Rettungsassistenz zieht Spritze auf.
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Rund 2200 Menschen im Landkreis Freising wurden am Wochenende mit Astrazeneca geimpft. Einen Tag später zog die Politik das Vakzin auf wissenschaftliche Empfehlung hin aus dem Verkehr – zumindest vorerst.

Impfkrise

„Das Vertrauen hat gelitten“: Freisinger Reaktionen auf Astrazeneca-Stopp

  • Manuel Eser
    vonManuel Eser
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Deutschland legt Astrazeneca auf Eis - kurz nachdem in Freising 2200 Menschen an einem Wochenende mit dem Vakzin geimpft wurden. Die Reaktionen.

  • Deutschland hat Astrazeneca auf Eis gelegt - kurz nachdem in Freising 2200 Menschen mit dem Vakzin geimpft wurden.
  • Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher: „Jetzt nicht kopfscheu machen lassen“
  • Landrat Helmut Petz: Sehr viele sind bereit, sich weiterhin mit Astrazeneca impfen zu lassen.
  • Ärztesprecher Georg Miedl fordert flexiblen Umgang mit Astrazeneca und anderen Impfstoffen.

Landkreis – Deutschland legt Astrazeneca vorerst auf Eis. Die Entscheidung, das Vakzin nochmal zu prüfen, nachdem es im Anschluss an Impfungen zu Einzelfällen von Thrombosen gekommen war, hat den Kreis Freising besonders erschüttert. Denn nicht mal 24 Stunden zuvor war die Aktion zu Ende gegangen, bei der rund 2200 Beschäftigte aus Grundschulen und Kitas geimpft worden waren. Das FT hat Reaktionen auf den Impfstopp gesammelt:

Der Landrat

„Wenn Impfstoffe mit gesundheitlichen Risiken verbunden sind, dann ist es die Pflicht der Behörden, einen Stopp einzulegen“, sagt Landrat Helmut Petz. „Andererseits darf man nicht vergessen, welch enorme Schäden durch Corona hervorgerufen werden.“ Er sei zwar kein Mediziner, habe aber gelesen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Thrombosen auftreten, bei Corona noch deutlich höher sei als bei Impfungen.

Helmut Petz, Landrat: „Sehr, sehr viele Leute schreiben uns: ,Her mit dem Impfstoff!’“

Petz glaubt zwar, dass der Imageschaden für Astrazeneca groß ist. „Aber wir bekommen Zuschriften von sehr vielen Leuten, die uns schreiben: Her mit dem Impfstoff!“ Sollte das Vakzin vom Markt genommen werden, sei das ein empfindlicher Schlag für die Impfstrategie. „Ohne Astrazeneca werden die Spielräume deutlich geringer.“

Der Oberbürgermeister

„Natürlich habe ich nach den Meldungen am Montag sofort an die große Aktion vom Wochenende gedacht, bei der sich auch Beschäftigte aus unseren Kitas haben impfen lassen“, berichtet Freisings Oberbürgermeister Tobias Eschenbacher. „Ich bin mir sicher, dass die große Erleichterung, rasch eine Impfung erhalten zu haben, bei vielen in den Hintergrund gerückt ist.“

Tobias Eschenbacher, Freisinger OB: „Natürlich habe ich sofort an die Kita-Beschäftigten gedacht.“

Die Devise des OB lautet jetzt, sich bloß nicht „kopfscheu“ machen zu lassen. Gesundheitsminister Jens Spahn habe von sieben möglicherweise relevanten Fällen bei 1,6 Millionen in Deutschland bereits erfolgten Impfungen mit Astrazeneca berichtet. Es spreche für das deutsche Gesundheitssystem, das ernst zu nehmen. „Übersehen wir dabei aber bitte nicht die furchtbare Zahl von deutschlandweit über 73 400 Todesfällen an oder mit Corona und die erwiesene Schutzfunktion der Impfungen!“

Die Schulleiterin

„Vor der Reihenimpfung wurde im Lehrerkollegium sehr intensiv über das Für und Wider einer Impfung diskutiert“, sagt Sabine Jackermaier, Leiterin der Grundschule Neustift in Freising. Wie viele Kolleginnen und Kollegen entschied sich auch sie, sich impfen zu lassen. „Ich habe es nicht bereut – trotz Impfreaktionen“, stellt sie klar. „Ich bin froh, dass ich geimpft bin und hoffe, dass ich eine adäquate Zweitimpfung bekomme. Ein komisches Gefühl ist es aber schon, dass immer mehr Länder den Impfstoff zurückziehen.“

Sabine Jackermaier, Leiterin der Grundschule Neustift: „Ich bin froh, dass ich geimpft bin – trotz Impfreaktionen.“

Der Impforganisator

Seit Wochen kämpft BRK-Kreisvorsitzender Albert Söhl gegen die Astrazeneca-Skepsis in der Bevölkerung. Dutzende haben er und seine Impfteams davon überzeugt, dass es sich um ein gutes, wirksames Vakzin handelt. Umso härter traf ihn der am Montag verkündete Impfstopp. „Ich habe die Entscheidung inzwischen verdaut und akzeptiere sie“, sagt er. Man müsse nun abwarten, was das Paul-Ehrlich-Institut am Donnerstag verkünde. Bis dahin sei man mit Biontech und Moderna gut versorgt. „Im Sinne unserer Impfinteressen hoffe ich, dass es mit Astrazeneca weitergehen kann, weil ich ihn weiterhin für einen guten Impfstoff halte.“

Albert Söhl, BRK-Kreisvorsitzender: „Ich halte Astrazeneca weiterhin für einen guten Impfstoff.“

Der Arzt

„Es ist bitter“, sagt Ärztesprecher Georg Miedl zur Entwicklung. Er hält es dennoch für richtig, Astrazeneca unter den gegebenen Umständen nochmals zu prüfen. „Das Schlimmste wäre, etwas herunterzuspielen“, betont er. „Als Arzt möchte ich Impfmittel in der Hand halten, auf die ich mich verlassen kann.“

Georg Miedl, Hausarzt und Ärztesprecher: „Ich möchte Impfmittel, auf die ich mich verlassen kann.“

Miedl hofft, dass sich bei den Analysen nun Muster herauskristallisieren, auf die sich die Impfstrategie anpassen lassen könnte. „In dem Sinne, dass man diesen Impfstoff eben bei einer bestimmten Personengruppe ausschließt – oder ihn nur denen verabreicht, die ihn haben wollen. Da müssen wir jetzt flexibel reagieren.“

Die Apothekerin

Auch Ingrid Kaiser hält den Astrazeneca-Stopp für richtig. „Ich halte es aber für sehr wichtig, schnell ein Ergebnis zu erhalten, um das Vertrauen in den Impfstoff wieder herzustellen.“ Sie selbst würde sich mit Astrazeneca impfen lassen. Gerade jetzt, wo die Dritte Welle im Anmarsch sei, sei die Gefahr, an Corona zu erkranken oder sogar daran zu sterben, deutlich größer als eine tödliche Nebenwirkung beim Impfen.

Ingrid Kaiser, Apotheken-Sprecherin: „Es wäre sehr wichtig, schnell ein Ergebnis zu erhalten.“

Aus eigener Berufserfahrung weiß Kaiser, dass es auch immer wieder „Zufälle“ gebe. Sie berichtet von einem Kind, dessen Impftermin nicht wahrgenommen werden konnte. „Am nächsten Tag hatte dieses Kind einen Fieberkrampf. Wäre es am Vortag geimpft worden, hätten es alle auf die Impfung geschoben.“

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