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14 Monate im ewigen Eis: Dieser Freisinger geht als Koch auf eine Forschungsstation in der Antarktis

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Von: Magdalena Höcherl

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Tanguy Doron aus Freising in seiner Küche.
Auf Wiedersehen: In seiner Küche in Freising wird Tanguy Doron 14 Monate lang nicht mehr stehen – dafür kocht der 52-Jährige in der Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Seine liebsten Kochbücher begleiten ihn. © Rainer Lehmann

Kurz vor Weihnachten wird Tanguy Doron Freising verlassen. Er geht als Koch auf die Neumayer-Station III in der Antarktis – und verbringt 14 Monate im ewigen Eis.

Freising – Genügend Unterhosen zu haben, ist das Wichtigste für Tanguy Doron. Der Freisinger kann zwar nähen. „Aber irgendwann lassen sie sich halt nicht mehr flicken.“ Schnell mal neue Wäsche zu kaufen, ist keine Option: Der 52-Jährige wird 14 Monate in der Antarktis verbringen – fernab von jeglicher Zivilisation.

Auf den Spuren großer Forscher

Mit seinem neuen Job als Koch auf der Neumayer-Station III, einer deutschen Polarforschungsstation in der Antarktis, erfüllt sich Tanguy Doron einen Kindheitstraum. „Wir begeben uns auf die Spuren großer Forscher wie Roald Amundsen. Dieser Abenteuergeist, das ist faszinierend“, sagt Doron. Seine Gefühle in Worte zu fassen, fällt ihm nicht leicht. „Es ist schwer zu erklären, es ist einfach etwas Einmaliges, das nur ganz wenige Menschen erleben dürfen.“

Dick eingepackt: Bevor es losgehen kann, müssen sämtliche Vorkehrungen getroffen werden. Ein wichtiger Punkt ist die richtige Kleidung: Hier probiert Tanguy Doron einen Schneeanzug und Polar-Stiefel an.
Dick eingepackt: Bevor es losgehen kann, müssen sämtliche Vorkehrungen getroffen werden. Ein wichtiger Punkt ist die richtige Kleidung: Hier probiert Tanguy Doron einen Schneeanzug und Polar-Stiefel an. © privat

Ein Lebenstraum wird erfüllt

Einen Forschungstrip wie diesen will Doron, der aus Vendôme im französischen Loiretal stammt und seit fast vier Jahrzehnten in der Domstadt lebt, seit Jahren machen. „Doch irgendwas war immer: Erst waren die Kinder zu klein, dann war ich mit meinem Restaurant ,La petite France‘ selbstständig.“ Jetzt sind die Kinder groß, die Enkelkinder noch sehr klein, und die Selbstständigkeit hat er 2017 aufgegeben und seither am Flughafen gearbeitet. Einer Bewerbung am AWI, dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, stand nichts mehr im Weg. Dass der gelernte Koch mit fast 40 Jahren Gastro-Erfahrung tatsächlich genommen wurde, sei für ihn eine riesige Überraschung gewesen.

Alpengletscher simulieren Antarktis

Seit er im April die Zusage erhalten hat, ist Tanguy Doron ständig unterwegs: Gesundheitschecks standen an und zahlreiche Praktika, etwa beim Zahnarzt oder im OP. „Notfalls muss ich einem Arzt assistieren können“, sagt Doron. Er und das Team werden nicht nur medizinisch fit gemacht, sondern auch in sämtlichen anderen Bereichen. Tanguy Doron war zum Beispiel auf einem Gletscher in den österreichischen Alpen, um Rettungsmanöver im Eis zu simulieren. „Zuletzt waren wir auf einem Marinecampus, um Brandschutz-Übungen zu absolvieren. Wenn ein Feuer ausbricht, können wir nicht die 112 rufen“, erklärt Doron schmunzelnd. „Wir müssen lernen, komplett autonom leben zu können – und zwar an einem Ort, der nicht für Menschen gemacht ist. Dort gibt es ein paar Pinguine, ein paar Vögel, das war’s.“

Bekanntes Schiff: Der Eisbrecher „Polarstern“ kehrte erst kürzlich von einer Forschungsfahrt in der Arktis zurück. Im Dezember soll er Tanguy Doron und sein Team von Kapstadt in die Antarktis bringen.
Bekanntes Schiff: Der Eisbrecher „Polarstern“ kehrte erst kürzlich von einer Forschungsfahrt in der Arktis zurück. Im Dezember soll er Tanguy Doron und sein Team von Kapstadt in die Antarktis bringen. © privat

Neben den Schulungen, die alle Teammitglieder durchlaufen, muss sich Tanguy Doron vor allem um sein Aufgabengebiet kümmern: die Verpflegung und alles, was dazugehört. Und das ist viel: jeden Tag drei Mahlzeiten plus Kaffee und Kuchen beziehungsweise Brotzeit. „Vorab zu überlegen, was zehn Leute 14 Monate lang brauchen, ist ein hoher logistischer Aufwand. Ich kann ja nicht mal eben schnell zum Supermarkt nach nebenan gehen.“ Die Corona-Pandemie mache die Sache nicht einfacher: Normalerweise wird die Station regelmäßig, das heißt, wenn neue Wissenschaftler kommen, mit frischen Produkten, zum Beispiel aus Kapstadt, versorgt. Das wird diesmal allerdings nicht der Fall sein.

Mit dem Polarstern Richtung Südpol

Da kommt das Projekt „Garten Eden“ der NASA und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ins Spiel. „Es geht darum, Obst und Gemüse ohne Erde zu züchten, damit Menschen wie wir oder Astronauten auch frische Produkte bekommen“, erklärt Doron. Zusammen mit einer Kollegin von der NASA wird er dieses Projekt vorantreiben. Zum Team der 41. Überwinterung auf der Neumayer-Station III gehören zudem ein Chirurg, eine Luftchemikerin, ein Meteorologe, zwei Geophysiker, ein Elektriker, ein Ingenieur und eine Funkerin. Sie erforschen, welchen Einfluss die globale Wirtschaft auf die Antarktis hat.

Gemeinsam werden sie am 20. Dezember nach Kapstadt fliegen und von dort mit dem Forschungsschiff Polarstern zur Antarktis aufbrechen. Bis dahin muss Dorons Lebensmittelbestellung noch geliefert, in Container verladen und tiefgekühlt werden. „Das sind noch einige Wochen harte Arbeit“, sagt der Freisinger. „Doch wenn wir erst mal dort sind, wird es anders. Sicherlich interessant, aber ich denke mir, das ist ein bisschen wie zu Hause für die Familie zu kochen.“

Küchenmaschine ist mit im Gepäck

Damit ihm das genauso leicht fällt wie zu Hause, kommt natürlich seine Kochausrüstung mit in den Süden. Von den fünf Metallkisten, die als privates Gepäck erlaubt sind, hat Doron nur zwei befüllt. „Die eine ist meine Arbeitskiste: Küchenklamotten, ein Messerset, Kochbücher und meine geliebte Kitchen-Aid“, zählt er auf. Die zweite ist seine Privatkiste: Laptop, Fotoapparat, Familienfotos. Dazu Alltagskleidung wie Jeans, T-Shirts, Socken, genügend Unterwäsche. „Und natürlich meine Lederhose, Haferlschuhe, die ganze Tracht. Denn wenn wir dort zum Beispiel einen Geburtstag feiern, will ich sauber angezogen sein“, sagt der Freisinger. „Außerdem nehme ich mit der Lederhose auch ein bisschen Heimat mit.“

Mehr als die zwei Metallkisten braucht der 52-Jährige nicht. „Die Leute, die früher unterwegs waren, konnten auch nichts mitnehmen“, sagt er. „Es geht um Entbehrung, es ist ein bisschen, wie ins Kloster zu gehen“, sagt Tanguy Doron. Er betont: „Das wird eine gigantische Aufgabe. Ich bin ganz stolz und glücklich, dafür ausgewählt worden zu sein.“

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