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Symbolhaft: Weihbischof Bernhard Haßlberger residiert nicht auf dem Domberg, sondern ist auch der Stadt – im Hintergrund St. Georg – innig verbunden.

Der Mensch ist wichtiger als der Talar

Seit 25 Jahren Weihbischof: Bernhard Haßlberger blickt zurück – einmal hätte er gern aufgegeben

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Vor 25 Jahren wurde Bernhard Haßlberger zum Weihbischof ernannt. Heute blickt er auf ein erfülltes Vierteljahrhundert zurück. Nur in einem Moment hätte er sein Amt gerne niedergelegt.

Freising – Es gibt Tage, die vergisst keiner mehr. Einem dieser seltenen Erlebnisse hat Weihbischof Bernhard Haßlberger (72) einen Platz an der Wand eingeräumt. Dort hängt in einem Rahmen der „Sie“: vier Ober, vier Unter – das höchste Blatt beim Schafkopf. „Das passiert einem höchstens einmal im Leben“, berichtet der Geistliche und ist beim Blick auf die Spielkarten noch heute begeistert. „Das ist wie ein Sechser im Lotto.“

„Da war ich erstmal perplex“

Seine Ernennung zum Weihbischof vor 25 Jahren würde er nicht unbedingt als Hauptgewinn bezeichnen. Aber natürlich hat Bernhard Haßlberger auch diesen Tag kurz vor dem Pfingstfest nicht vergessen. Damals war er Rektor der Domkirche und Direktor des Kardinal-Döpfner-Hauses, im Alter von 47 Jahren in bester Schaffenskraft.

„Es war ein Samstagabend. Ich war allein im Haus, als das Telefon geläutet hat“, berichtet er. Am anderen Ende der Leitung: Friedrich Kardinal Wetter. Zwar ist das Amt des Weihbischofs zu diesem Zeitpunkt schon fast ein Jahr lang vakant. Doch dass ihn der Bischof wegen der Nachfolge von Heinrich Graf von Soden angefunkt hat, ahnt Haßlberger in diesem Moment trotzdem noch nicht. „Erst als er gefragt hat, ob ich denn allein bin, und ob ich denn auch sitze, hat mir geschwant: Jetzt kommt was.“

Ganz bei sich: Bernhard Haßlberger (knieend) war ruhig und gelassen, als er am 29. Juni 1994 im Freisinger Dom zum Weihbischof geweiht wurde.

Und tatsächlich: Wetter teilt dem KDH-Direktor mit, dass Papst Johannes Paul II. ihn gerade zum Weihbischof ernannt habe. „Da war ich erstmal perplex“, erinnert sich Haßlberger. „Dann habe ich ihn gefragt, wie lange ich Bedenkzeit habe. Da war er dann wiederum überrascht.“ Nach kurzem Überlegen gibt ihm der Kardinal 24 Stunden Frist: „Morgen um dieselbe Zeit rufe ich wieder an.“

Von Pfarrer Brandner bekam er einen guten Rat

Einen Abend später sagt Haßlberger zu. Welche Rolle da auf ihn zukommen würde, habe er noch gar nicht recht überblickt, sagt er heute. „Erst als ich mich beim Schneider im roten Talar im Spiegel gesehen habe, ist mir siedend heiß bewusst geworden, welche Verantwortung da auf mich zukommt. Da habe ich schon etwas Magengrimmen bekommen.“

Eine große Hilfe ist ihm in dieser Situation sein geistlicher Begleiter, Pfarrer Josef Brandner. „Er hat mir einen guten Rat gegeben: Das Entscheidende ist nicht, dass ich jetzt Bischof bin, sondern dass hinter dem Talar immer der Mensch Haßlberger rausschaut.“ Das, sagt der 72-Jährige, habe er versucht, immer zu beherzigen.

„Ich war gar nicht aufgeregt“

Mit Brandner reist Haßlberger in der Woche vor der Bischofsweihe zu Exerzitien ins Ettal. Die hätten ihm so gut getan, dass er an seinem großen Tag völlig bei sich gewesen sei. Während es am Morgen des 29. Juni 1994 blitzt und donnert, wie es das FT seinerzeit schreibt, ist der Geistliche zur eigenen Überraschung die Ruhe in Person. „Obwohl wirklich ein Riesentrubel auf dem Domberg geherrscht hat, war ich gar nicht aufgeregt. Ich war sehr gelassen und konnte die Zeremonie daher auch wirklich genießen.“

Seine Mutter, „eine einfache Frau“, so Haßlberger, war da nicht ganz so gelassen. In seinem Heimatort Ruhpolding habe die Nachricht, dass einer der ihren zum Weihbischof ernannt worden sei, nämlich großen Wirbel verursacht. „Mein Lieber, da hast du mir etwas angetan“, habe die Mutter zu ihm gesagt. „Ich kann nicht mehr ins Dorf gehen, ohne dass mich die Leute ansprechen.“ Haßlberger lacht, als er das erzählt. „Ich denke, das war ihre Art, mir zu sagen, dass sie stolz auf mich ist.“

Gesellige Runde im Portofino: (v. r.) Weihbischof Bernhard Haßlberger mit Joseph Ratzinger, Walter Brugger und Georg Ratzinger. Das Foto entstand im Januar 2004, als man den 75. Geburtstag Bruggers feierte.

100.000 Jugendliche gefirmt

Stolz gemacht hat der Weihbischof unzählige Jugendliche, die er gefirmt hat. Haßlberger schätzt, dass es rund 100.000 gewesen sein müssen. „Plus, minus 60 Firmungen habe ich im Jahr. Das nimmt schon ein großes Zeitbudget ein.“ Die Freude an dieser Aufgabe hat er sich bis heute bewahrt: „Es macht immer noch Spaß.“

Gute Tradition ist es, dass der Weihbischof die Firmlinge vor dem großen Fest zu sich auf den Domberg einlädt – zu einer Führung und zu einem Gespräch. Die Jugendlichen würden heute im Gegensatz zu früher selbstbewusstere und auch kritischere Fragen stellen. „Die sprechen die heißen Eisen schon an“, sagt er. Interessiert seien die Firmlinge aber auch immer wieder an dem Menschen hinter dem Talar. Hat ein Weihbischof eigentlich auch Hobbys?

„Ich war schon immer eine Leseratte“

Haßlberger liebt es, sich in Büchern zu vergraben. „Ich war schon immer eine Leseratte“, sagt er. In seinem Arbeitszimmer biegen sich die Regale – so viele Bücher stehen darin. Neben vielen theologischen Werken finden sich dort auch eine Enthüllungsreportage über die AfD und eine Biografie über Martin Luther, den Protestanten. Ist das nicht Ketzerei für einen katholischen Geistlichen? Haßlberger lacht. „Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war das vielleicht noch so. Aber das hat sich schon lange geändert.“

Haßlberger verschanzt sich aber nicht in seinem Studierzimmer. Er ist gesellig, spielt gern Karten, zapft auf Festen Bierfässer an, ist ein passionierter Tennisspieler und liebt die Berge. In jüngeren Jahren hat er sich auch auf Extremklettertouren im Gletscher eingelassen. Heute, mit 72, belässt er es bei Wanderungen von Hütte zu Hütte.

Haßlberger liebt es, sich in Büchern zu vergraben. „Ich war schon immer eine Leseratte“, sagt er. In seinem Arbeitszimmer biegen sich die Regale – so viele Bücher stehen darin.

Sport zum Ausgleich

Beim Sport findet der Weihbischof den Ausgleich zu Aufgaben, die ihm im Gegensatz zu Firmungen auch nach 25 Jahren noch nicht leicht von der Hand gehen. Als Weihbischof ist er in die Diözesanleitung eingebunden und somit auch für Personalentscheidungen mitverantwortlich. „Die unangenehmsten Situationen waren für mich immer die, wenn es in einer Kirchengemeinde mit einem Pfarrer nicht gut gegangen ist“, verrät er. „Wenn das Zerwürfnis so groß war, dass man einen Schlussstrich machen und den Pfarrer abziehen musste.“ Namen möchte Haßlberger nicht nennen. „Nur so viel: Es kam zum Glück nicht furchtbar oft vor.“

In einem Moment hätte er sein Amt gern niedergelegt

Gab es einen Moment im vergangenen Vierteljahrhundert, in dem er sein Amt gerne niedergelegt hätte? „Ja“, sagt er. Im Jahr 2010 war das, als immer mehr Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche publik wurden. „Als jemand, der aus dem Gebirge stammt und mit einer gewissen Skepsis gesegnet ist, habe ich nicht angenommen, dass die Kirche unfehlbar ist. Aber dieses Ausmaß hatte ich doch nicht erwartet. Das hat mir das Amt wirklich vermiest. Da habe ich mir schon gedacht: Wäre schön, wenn du damit nichts mehr zu tun haben müsstest. Aber natürlich ist es wichtig, sich gerade in solchen Momenten zu stellen.“

Haßlberger hat sich mit zahlreichen Opfern auseinandergesetzt. In vielen Gesprächen, die er geführt hat, ist ihm erst richtig klar geworden, wie entsetzlich die Erfahrungen für die Betroffenen gewesen sein müssen. „Das schädigt ein Leben lang, und das tut mir wirklich weh als jemand, der sich mit der Kirche identifiziert und dafür lebt.“

Freude am Glauben und an der Arbeit bewahrt

Kraft und Mut schöpft Haßlberger aus Erlebnissen in der sogenannten Dritten Welt. Als Mitglied der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz kommt er des Öfteren nach Südamerika und Afrika. „Wenn man sieht, mit welcher Ergriffenheit und Begeisterung die Gläubigen dort das Wort Gottes vorlesen, oder mit welchem Stolz sie etwas für die Kollekte geben, sind das wunderbare Erlebnisse.“ Das Allerwichtigste sei, dass er sich in den vergangenen 25 Jahren die Freude an seinem Glauben und an der Arbeit bewahrt habe – und darüber hinaus noch einen guten Schuss Humor.

Lesen Sie auch: Ein Seelsorger „inmitten des Volkes“: Goldene Bürgermedaille für Weihbischof Bernhard Haßlberger

Und so hat Haßlberger am 29. Juni allen Grund, sein Bischofsjubiläum zu feiern. „Ich versuche es, so einfach wie möglich zu halten“, sagt er. Geplant sind ein Gottesdienst und danach ein Umtrunk im KDH. Später wolle er noch in Ruhpolding feiern. Allerdings gebe es im Alter allzu oft Jubiläumsanlässe. „Wenn man nicht aufpasst, kommt man am Ende aus dem Feiern nicht mehr heraus.“

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