„Wir müssen die Stadtgesellschaft darüber informieren“: Kai Kallbach und Claudia Pfrang von der Domberg-Akademie haben rassistische Übergriffe publik gemacht. Sie möchten die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren.
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„Wir müssen die Stadtgesellschaft darüber informieren“: Kai Kallbach und Claudia Pfrang von der Domberg-Akademie haben rassistische Übergriffe publik gemacht. Sie möchten die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren.

„Jemand wie du gehört angespuckt und abgeschoben“

Nach EM-Finale: Übles Hetz-Spiel heizt Rassisten an - Immer wieder schockierende Übergriffe

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Nicht nur in England sind Menschen nach dem Fußball-EM-Finale rassistisch attackiert worden. Auch in Freising kommt es offenbar immer wieder zu schockierenden Übergriffen.

Freising – Rassistische Beleidigungen erlebt Naledi (Name geändert) regelmäßig – sei es, dass die 17-Jährige auf der Straße blöd angesprochen wird oder dass ihr jemand eine Szene macht. Einmal, bei einem Klinikaufenthalt, hat sie ihre Zimmernachbarin, ein jüngeres Mädchen, gefragt, welche TV-Sendung sie gerne sehen möchte. Die Antwort der anwesenden Mutter: „Ich möchte nicht, dass eine Schwarze mit meiner Tochter spricht.“ Als Naledi im Deutschunterricht nach der Bedeutung eines Wortes fragt, das ihr nicht bekannt ist, rümpft die Lehrerin die Nase: „Typisch Ausländer!“

Freising: Mädchen immer wieder rassistisch beleidigt - „Werde alle zwei Wochen richtig angegriffen“

Dabei spricht Naledi fließend Deutsch. Sie hat mehr als die Hälfte ihres Lebens hier verbracht, ist kultiviert und gebildet. Derzeit arbeitet sie bei der Domberg-Akademie als Praktikantin. „Den subtilen Alltagsrassismus versuche ich einfach zu ignorieren, aber etwa alle zwei Wochen werde ich richtig angegriffen“, sagt die 17-Jährige. Doch seit dem 11. Juli ist alles noch viel schlimmer geworden. Da verlor England das EM-Finale gegen Italien im Elfmeterschießen. Als Naledi schließlich davon hörte, dass drei Schwarze Spieler der englischen Mannschaft am Punkt scheiterten, ahnte sie schon, was passieren würde.

Rassismus nach EM-Finale: „Jemand wie du gehört angespuckt, geschlagen und abgeschoben“

Als sie in der Woche darauf in der Freisinger Innenstadt aus dem Bus stieg, folgte ihr ein weißer Mann mittleren Alters, beleidigte sie mit dem N-Wort und befahl ihr, stehen zu bleiben. Naledi ging weiter, doch der Mann ließ nicht von ihr ab. Sie solle sich dafür schämen, dass sie noch ihr Haus verlasse, wo doch Ihresgleichen beim Fußball so versagt hätte. „Jemand wie du gehört angespuckt, geschlagen und abgeschoben.“ Erst danach ließ er sie in Ruhe.

Sehr wahrscheinlich, dass sich dieser Mann von einem „Spiel“ animiert sah, das seit dem Finale in den sogenannten Sozialen Medien kursiert: Dort werden für rassistische Übergriffe Punkte verteilt: fünf für jeden, der einen Schwarzen Menschen anspuckt, zehn für Schläge, 75 Punkte für eine Vergewaltigung, 500 fürs Lynchen.

Rassistische Kampagnen im Internet: „Gefühl vermittelt, dass sie Teil einer großen Gruppe sind“

Dass derartige rassistische Kampagnen nicht nur in der virtuellen Welt für verbale Entgleisungen sorgen, sondern auch zu tätlichen Angriffen auf der Straße oder dem Spielplatz, betont Claudia Pfrang, Direktorin der Domberg-Akademie. „Mit solchen Aktionen werden Menschen, die rassistische Neigungen haben, in ihrem Tun bestärkt. Ihnen wird da das Gefühl vermittelt, dass sie Teil einer großen Gruppe sind.“

In der Domberg-Akademie ist auch das Kompetenzzentrum Demokratie und Menschenwürde der Katholischen Kirche Bayern angesiedelt. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, uns rechtsextremen, rassistischen und menschenverachtenden Tendenzen durch Bildungs- und Vernetzungsarbeit entschieden entgegenstellen“, erklärt Kai Kallbach, Leiter des Kompetenzzentrums.

„Wir stärken Menschen und Einrichtungen, die mit Rassismus konfrontiert werden.“ Als er von Naledis Erlebnissen erfuhr, war ihm und allen anderen in der Akademie klar: „Wir müssen die Stadtgesellschaft darüber informieren, welche rassistischen Übergriffe es auch in Freising gibt. Das darf nicht im Dunkeln bleiben.“

Rassisten-Spiel bei EM: „Plötzlich kam er weinend zu mir“

Naledi war nicht das einzige Opfer des Rassisten-Spiels. Fast jeden aus ihrem persönlichen Umfeld hat es erwischt. „Mein kleiner Bruder hat draußen gespielt. Plötzlich kam er weinend zu mir und hat mir erzählt, dass ihn ein fremder Erwachsener angespuckt hat.“ Der Widerling nahm nicht etwa Reißaus, wie Naledi berichtet. „Der stand noch in der Nähe, hat sich mit zwei Freunden abgeklatscht und sich gefreut, dass er jetzt fünf Punkte dazubekommen hat.“

Auch eine Freundin der 17-Jährigen kam eines Abends blutend zu ihr. Auf dem Nachhauseweg war sie von einem Jungen ihres Alters zusammengeschlagen worden. „Er hat sie zu Boden gestoßen und getreten, sich auf sie draufgesetzt und geboxt.“

Rassistische Beleidigungen nach EM-Spiel: „Müssen dafür Lösungen finden“

Kallbach empfiehlt, nach solchen justiziablen Vorfällen die Polizei einzuschalten und bei der Anzeige auch die rassistische Motivation herauszustellen. „Das hat nicht nur statistischen Wert, sondern spielt auch für das Strafmaß eine Rolle“, sagt er.

Viele Opfer indes würden den Weg zur Polizei scheuen – „weil sie Angst vor den Tätern haben, aber auch weil die Erfahrungen entmutigend sind“, erklärt Naledi. „Einige von uns haben schon die Erfahrung gemacht, dass bei einer Anzeige nicht viel rauskommt.“

Daher müsse die Gesellschaft ebenfalls ihren Teil beitragen, betont Claudia Pfrang. „Es wäre schön, wenn mal jemand aufsteht und etwas sagt, wenn er Zeuge einer rassistischen Beleidigung wird.“ Der erste Schritt aber sei es, überhaupt anzuerkennen, dass es diese Realität eben gebe. „Viele Menschen fühlen sich regelrecht angegriffen, wenn man ihnen erzählt, dass es auch in ihrer Stadt oder ihrem Dorf Alltagsrassismus gibt.“

Es sei aber wichtig, sich für das Thema Rassismus zu sensibilisieren. „Denn wir müssen dafür gesellschaftliche Lösungen finden.“ Dabei gehe es nicht nur um Gesetze oder Lehrpläne in Schulen. „Das fängt schon damit an, dass wir besser auf unsere Sprache achten. Die kann nämlich sehr verletzend sein.“

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