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Therapieplätze sind im Landkreis Freising schwer zu bekommen - Kinder und Jugendliche trifft es am Härtesten

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In Deutschland an einen Therapieplatz zu kommen, ist nicht einfach und in der Regel ein langwieriger Prozess.
Im Landkreis Freising an einen Therapieplatz zu kommen, ist nicht einfach und in der Regel ein langwieriger Prozess, vor allem, wenn es um Kinder geht. © Soeren Stache/ dpa

Schon länger herrscht im Landkreis Freising ein Mangel an psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung. Kinder und Jugendliche trifft es besonders hart.

Freising – Neu ist das Problem zwar nicht, aber langsam wird’s dringlich: Die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung im Landkreis Freising stößt an ihre Grenzen. In der jüngsten Vollversammlung der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Freising ging es erneut um diesen Engpass, der laut der Krankenkassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) bezüglich Psychotherapeuten eigentlich gar keiner ist.

Diese Kuriosität zwischen Realität und Zahlenwerk sorgte bereits in der Novemberversammlung der PSAG für großes Erstaunen. Die KVB spricht nämlich von einer Überversorgung in puncto Psychotherapeuten in Stadt und Landkreis Freising. Die Realität sieht freilich anders aus, was unter anderem überaus lange Wartelisten für die Betroffenen jedes Alters zeigen. Heißt im Klartext: Der Bedarf ist enorm, das passende Angebot relativ gering, weil eben auch nicht jeder Therapeut jeden Patienten annimmt und das Angebotsspektrum aufgrund fehlender Vernetzung weitgehend unklar ist.

Christian Jotter (PSAG): Nach der Pandemie „liegen die Nerven blank“.
Christian Jotter (PSAG): Nach der Pandemie „liegen die Nerven blank“. © Lorenz

Was zum Jahreswechsel noch erschwerend dazukam, ist der Wegfall der einzigen kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis. Die hatte nämlich überraschend geschlossen, ein Nachfolger ist noch nicht in Sicht. Nun müssen Betroffene weite Wege bis nach München auf sich nehmen, um diesen Versorgungsengpass überbrücken zu können. Zur Erklärung: Betroffene Kinder oder Jugendliche brauchen zur Diagnosestellung einen Kinder- und Jugendpsychiater, um dann beispielsweise eine medikamentöse Therapie oder eine Psychotherapie beginnen zu können.

Alleingelassen wird in akuten Krisen trotzdem niemand

Aber auch für Erwachsene ist das psychiatrische Versorgungsnetz im Landkreis laut PSAG-Vorsitzendem Christian Jotter vollkommen aus-, wenn nicht gar überlastet, sodass es auch hier zu langen Wartezeiten komme. Bezüglich der Fehldiagnose, dass es im Landkreis genügend Therapeuten gäbe, sei es vor allem eine politische Aufgabe, hier noch mal auf die KVB zuzugehen und eine neue Beurteilung der Gesamtlage anzustoßen. Was die PSAG sich wünscht und anschieben möchte: eine bessere Vernetzung und eine schnellstmögliche Lösung in puncto fehlendem Kinder- und Jugendpsychiater.

Alleingelassen in akuten Krisen werde aber trotzdem niemand, betonte Jotter auf FT-Nachfrage. Vor allem der durchgehend erreichbare Krisendienst Psychiatrie Oberbayern habe sich längst etabliert und werde gut angenommen. Tagsüber können sich Betroffene bis 16 Uhr (danach übernimmt ein privater Träger) an das Freisinger Krisenteam bei der Caritas wenden, die je nach Bedarfslage und Einschätzung auch zum Betroffenen fahren, um dort Schlimmeres zu verhindern. „Die Einsätze werden ganz klar mehr“, betonte Jotter,

Ukraine-Krieg: Fachmann befürchtet, dass viele Flüchtlinge Therapie benötigen

Das Überraschende: Es melden sich immer mehr Personen, die nicht psychiatrisch krank sind, sich aber in einer akuten Krise befinden. „Es sind vor allem junge Leute mit beispielsweise Prüfungsängsten und Beziehungsbrüchen“, sagte Jotter. Seiner Meinung nach wird jetzt immer mehr deutlich, dass nach der Pandemie „die Nerven blank liegen“.

Für die PSAG sei die Pandemie aktuell allerdings aufgrund der Kriegsgeschehnisse in der Ukraine ein wenig in den Hintergrund gerückt. „Hier sind wir in der Beobachtungsphase.“ Jotters Befürchtung: „In unserer Herbstsitzung wird das ein akutes Thema werden.“ Viele Traumata würden vermutlich erst nach einer gewissen Zeit bei den Geflüchteten herausbrechen, vor allem wenn der Krieg noch andauere und damit auch die Zahl der Opfer steigen werde.

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Mit seiner Tätigkeit als Fachdienstleiter der Psychiatrischen Dienste der Caritas Freising hat Jotter aber dennoch einen Traumjob gefunden. „Den Menschen zu helfen, dafür schlägt einfach mein Herz!“ (Richard Lorenz)

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