Plastikprodukte
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Immer mehr Menschen konsumieren Essen außer Haus oder lassen es sich liefern. Einen Kaffee to-go, ein Schnitzel oder asiatische Nudeln in der Styropor-Box – ausgetrunken, aufgegessen, Verpackung weggeschmissen. Das ist bequem, aber so entsteht immer mehr Müll. Aus Plastik wird Mikroplastik, das inzwischen sogar in der menschlichen Plazenta nachgewiesen wird. Höchste Zeit also, umzudenken.

Einwegprodukte sind verboten, aber erst werden Reste verbraucht – und es gibt Ausnahmen

Freising stellt um: Der lange Abschied vom Plastik

Seit 3. Juli sind Einweg-Plastikprodukte verboten. Doch der Abschied vom Plastik ist lang und kompliziert. Eine Bestandsaufnahme.

Landkreis - „Fast-Food-Verpackung, Trinkhalme, To-go-Becher: Viele Einwegplastikprodukte sind seit dem 3. Juli in der EU verboten. Eigentlich. Zum einen nämlich dürfen die Lagerbestände an Einwegplastik noch bis zur letzten Salatschüssel verkauft werden. Zum anderen gibt es Ausnahmen – für Plastikprodukte, für die es derzeit noch keinen sinnvollen Ersatz auf dem Markt gibt.

Die Situation ist noch etwas kompliziert“, sagt etwa Anton Huber, Juniorchef der Metzgerei mit Hotel und großer Mitnahmetheke am Moosburger Viehmarktplatz. „Die Lieferanten unserer To-go-Verpackung haben uns zwar versichert, dass die verwendeten Materialien nicht unter die Gesetzesänderung fallen.“ So ganz verlassen will sich der 38-Jährige auf diese Aussage jedoch nicht. „Langfristig müssen wir ohnehin etwas ändern, weil in allen möglichen Bereichen Kunststoff verarbeitet wird – und der Rohstoff Erdöl aber nun mal endlich ist.“ Huber hat sich daher kürzlich gemeinsam mit anderen örtlichen Gastronomen beim Branchen-Austausch eines örtlichen Verpackungshändlers über Alternativen informiert. „Die Firma SWS Schüler versucht derzeit, ein Gastro-Kreislaufkonzept für Moosburg zu entwickeln (siehe Bericht im Kasten). Das klingt vielversprechend“, sagt Huber. Wenn genügend mitmachen würden, sollte sich das seiner Meinung nach gut etablieren. „Wir würden von so einem System sicher profitieren, weil wir viele Stammkunden haben. Es ist doch wahnsinnig aufwändig, wenn du dir jeden Tag essen holst und dir danach einen Mülleimer suchen musst.“ Viel leichter sei es beispielsweise, einen Kreislauf-Behälter einfach im Auto zu lassen – und beim nächsten Einkauf zurückzugeben. Insgesamt ist Anton Huber überzeugt: „Am Ende entscheiden die Kunden, was gemacht wird.“

Recup-Pfandsystem als erster Schritt

Bereits vor einem Jahr hat sich Manuel Mück von der Esso-Tankstelle in Allershausen mit dem Thema auseinandergesetzt. „Wir haben ein Rahmenabkommen mit Tchibo, dessen Kaffee wir hier verkaufen. Die stellen uns auch die Materialien zur Verfügung.“ Auf seine Nachfrage bezüglich der To-go-Becher habe er die Antwort bekommen, dass die Becher, die man hier verwende, „aus nachwachsenden Rohstoffen produziert werden und zudem kein expandiertes Polystyrol enthalten“ – weshalb sie nicht von dem Verbot betroffen seien. Dennoch hat sich Manuel Mück mit der Möglichkeit eines Mehrwegsystems für seine Kunden auseinandergesetzt, hat bereits Gespräche mit Vertretern des deutschlandweiten Pfandsystems „Recup“ geführt. „Eine finale Entscheidung habe ich noch nicht getroffen, weil wir ja an Esso angeschlossen sind und warten wollten, was die machen.“ Wenn da in nächster Zeit nichts passiere, werde er die Gespräche mit Recup wieder aufnehmen.

Mück ergänzt, dass vor der Pandemie schon sehr viele seiner Kunden einen eigenen Becher für den Kaffee dabei gehabt hätten. „Corona hat uns da einen Strich durch die Rechnung gemacht, weil das lange aus Hygienegründen verboten war und es jetzt erst wieder in die Wahrnehmung der Menschen rücken muss, dass sie ihren eigenen Becher wieder befüllen lassen können.“

Yormas: Nicht alles Plastik ist verboten

Eine besonders hohe Kundenfrequenz verzeichnet die Filiale des Gastro-Großunternehmens Yormas am Freisinger Bahnhof. Hier gehen die Sandwiches, Salate und Kaffeebecher im Sekundentakt über die Ladentheke – und bislang auch noch reichlich Plastik. Doch die „Umstellung“ laufe in allen 62 Yormas-Filialen auf Hochtouren, berichtet Sprecherin Tamara Eberl: Verkauft werde an Einwegplastik nur noch, was auf Lager sei. Ohnehin habe man Plastik-Halme „schon seit über einem Jahr aus unserem Sortiment genommen. Rührstäbchen sind bei uns aus Holz. Die Becher, in denen unser Obst, und Schüsseln, in denen unser Salat abgefüllt wird, zählen nicht zu den Produkten, die bis zum 3. Juli umgestellt werden mussten.“

Die Chefin des Kranzberger Metzgerwirts begrüßt zwar das Plastikverbot, sieht aber am Pfandsystem noch Optimierungsbedarf.

Tatsächlich werden zwar ab Juli zahlreiche Einwegplastikprodukte in der EU verboten sein. „Einige weitere, die derzeit nicht verboten werden können, sollen künftig ein spezielles Label tragen, das vor Umweltschäden durch Plastik warnt“, heißt es auf der betreffenden Homepage der Bundesregierung. Das Bundeskabinett habe dazu die „Einwegkunststoffkennzeichnungsverordnung“ beschlossen. Sie wolle Bürger mit klar erkennbaren Labels und dem Hinweis „Produkt enthält Plastik“ für den bewussten Umgang mit Plastik sensibilisieren. Ein EU-weites Verbot komme für diese Produkte bislang „nicht in Frage, weil es für sie derzeit keine ökologisch sinnvolleren Alternativen gibt“.

Ran-Tankstelle: Erst Reste aufbrauchen

Einen Schritt Richtung plastikfreie Zukunft hat man in der Ran-Tankstelle Freising schon unternommen: Man bietet seit zwei Jahren bereits die Recup-Kaffeebecher an. „Das wird aber leider nicht besonders gut angenommen“, bedauert Geschäftsführer Eberhard Feldhoff. „Das ist den meisten Kunden zu viel Aufwand.“ Daher habe er auch noch die Einwegbecher im Einsatz. Natürlich werde auch Ran das seit 3. Juli geltende Plastik-Verbot umsetzen – allerdings erst dann, wenn die Lagerbestände an Altmaterial beim Lieferanten aufgebraucht seien. Welche umweltfreundlichen Produkte danach kommen und zum Beispiel den Plastikdeckel der Ran-Salatschale ersetzen – der Geschäftsführer weiß es noch nicht. Ihm wäre eigentlich am liebsten eine kompromisslose Umstellung auf plastikfreie Produkte, die dann aber auch von jedem Unternehmen konsequent umgesetzt werden müsste. „Dann hätten die Kunden keine Alternativen mehr – und das Thema wäre durch.“

Styropor – und was kommt danach?

„Es ist natürlich sehr gut, wenn weniger Müll produziert wird. Das steht außer Frage“, sagt Maria Kohlmeier, die Chefin des Metzgerwirts in Kranzberg und der dazugehörigen Metzgerei. Dann schickt sie ein großes Aber hinterher: „Lebensmitteltechnisch ist das nicht gerade hygienisch, wenn selbst mitgebrachte Behälter über den Tresen gehen und von der Verkäuferin angefasst werden.“ Seit Corona seien die eigenen Boxen der Kunden nicht mehr befüllt worden. Das Thema beschäftigt Kohlmeier: „Da geht es um das Essen zum Mitnehmen in der Wirtschaft, das warme Essen in der Metzgerei und natürlich auch, wenn bei uns ein Gast die Portion nicht geschafft hat und den Rest mitnehmen möchte.“ Wie genau das die Kranzberger Traditionsgaststätte künftig lösen wird, steht noch nicht fest. „Jetzt brauchen wir erst mal unsere Restbestände an Styropor-Verpackungen auf“, sagt Maria Kohlmeier. Recup sei dann auf jeden Fall eine Option. Aber ganz überzeugt sei sie davon auch nicht. Denn: „Manche schneiden da mit dem Messer drin rum oder stellen es zuhause versehentlich auf die heiße Herdplatte und geben den zerkratzten oder angeschmolzenen Behälter dann zurück. Der nächste Kunde muss ihn dann nehmen – optimal ist das nicht.“

Rewe hat bereits vor drei Jahren reagiert

Auch in Supermärkten ist das Einwegplastikverbot natürlich ein Thema. Wie Sprecherin Rosmarie Anthofer von der in Eching beheimateten Rewe-Region Süd erläutert, habe Rewe bereit vor drei Jahren „und als erster großer Händler in Deutschland“ damit begonnen, bei den nun verbotenen Einwegplastikprodukten keine neue Ware mehr zu ordern und nur noch die Restbestände zu verkaufen. „Vor diesem Hintergrund haben Alternativen längst die Vorgängerprodukte in den Regalen ersetzt“, sagt Anthofer. Als Beispiel nennt sie Plastik-Trinkhalme, die seit Frühjahr 2019 aus Papier, Weizengras oder Edelstahl angeboten würden.

Laut Rosmarie Anthofer setzt sich die Rewe Group das Ziel, bis Ende 2030 alle Eigenmarken-Verkaufsverpackungen sowie Serviceverpackungen zu vermeiden oder umweltfreundlicher zu gestalten. „Bis Ende 2025 sollen sämtliche Kunststoffverpackungen der Eigenmarken, die nicht vermieden werden können, recyclingfähig sein“, kündigt die Sprecherin an.  afo/hob/as/ba

Das ist verboten:

- Einwegbesteck und -geschirr aus Plastik, Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballonstäbe aus Kunststoff dürfen seit dem 3. Juli 2021 EU-weit nicht mehr produziert werden. Gleiches gilt für To-go-Getränkebecher, Fast-Food-Verpackungen und Wegwerf-Essensbehälter aus Styropor. Der Handel kann vorhandene Ware abverkaufen.
- Verboten werden zudem Wegwerfteller, -becher oder -besteck aus biobasierten oder biologisch abbaubaren Kunststoffen. Das Gleiche gilt für Einwegteller und -schalen aus Pappe, die nur zu einem geringen Teil aus Kunststoff bestehen oder mit Kunststoff überzogen sind.
- Kennzeichen auf weiteren Plastik-Wegwerfprodukten: Erlaubt bleiben weitere Wegwerfprodukte aus oder mit Kunststoff wie beispielsweise Feuchttücher und bestimmte Hygieneartikel, Zigaretten mit kunststoffhaltigen Filtern oder Wegwerfgetränkebecher. Sie müssen ebenfalls ab dem 3. Juli 2021 ein spezielles Kennzeichen erhalten, das vor Umweltschäden durch Plastik warnt und Verbraucher über die richtige Entsorgung informiert. Quelle: Bundesregierung.

Das „Moosburger Modell“

Während sich in Metropolen bereits To-go-Mehrwegsysteme bewähren, steht das Thema in kleineren Städten und Gemeinden noch ganz am Anfang. Wie berichtet, plant die Moosburger Firma SWS Schüler – bislang Lieferant von Einwegverpackungen – nun das Kreislaufsystem „Nomoi“, das sich an Gastronomen in kleineren Orten richtet.

Konkret will man Wirte und Lebensmittelhändler mit verschiedenen in Bayern produzierten Boxen aus recyceltem Polypropylen ausstatten. Das Mehrweggeschirr soll Spülmaschinen- und Mikrowellen-geeignet sein. Die Gastronomen kaufen beim Anbieter ein gewisses Kontingent und geben die Boxen dann beim Kauf von Speisen gegen fünf Euro Pfand an den Verbraucher ab. Der erhält sein Pfand bei der Boxrückgabe in allen teilnehmenden Betrieben im Ort zurück. Stauen sich bei einem Wirt zu viele Boxen eines nicht passenden Typs, sorgt der Systemanbieter für den Austausch.

Für diesen Service wird eine monatliche Gebühr je nach Größe des Lokals oder Ladens erhoben. Wie Orhan Söhmelioglu, Chef von SWS Schüler, erklärt, sei das Konzept noch nicht komplett zu Ende gedacht: „Ich möchte das System gemeinsam mit den Gastronomen weiterentwickeln und freue mich auf einen regen Austausch.“

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