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Einer der Vorzeige-Kabarettisten aus weiß-blauen Landen stand bei lauen Temperaturen auf der Bühne und startete die Reanimation des Freisinger Kulturlebens nach dem Lockdown: Michael Altinger.

Gelungener Festival-Auftakt

„Sommer Wunder“ sei dank: Freising hat „ein Stück Kultur“ zurück

  • Andreas Beschorner
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Das „Freisinger Sommer Wunder“ hat eine gelungene Premiere gefeiert. Für Kabarettist Michael Altinger ist es gar ein historischer Auftritt.

Freising– Sie ist wieder da. Am Donnerstag hat die Kultur wieder Einzug gehalten in der Universitäts-, Dom-, Bier- und Rosenstadt Freising. Das „Freisinger Sommer Wunder“ ist gestartet – erst eher theoretisch im Amtsgerichtsgarten, dann ganz praktisch im Biergarten des Stadtcafés auf dem Lindenkeller-Berg. Anders ausgedrückt: erst ein kleiner Empfang, dann Kabarettist Michael Altinger, der „Protestreparierer“, der gerne den West Highland Terrier des Nachbarn grillen würde und für den ein Kartoffelsalatrezept aus der Attila-Hildmann-Gesamtschule ein Graus ist.

Gute Einrichtung

An zwei Spielorten findet in den kommenden Wochen das „Freisinger Sommer Wunder“ statt. Den lauschigen Amtsgerichtsgarten konnten am Donnerstag die Kooperationspartner der Stadt – also die Stadtjugendpflege, die Musikschule und die Uferlos GmbH – sowie die Mitglieder des Kulturausschusses bei einem Empfang erleben. Die Bühne steht bereit, die Stühle werden brav in Zweiergruppen mit 1,5 Meter Abstand rundherum aufgestellt, 150 Zuschauer finden hier Platz, am Donnerstag umrahmten schon einmal die Triolen die Feier.

OB Tobias Eschenbacher freute sich, dass man nach Monaten des Darbens „jetzt wieder ein Stück Kultur bieten“ könne. Nachdem Corona das Kulturprogramm der Stadt „über den Haufen geworfen“ habe und sich private Veranstalter immer noch schwer täten, kulturelle Angebote auf die Beine zu stellen, habe man es da als Kommune etwas leichter. Das „Freisinger Sommer Wunder“ sei eine gute Einrichtung.

Hartes Stück Arbeit

Kulturreferentin Susanne Günther sagte dann das, was sie eine Stunde später zur Begrüßung der Kabarett-Gäste ebenfalls sagte: Auch wenn die Veranstaltungsreihe „Wunder“ heiße, so sei es doch weniger ein Wunder als vielmehr „knallharte Arbeit“ gewesen, „ein derart großartiges Programm“ in so kurzer Zeit ins Leben zu rufen. Und das, wo sich doch vor acht Wochen noch kaum jemand vorstellen konnte, dass es in diesem Sommer überhaupt Kulturveranstaltungen gebe. Günther stellte kurz das Programm und die Künstler vor. Und sie freute sich, dass (fast) alle Veranstaltungen ausverkauft seien (www.freising.de/rathaus/online-dabei/freisinger-sommer-wunder). Ingo Bartha, dem Leiter des Referats für Tourismus und Kultur, blieb nur die Hoffnung, dass in den kommenden drei Wochen (bis 26. Juli) gutes Wetter herrsche.

Altinger-Solo

Am Donnerstagabend hat sich die Hoffnung Barthas schon einmal erfüllt: Einer der Vorzeige-Kabarettisten aus weiß-blauen Landen stand bei lauen Temperaturen auf der Bühne und startete die Reanimation Freisinger Kulturlebens nach dem Lockdown. Michael Altinger aus dem nicht existierenden Strunzenöd, wo er der Einzige nicht nur mit der Corona Warn-App, sondern überhaupt mit Smartphone ist. Sein Auftritt in Freising hatte dabei etwas Historisches: Zum ersten Mal habe er genauso viele Zuschauer wie der FC Bayern beim Pokalfinale, freute sich der Mann, der seine eigene Generation nicht mehr ganz ernst nehmen kann: Sex falle da unter Sport, und man stelle sich danach auf die Waage, „ob es was gebracht hat“, und er frage schon lange nicht mehr, wo der Bär steppt, sondern „wo der Bär stirbt“.

Viel Applaus

Das Publikum auf den schattigen Plätzchen amüsiert sich köstlich, und wenn einmal nur ein einzelner Zuschauer klatscht, freut sich Altinger trotzdem: „Danke, Papa!“ Grillen – das ist für Altinger eine wahrhaft männlich-heroische Tat, zumal der Kartoffelsalat für ihn die Keimzelle des menschlichen Miteinanders darstellt. Kartoffelsalat ist für Altinger genauso systemrelevant wie seine Frau: „Sie töpfert.“ Woran, so fragt Altinger, erkennt man heutzutage in Corona-Zeiten einen anständigen Deutschen, fragt Altinger? Die spöttische, aber mit anerkennender Absicht formulierte Antwort: „An dem verrotzten Hemdsärmel.“ 

Eröffneten das „Sommer Wunder“ im Amtsgerichtsgarten: Kulturreferatsleiter Ingo Bartha, OB Tobias Eschenbacher, Kulturreferentin Susanne Günther, Musikschul-Chef Odilo Zapf und Vipo Maat (Uferlos, alle v. l.).

Altinger verbindet eben Witze mit hintergründigen, manchmal moralischen, aber nie moralisierenden Intentionen: Er hasse diese Wegwerfgesellschaft, gesteht er. Er sei inzwischen „Protestreparierer“. Denn was könne man aus zwei alten iPhone 4 und einem Gummiband machen? Genau: „Eine wunderbare Geldscheinklammer.“ Und dann gibt es Themen, die bei seinem Freisinger Publikum besonders gut ankommen: Flugscham zum Beispiel. Die gebe es seit Corona ja nicht mehr – und das, obwohl Deutschland kurz davor gewesen sei, ein Scham-Ministerium einzurichten. Bester Kandidat als Scham-Minister: der Scheuer Andi. „Geh dich schämen.“

Das war es, was vielen Freisingern in den vergangenen Wochen und Monaten gefehlt hat: Kultur und Kabarett im lauschigen Ambiente mit ganz viel Spaß und Unterhaltung. Fast ein Wunder.

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