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Long Covid, Zahlen, Fremdschutz: Mediziner klärt über Kinder-Impfungen auf - Riesen-Resonanz auf Vortrag

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Prof. Johannes Hübner vom Haunerschen Kinderspital in München sprach über Corona-Impfungen bei Kindern. Symbolbild © Jan Woitas/dpa

Das Interesse war riesig: In einem Online-Vortrag, den Grünen-Abgeordneter Johannes Becher initiiert hatte, sprach ein Experte über die Corona-Impfung für Kinder.

Freising – Das Interesse an der Online-Veranstaltung des Grünen-Abgeordneten Johannes Becher mit dem Titel „Corona-Impfung für Kinder – Mehr Sicherheit oder unnötiges Risiko?“ am Donnerstag war derart groß, dass zahlreiche der über 200 Interessierten den virtuellen Raum verlassen mussten, um keinen Zusammenbruch der Übertragung zu riskieren. Dieses Thema treibt die Menschen um, das war deutlich an diesem Abend zu spüren. Der Leiter der Pädiatrischen Infektiologie am Haunerschen Kinderspital München, Prof. Dr. Johannes Hübner, klärte auf.

Corona: Vortrag zu Kinder-Impfungen - Über 200 Zuhörer

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Was auf jeden Fall zu beobachten sei, so Hübner einleitend, wäre eine Zunahme von Covid-Infektionen bei Kindern und Jugendlichen – allerdings weitgehend ohne schwere Verläufe. Die Zahlen: Während der gesamten Pandemie mussten in Deutschland 2058 Kinder und Jugendliche ins Krankenhaus, davon wurden fünf Prozent intensivpflichtig.

Bislang gäbe es 33 validierte Covid-19 Todesfälle bei den unter 20-Jährigen, bei 21 Fällen lagen allerdings Angaben zu einer Vorerkrankung vor. Was neben der ansteckenderen Delta-Variante durchaus eine Rolle bei den aktuellen hohen Positiv-Zahlen spiele, sei die umfangreiche Test-Aktivität beispielsweise in Schulen.

Corona in Bayern: Arzt betont - Schulen und Kitas für Kinder systemrelevant

Anzumerken sei laut Hübner allerdings, dass im Gegensatz zu den Schulausbrüchen die Zahl der übermittelten Ausbrüche in Kitas bisher noch deutlich unter dem Niveau der zweiten und dritten Welle liege. Für Hübner sind Schule und Kitas für Kinder und Jugendliche vor allem eines: systemrelevant. Schließungen seien für ihn deshalb das allerletzte Mittel, zu dem gegriffen werden dürfe.

Prof. Johannes Hübner klärte über Sinn und Nutzen bei Kinder-Impfungen auf. Die Datenlage sei noch ziemlich dünn.
Prof. Johannes Hübner klärte über Sinn und Nutzen bei Kinder-Impfungen auf. Die Datenlage sei noch ziemlich dünn. © Lorenz

Corona-Impfung für Kinder: Long Covid bei den Jüngsten - Arzt klärt auf

Was zurzeit aber auch viele Eltern beschäftige: das Thema Long Covid bei den Jüngsten. Das sei zwar in aller Munde, so Hübner, aber viele Daten lägen dazu aber leider nicht vor – beziehungsweise gäbe es durchaus unterschiedliche Erkenntnisse. Die Dresdner-Studie komme sogar zum Schluss, dass sich die Beschwerden von Kindern mit Antikörpern jenen Beschwerden von Kinder ohne durchgemachte Infektion ähneln können. Für Hübner heißt dies vor allem, dass die Pandemie die Kinder per se stark belaste – oder anders gesagt: „Long Covid versus Long Lockdown“.

Corona bei Kindern: Impfung bei Eltern umso wichtiger

Doch wie schaut es mit der Impfung von Kindern aus, die grundsätzlich mit Individualschutz, Fremdschutz und Herdenimmunität begründet werde. Wenige Todes- und PIMS-Fälle (ein schweres entzündliches Krankheitsbild, Anmerkung der Red.), dazu eine schwache Datenlage zu Long Covid aufgrund einer Corona-Infektion – hier sei laut Hübner gut zu überlegen, ob aus diesem Grund geimpft werden sollte. Auch in Punkto Fremdschutz hat der Mediziner eine klare Meinung: die Erwachsenen müssen sich durch eine Impfung vor allem selbst schützen. Die „ominöse“ Herdenimmunität werde sowieso nicht erreicht werden, noch dazu spielten hier Kinder kaum eine Rolle.

Corona-Impfung bei Kindern: Stiko-Entscheidung als Maßstab

Die Frage: „Würde Hübner also seine eigenen Kinder impfen lassen?“ beschäftigte einen Zuschauer. Ab zwölf Jahren würde er seinen Nachwuchs impfen, bei kleineren Kinder würde er aber noch auf die Entscheidung der Stiko warten. Denn eines stehe für ihn fest, sagte Mediziner: Je kleiner das Kind sei, desto kleiner auch der Nutzen der Impfung für das Kind selbst – aufgrund des geringen Risikos einer schweren Erkrankung.

Eltern mit Druck zur Impfung überzeugen, dazu würde er nicht raten – allerdings sei es halt fundamental wichtig, dass sich so viele Erwachsene wie nur möglich den Piks abholen. Impfungen für Kinder und Jugendliche, so der Infektiologe, seien zu begrüßen, vor allem aber für Kinder mit Risikofaktoren und bei Familienmitgliedern mit Immunsuppression.

Ob Kinder dann irgendwann auch einen Booster brauchen, sei laut Hübner noch unklar – deutliche Hinweise zur guten Verträglichkeit gäbe es allerdings aus Ländern, in denen bereits die Kleinen geimpft werden. Was keinen Sinn macht: Eine Antikörper-Bestimmung vor der Impfung, denn der Titer fällt oft schnell ab – und die wichtige zelluläre Immunabwehr sei so nicht messbar. Was auch gar nicht geht, und das betonte auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen, Christina Haubrich, sei der Ausschluss von ungeimpften Kindern ab zwölf Jahren am gesellschaftlichen Leben. Hier müsse deutlich nachjustiert werden.

Die Bedürfnisse und Interessen der Kinder und Jugendlichen müssten wieder im Mittelpunkt stehen, betonte abschließend Johannes Becher. Es sei aktuell einfach eine überaus schwierige Zeit, die differenzierte Antworten auf komplexe Fragen verlange – und keine Schlagzeilen, sagte der Abgeordnete.

Gut zu wissen

Die digitale Veranstaltung zum Thema Impfen bei Kindern und Jugendlichen ist als Stream abrufbar unter www.youtube.com/user/jojobecher

Richard Lorenz

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