Wie wichtig es ist, dass Kinder sicher schwimmen können, darauf weist die Aktion „Bayern schwimmt“ hin. Die Auftaktveranstaltung war im fresch.
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Wie wichtig es ist, dass Kinder sicher schwimmen können, darauf weist die Aktion „Bayern schwimmt“ hin. Die Auftaktveranstaltung war im fresch.

Der Dilemma mit dem Seepferdchen

Nach Notfällen im fresch: Viele Kinder bräuchten Schwimmunterricht, doch es fehlen Kapazitäten

  • Manuel Eser
    VonManuel Eser
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Zwei Notfälle im Freisinger Freibad binnen weniger Tage zeigen: Viele Kinder bräuchten Schwimmunterricht. Doch es mangelt an Kapazitäten.

Freising - Zwei Notfälle im Freisinger Freibad binnen weniger Tage machen deutlich: Es gibt zu viele Kinder, die gar nicht oder nicht sicher genug schwimmen können. Einer der Lebensretter hatte deshalb auch die Grundschulen in die Pflicht genommen. Die engagieren sich bereits im Schwimmunterricht, kämpfen dabei aber mit großen Hindernissen. 

Es war ein flammender Appell, den Andreas Schmitz unbedingt loswerden wollte: „An Grundschulen sollte unbedingt wieder mehr Schwimmunterricht angeboten werden“, betonte er, als er im Freisinger Erlebnisbad fresch für eine Heldentat geehrt wurde. Er hatte erfolgreich bei der Reanimation eines elfjährigen Mädchens geholfen, das im Sprungturm-Becken beinahe ertrunken wäre.

Schulamtsleiterin sieht zwei gravierende Probleme

Tatsächlich ist Schwimmunterricht in allen Klassen der Grundschule vorgesehen, erklärt Schulamtsleiterin Irmintraud Wienerl. Mehr noch: Der Lernbereich „Sicher im Wasser bewegen/Schwimmen“ ist in den Unterrichtsplänen jeder Jahrgangsstufe enthalten. „Aufgrund von Corona ist jetzt aber über Monate hinweg der Sportunterricht ausgefallen und damit auch der Schwimmunterricht. Das hat das grundsätzliche Problem, dass viele Kinder nicht schwimmen können, wahnsinnig verschärft.“

Das zweite Problem, das Wienerl benennt: Nicht jeder Lehrer kann so einfach Schwimmunterricht geben. Dazu sei – auch für Sportlehrer – eine entsprechende Weiterbildung notwendig. Dafür macht Wienerl nun aktuell Werbung – auch weil sie von mehrere Schulleiterinnen und Schulleitern auf die Schwimm-Misere bei Schülern hingewiesen worden sei.

Staatsregierung will an Kinder Gutscheine für Schwimmkurse verteilen

Diese notwendige Zusatzausbildung sorgt dafür, dass die Personalressourcen im Bereich Schwimmunterricht eng gesteckt sind, berichtet Sabine Jackermaier, Leiterin der Grundschule Neustift in Freising. „Auch wir haben in der Vergangenheit – vor Corona – Schwimmunterricht für die Grundschüler angeboten.“ Aber eben aus personellen Gründen nur in sehr eingeschränktem Maße. „Wenn jede Klasse zwei- bis dreimal zum Schwimmen gehen kann, ist es nicht möglich, die Kinder zu sicheren Schwimmern zu machen.“

Das Seepferdchen ist nur der erste Schritt auf dem Weg zum sicheren Schwimmer.

Insofern trifft der Vorstoß der bayerischen Staatsregierung durchaus einen Nerv: Erstklässler und Vorschulkinder sollen nach den Ferien einen 50-Euro-Gutschein zum Erwerb des Frühschwimmerabzeichens „Seepferdchen“ erhalten. Die Idee ist, dadurch die wegen der Pandemie ausgefallenen Schwimmkurse zu kompensieren und die Schwimmfähigkeit der Kinder zu unterstützen.

Schulleiterin schlägt Schwimmunterricht durch Fachkräfte vor

Wienerl gefällt die Idee. „Gerade Kindern in sozial schwächeren Familien könnte das helfen, weil bei ihnen die Anmeldung zu einem Schwimmkurs immer auch eine finanzielle Frage ist.“ Jackermaier hält den Vorstoß der Regierung grundsätzlich ebenfalls für einen guten Gedanken. Aber: „Es ist halt die Frage, ob die Eltern die Kinder auch hinschicken.“

Ihr Alternativvorschlag: „Aus meiner Sicht wäre es gewinnbringend für alle, wenn den Schwimmunterricht externe Kräfte – Bademeister, Mitglieder der Wasserwacht oder andere Fachleute – abhalten. Die Schwimmstunden können organisatorisch in den Stundenplan eingebunden werden, und Lehrkräfte wären selbstverständlich zur Aufsicht dabei.“

Betriebsleiter des Freibads findet Ideen gut, aber...

Die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität existiert aber nicht nur in den Schulen, sondern auch in den Schwimmbädern. So findet fresch-Betriebsleiter Alexander Frederking die Gutschein-Kampagne der Regierung prinzipiell gut. „Einerseits, weil solche Aktionen ähnlich wie die zu ,Bayern schwimmt‘ dazu beitragen können, die Gesellschaft wachzurütteln. Andererseits, weil vielleicht so auch sozial schlechter gestellte Familien darüber nachdenken, ihr Kind für einen Kurs anzumelden.“

Nach mehr als einem Jahr Pandemie sind die Teilnehmer-Wartelisten aber lang, Fachpersonal und Kapazitäten knapp. Das fresch bietet in den Ferien Crashkurse an, stellt zusätzlich der Wasserwacht Freising und Schwimmvereinen das Lehrschwimmbecken öfter zur Verfügung als in Normalzeiten, damit diese Organisationen ebenfalls noch mehr Schwimmtraining anbieten können. Trotzdem wird es eine Herausforderung, jedem, der sich im September mit einem Gutschein für einen Kurs anmelden will, auch einen Platz bieten zu können.

Schulen machen schon viel: Leerschwimmbecken fast komplett ausgebucht

Dieselben Probleme gelten für den Vorschlag von Jackermaier. „Wir haben auch schon darüber diskutiert, dass wir Schulklassen Schwimmunterricht anbieten“, betont Frederking. „Aber auch hier sind wir personell limitiert.“ Im Übrigen würden die Grundschulen ihre Verpflichtung ernst nehmen. „Für kommendes Jahr ist unser Lehrschwimmbecken für die Vormittagsstunden schon fast komplett ausgebucht.“

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