Bei der Enthüllung des Stolpersteins: (vorne, v. l.) OB Tobias Eschenbacher, Guido Hoyer und Andreas Decker sowie (hinten, v. l.) Hubert Hierl, Manfred Drobny, Andreas Mehltretter, Fritz Schulte (mit Fotografie von Rannertshauser) und Hartmut Binner.
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Bei der Enthüllung des Stolpersteins: (vorne, v. l.) OB Tobias Eschenbacher, Guido Hoyer und Andreas Decker sowie (hinten, v. l.) Hubert Hierl, Manfred Drobny, Andreas Mehltretter, Fritz Schulte (mit Fotografie von Rannertshauser) und Hartmut Binner.

Erinnerung an Freisinger Johann Rannertshauser

Zwangssterilisiert und ermordet: Stolperstein erinnert an Euthanasie-Opfer des NS-Regimes

Er hat Göring und Goebbels kritisiert und wurde im NS-Regime zum Psychopathen erklärt: Jetzt wird einem Freisinger Euthanasie-Opfer eine späte Ehre zuteil.

Freising – „Es ist Zeit, dass wir in Freising an das unmenschliche Schicksal von Johann Rannertshauser erinnern. Dauerhaft. Das sind wir ihm wie auch allen anderen Opfern der NS-Terrorherrschaft, schuldig!“ OB Tobias Eschenbacher fand am Freitag eindringliche Worte zur Enthüllung des Freisinger Stolpersteins mit der Nummer 18 an der Jahnstraße. Was bei der kleinen Gedenkfeier klar wurde: Noch längst sind nicht alle Geschichten der Freisinger Opfer auserzählt.

Jetzt, so der Geschichtsreferent Dr. Guido Hoyer, ist er nicht mehr nur Johann R., wie in Archivstücken abgekürzt. Durch den Stolperstein werde Rannertshauser dem Vergessen entrissen, das Gedenken an ihn als Mensch in den Alltag zurückgebracht. Um genau dieses Leben zu beleuchten, hat sich Oberstudienrat Andreas Decker auf Spurensuche begeben und die Erkenntnisse in einer Publikation festgehalten.

Ärzte erklären Rannertshauser zum schwachsinnigen Psychopathen

Der 1913 in Freising geborene Rannertshauser genießt keine lange Schulzeit, wechselt häufig die Arbeitsplätze und fällt später durch Bettelei und Landstreicherei auf. Immer wieder wird er deshalb verhaftet. Werden ihm zunächst nur mangelnde Intelligenz und Wissenslücken bescheinigt, steigern sich die Diagnosen rasch: Rannertshauser, so die Ärzte, sei ein schwachsinniger, schizoider Psychopath. Gemeingefährlich sei er, weil er in Kriegszeiten abwertende Bemerkungen über Göring und Goebbels von sich gegeben habe.

Die Heil- und Pflegeeinrichtung Kaufbeuren wurde der letzte Aufenthaltsort des Opfers der NS-„Euthanasie“. Am 28. April 1945 starb Rannertshauser, zwangssterilisiert, offiziell an einer Enteritis – naheliegend sei allerdings vielmehr, so Decker, dass er an Mangelernährung durch E-Kost (Entzugskost) und an unentdeckten Erkrankungen sein Leben ließ.

Mindestens 34 Menschen aus dem Landkreis Freising fielen bei Linz der Euthanasie zum Opfer

Ein kleines Rätsel gibt das Familiengrab auf. Dort steht eingemeißelt „Vergast in Dachau“. Für Hoyer ist das Grab deshalb ein Zeitdokument für jene Nachkriegszeit, als Dachau stellvertretend stand für alle Verbrechen der NS-Zeit. Weil es der Familie wichtig war, dass jeder lesen konnte, dass ihr Sohn ermordet worden war, muss laut Hoyer das Grab als Mahnmal unverändert bleiben.

Was er sich allerdings wünscht: eine erklärende Tafel neben der letzten Ruhestätte. Denn in Dachau sei nicht vergast worden, dafür aber unter anderem in Schloss Hartheim bei Linz, der „Reichstötungsanstalt“ für psychisch Kranke und Behinderte. Dort wurden mindestens 34 Menschen aus dem Kreis Freising ermordet.

Über 400 Menschen im Landkreis wurden als „erbkrank“ abgestempelt, viele Geschichten seien noch gar nicht erzählt worden. Die Erinnerungen an diese Menschen, betonte Eschenbacher, müssen mitten unter uns stattfinden. (Richard Lorenz)

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