmal war bei mir die Stimmung im Keller, weil die Prüfungszeit nahte, und ich nicht wusste, wann ich wieder in die Schule kann. Meine Freunde fehlten mir auch. Mein Schlafrhythmus war total durcheinander“, sagt Julian. Schülerin Nele erzählt: „Ich war manchmal durcheinander und wusste nicht, wie es weitergeht. Das hat sich komisch angefühlt. Mir fehlten die Leute und, wenn ich ehrlich bin, auch der Unterricht.“

In den kommenden Wochen werden immer mehr Klassen im Schichtsystem beschult, es bleibt daher turbulent. Einen Vorteil jedoch gibt es jetzt: Die Schulen können in der Vorbereitung, etwa bei der Umsetzung aller Hygienemaßnahmen, auf die Erfahrungen der bereits anwesenden Klassen zurückgreifen. Dann können bestenfalls die Lehrkräfte endlich wieder das tun, was mal als so normal erschien: in der Schule unterrichten. ft

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