Emre Ünlü
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Für Emre Ünlü bedeutet das Fasten „Frieden“.

Das aktuelle Interview

Ramadan in Corona-Zeiten: Emre Ünlü (18) erzählt, was der Verzicht für ihn bedeutet

  • Andrea Beschorner
    vonAndrea Beschorner
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Von der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts essen und nichts trinken: Das zelebrieren im Moment viele gläubige Musliminnen und Muslime – noch bis zum 12. Mai. So lange geht der Fastenmonat Ramadan noch. Der Freisinger Emre Ünlü (18) erzählt, was der Verzicht für ihn bedeutet.

Freising - Der 18-jährige Freisinger Emre Ünlü erzählt im Gespräch mit dem Freisinger Tagblatt, wie das tägliche Fastenbrechen am Abend (Iftar) aussieht, was ihm im Ramadan in der Corona-Pandemie am meisten fehlt und wie die Pandemie Ramadan verändert hat.

Emre, du befindest dich mitten im Fastenmonat Ramadan. Was bedeutet es für dich zu fasten?

Für mich bedeutet es Frieden. Es reinigt jedes Jahr aufs Neue meine Seele und ich komme Gott im Fasten näher. Es bedeutet zudem, Sünden, die man davor im Alltag aus Unachtsamkeit begangen hat, nicht mehr zu begehen. Ramadan bedeutet Liebe zu schenken und sich sicher zu fühlen. Ich persönlich werde in dieser Zeit produktiver und versuche, viel Gutes zu tun.

Hast du ein Beispiel dafür?

Es sind ganz einfache Dinge: Wenn man sich über etwas ärgert, nicht gleich losschimpfen, sehen, wenn jemand auf der Straße Hilfe braucht, jemandem Essen kaufen, der bedürftig ist.

Das Fasten wird dem Tag, das Fastenbrechen der Nacht zugeordnet. Wie genau läuft ein Tag im Ramadan ab?

Ein Fastentag beginnt, in dem man am Morgen ausspricht, dass man für Allah fastet, es wird fünfmal am Tag gebetet, und man geht besonders wach und aufmerksam durch den Tag, schaut, an welchen Stellen jemand Hilfe brauchen kann. Am Abend ist „Iftar“, es ist jeden Tag um eine andere Uhrzeit, dieses Jahr immer so gegen 20.30 Uhr. Dann wird gegessen und Kraft getankt für den nächsten Tag.

Und wie sieht das Fastenbrechen konkret aus?

Wenn Iftar gekommen ist, setzt sich die Familie an den Tisch, wir machen eine Dua, das ist ein Bittgebet, und dann wird gegessen. Als erstes isst jeder eine Dattel, diese ist sehr energiereich.

Eigentlich ist der tägliche Fastenabschluss ein Ritual, das gerne auch mit Freunden und Verwandten zusammen gefeiert wird. Ist Fasten in Zeiten von Corona anders? Weniger feierlich?

Ja, natürlich ist es in diesen Tagen anders. Mit Freunden oder anderen Familienmitgliedern zusammen zu essen, sie nach Hause einzuladen oder eine andere Familie zu Iftar einzuladen, ist momentan leider nicht möglich.

Was fehlt dir im Ramadan durch Corona am meisten?

Mit meinen Freunden und mit der ganzen Familie an einem Tisch zu sitzen, gemeinsam zu essen, fehlt mir persönlich am allermeisten. Weil es so ein schönes, besonderes Ritual im Ramadan ist. Was ich auch ganz besonders vermisse, ist Tarawih. Das ist ein Gebet, das man eigentlich zusammen in der Moschee betet, ein sehr langes Gebet, das erst nach dem Nachtgebet um 21.30 Uhr spricht. Wegen der Ausgangssperre ist das nun ebenfalls nicht möglich.

Dürft ihr euch in der Moschee nur zum Beten treffen?

Unter Beachtung aller Hygieneauflagen dürfen wir zum Beten in die Moschee gehen, Iftar ist aber jetzt während der Corona-Pandemie in der Moschee leider nicht erlaubt. Früher gab es in Freising während Ramadan jeden Abend Essen in der Moschee, das war für uns alle eine sehr schöne Sache: Jeder war willkommen und das Essen wurde gespendet. Das vermisse ich auch besonders.

Ramadan ist die Zeit der Dankbarkeit: Gibt es etwas, wofür du - trotz Pandemie – dankbar bist? Oder fällt dir das gerade schwer?

Nein, das fällt mir gar nicht schwer. Dass meine Familie und ich diesen Ramadan erleben dürfen, dafür bin ich sehr dankbar. Außerdem haben wir Essen im Überfluss – ganz im Gegensatz zu so vielen anderen Menschen auf der Welt. Wir leben in einer weltweiten Pandemie und sind gesund. Wir haben also allen Grund, dankbar zu sein.

Welche Reaktionen gibt es aus dem Umfeld darauf, dass du dich konsequent an die Regeln des Ramadan hältst?

Andere Kulturen sind oft erschrocken darüber, aber mir wird immer wieder mit großem Respekt gegenübergetreten, da es für Menschen, die nicht fasten, oft einfach unvorstellbar ist, den ganzen Tag über nicht zu essen und keinen Schluck Wasser zu trinken. Meine Familie ist stolz auf mich.

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