Premiere: Im Juli stellten die Uferlos-Veranstalter zusammen mit Musikschule, Stadtjugendpflege und der Stadt Freising das „Sommer Wunder“ im Amtsgerichtsgarten auf die Beine. Die Veranstaltungsreihe eröffneten Mieke & The Boys mit einfühlsamer Gitarrenmusik.
+
Premiere: Im Juli stellten die Uferlos-Veranstalter zusammen mit Musikschule, Stadtjugendpflege und der Stadt Freising das „Sommer Wunder“ im Amtsgerichtsgarten auf die Beine. Die Veranstaltungsreihe eröffneten Mieke & The Boys mit einfühlsamer Gitarrenmusik. Archiv

Firma von Vipo Maat entging der Pleite knapp

„Aufgeben ist keine Option“: Uferlos-Geschäftsführer über die heikle Lage der Kulturbranche

  • Magdalena Höcherl
    vonMagdalena Höcherl
    schließen

Seit Monaten liegt die Kunst- und Kulturbranche brach. Uferlos-Geschäftsführer Vipo Maat spricht über die erste Festival-Pause nach elf Jahre und wie seine Firma knapp der Pleite entging.

Freising – „Ohne Kunst und Kultur wird’s still“: Seit Monaten liegt die Kunst- und Kulturbranche brach, Veranstaltungen finden nicht mehr statt. Im FT-Interview spricht Vipo Maat (55), Geschäftsführer der Uferlos Kultur und Veranstaltungs GmbH, über die erste Festival-Pause nach elf Jahren, welche Bedeutung Kultur für die Gesellschaft hat, und wie seine Firma knapp der Pleite entgehen konnte.

Herr Maat, hinter uns liegt fast ein ganzes Jahr Pandemie. Wie würden Sie das in einem Satz beschreiben?

Wir als Firma haben Glück im Unglück gehabt. Ansonsten ist es sehr schwer, dieses intensive Jahr so kurz zusammenzufassen.

Dann holen Sie aus.

Das Uferlos Festival gibt es seit 2009. Mein Geschäftspartner Thomas Sedlmeier und ich haben dafür von Anfang an gekämpft, wir mussten quasi jeden Millimeter erobern und für die Akzeptanz des Festivals sehr hart arbeiten. Und harte Arbeit ist es nach wie vor jedes Jahr, auch wenn die Veranstaltung locker und lustig erscheint. Aber bis die Stadt Freising, die Sponsoren und natürlich die Gäste überzeugt waren, war unglaublich viel zu tun.

Die Köpfe hinter dem Festival: Das erste Uferlos veranstalteten Thomas Sedlmeier und Vipo Maat (r.) 2009. Archiv

Aber 2020 konnten Sie gar niemanden von Ihrer Arbeit überzeugen.

Nein, doch das war uns am Anfang freilich noch nicht klar. Man hat die Situation zunächst etwas skeptisch beäugt, aber sich dann gedacht, dass sie schon wieder vergehen werde. Dann habe ich mehrfach mit mir bekannten Ärzten gesprochen, die schon früh gesagt haben: „Nein, das dauert länger.“

Also haben Sie am 17. März, fast eine Woche vor Beginn des ersten Lockdowns, das für Mitte Mai geplante Uferlos Festival gestrichen.

Und das war gerade noch rechtzeitig. Hätten wir uns erst zwei Wochen später dazu entschieden, hätten wir sehr viele Kosten selbst tragen müssen. Die Zelte, die Infrastruktur: Das sind sechsstellige Beträge. Wären die fällig gewesen, hätten wir die Firma zusperren können.

In dieser Branche steckt so viel Herzblut, Engagement und Gemeinschaft. Ich finde es sehr betrüblich, dass diese Menschen so hinten runterfallen.

Vipo Maat

Wie ging es für die Uferlos GmbH nach der Absage weiter?

Die Firma, die Thomas Sedlmeier und ich leiten, ist zum Glück sehr klein: Wir haben vier Mitarbeiter und ein 15 Quadratmeter großes Büro. Dass wir uns von Anfang an dazu entschlossen haben, bewusst so klein zu bleiben und sehr umsichtig zu agieren, ist in der Pandemie natürlich ein Vorteil. Wir mussten niemanden ausstellen.

Gab es in den vergangenen Monaten überhaupt etwas zu tun?

Der Höhepunkt war natürlich das „Freisinger Sommer Wunder“ im Juli, das wir in Kooperation mit Kulturamt, Stadtjugendpflege, Musikschule und mit Unterstützung der Kulturreferentin relativ kurzfristig auf die Beine gestellt haben. Diese Veranstaltungsreihe war eine Art Lichtblick. Noch dazu ist der Amtsgerichtsgarten ja einer der tollsten Veranstaltungsorte, die Freising zu bieten hat. Dass die Konzerte auf maximal 150 Personen beschränkt waren, war auch ein Vorteil: Das Erlebnis war unmittelbar, die Gäste fühlten sich den Bands sehr nahe. Diese Konzerte zählen zu meinen tollsten Erlebnissen – und ich gehe auf beziehungsweise mache seit Jahrzehnten welche. Für uns war es natürlich toll, dass wir unserer Arbeit nachgehen konnten, die wir leidenschaftlich gern machen. Ich denke, die Stadt war mit uns als Partner zufrieden – und die Besucher, glaube ich, auch.

Ist Kultur gerade in der Pandemie besonders wichtig für die Gesellschaft?

Absolut. Für mich ist Kultur wie geistiges Brot, das muss man so sagen. Kultur bringt zum Nachdenken, eröffnet neue Perspektiven. Egal, ob Bilder, Filme, Musik, Lyrik: Es gibt so viele Möglichkeiten, sich Anregungen zu holen. Aber zum Erlebnis gehört auch, rauszugehen und Leute zu treffen. Natürlich kann ich mir im Internet was über den Louvre in Paris oder die Pinakotheken in München ansehen, aber die Werke vor Ort zu betrachten, ist ein anderes Erlebnis. Und bei Livekonzerten ist der Funke, der überspringt, ein ganz anderer, als wenn man sich welche via Streaming-Dienste ansieht. Über Musikschulleiter Odilo Zapf konnten wir für das „Sommer Wunder“ sogar das Münchner Kammerorchester nach Freising holen. Zu sehen und zu spüren, wie sehr es die Leute genießen, Kultur live zu erleben, war beeindruckend.

Trotzdem wird bei politischen Entscheidungen derzeit nicht viel über Kunst und Kultur gesprochen.

Aus den Hinterzimmern der Politik hört man immer wieder Aussagen wie „Bei der Berufswahl muss man sich eben überlegen, was man macht“. In der öffentlichen Diskussionen schwingen solche Töne dann auch manchmal mit. Aber Kultur ist keine Amazon-Bestellung, die man bestellt und sofort geliefert bekommt. Menschen geben seit Jahrzehnten alles, um Sachen auf die Bühne zu bringen. Selbst Laien, Orchester oder Chöre etwa, proben lange und spielen Stücke nicht mal eben so in fünf Minuten runter. In dieser Branche steckt so viel Herzblut, Engagement und Gemeinschaft. Ich finde es sehr betrüblich, dass diese Menschen so hinten runterfallen.

Es ist eine unserer Stärken, dass wir trotz Kurzfristigkeit professionell arbeiten können. Wir haben uns einen guten Ruf erarbeitet. 

Vipo Maat

Müsste die Branche noch mehr auf sich aufmerksam machen?

Ich muss anmerken, dass es die Kulturschaffenden, Musiker und so weiter bisher nicht geschafft haben, eine vernünftige Vertretung auf die Beine zu stellen. Dagegen ist zum Beispiel die DEHOGA für die Gastronomie und Hotellerie wirklich präsent und nervt die Politiker auch – dann verändert sich der Stellenwert. Als Künstler und Veranstalter sind wir nicht in dieser Stärke organisiert, dass wir wirklich Druck machen können. Das ist jedoch in gewisser Weise auch berufsimmanent: Jemand, der ausschließlich Künstler ist, hat eher kein Faible für Verwaltungsaufgaben. Aber es ist teilweise schon echt bedenklich, wenn Leute, die ihre Profession gelernt haben, seit Jahrzehnten Kultur machen und gut aufgestellt sind, auf einmal ihren Beruf nicht mehr ausführen dürfen und dann keinerlei Hilfen bekommen oder ewig darauf warten. Das spiegelt den Stellenwert der Kultur wider.

Stichwort Hilfen: Wie steht es um die finanzielle Unterstützung der Kunst- und Kulturbranche?

Die Künstler, mit denen ich gesprochen habe, sagen, dass die Hilfen tatsächlich weniger sind, als es zunächst geklungen habe. Zudem ist das Prozedere, um die Gelder überhaupt zu beantragen, extrem aufwendig und zum Teil sehr kompliziert. Viele haben natürlich auch Angst, Fehler und sich dadurch womöglich sogar strafbar zu machen. Das angekündigte „Hilfe auf dem Bierdeckel beantragen“ erlebe ich so nicht.

Wie bewerten Sie grundsätzlich die Schutzmaßnahmen der Regierung?

Natürlich habe ich absolutes Verständnis dafür. Aber in der Veranstaltungsbranche geht es nicht um Verständnis, sondern darum, ob es eine Perspektive gibt. Größeren Firmen, die größere Veranstaltungen und Festivals planen, fehlt die derzeit völlig. Der Vorteil unserer Uferlos GmbH ist, dass wir zwar professionell arbeiten, aber trotzdem auch noch zweite Standbeine haben. Das war eine bewusste Entscheidung, denn die Veranstaltungsbranche ist keine leichte – und wenn man sich ausschließlich darauf fokussiert, geht es mehr um Zahlen als um Leidenschaft und Begeisterung. Wir als Firma kommen ja nicht von der BWL-, sondern von der Musikerseite. Unser Uferlos Festival war von Anfang an nicht betriebswirtschaftlich kalkuliert, sondern wurde aus Leidenschaft gegründet. Ich hoffe, dass das die Gäste auch merken.

Party unterm Zeltdach: Wann das Uferlos Festival wieder wie gewohnt stattfinden kann, steht in den Sternen. Archiv

Doch ob die Besucher das heuer wieder erleben können, ist unklar.

Wenn ich daran denke, wird mir schon schwindelig. Für 2021 haben wir ja noch nicht abgesagt. Aber bei der aktuellen Entwicklung ist die Wahrscheinlichkeit nicht so hoch, dass wir das Festival auf die Beine stellen können. Viele Künstler, die international unterwegs sind, haben schon gesagt, dass sie frühestens ab Herbst wieder mit kleinen Veranstaltungen planen, größere ohnehin erst ab 2022. Ich würde mich natürlich freuen, wenn wir zumindest ein zweites „Sommer Wunder“ machen könnten.

Das heißt, Sie planen schon wieder ein bisschen?

Wir liegen nicht lahm auf der Couch und blasen Trübsal. Der Geist ist aktiv, und natürlich überlegen wir uns verschiedene Dinge. Es ist ja auch schön, mit Partnern über mögliche Projekte zu sprechen – auch, wenn in diesen Zeiten vieles sehr kurzfristig ist.

Ist diese Kurzfristigkeit eine Herausforderung?

Als Uferlos Kultur und Veranstaltungs GmbH haben wir gelernt, damit umzugehen. Es ist sogar eine unserer Stärken, dass wir trotz Kurzfristigkeit professionell arbeiten können. Außerdem arbeiten wir regional, wir kennen die Künstler, wir kennen die Behörden. In den zwölf Jahren, die wir das schon machen, haben wir Erfahrung gesammelt und uns auch einen guten Ruf erarbeitet.

Mit welchem Gefühl blicken Sie den kommenden Wochen und Monaten entgegen?

Ich möchte optimistisch bleiben, es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig. Sicher ist: Aufgeben ist keine Option für uns. Dass es gerade so wirkt, als habe die Pandemie kein Ende, macht das Ganze natürlich schwierig. Aber wir sind guten Mutes.

Gibt es auch irgendetwas Positives, das Sie der Corona-Pandemie abgewinnen können?

Es ist schön, mal wieder im Wald spazieren gehen zu können und keinen Fliegerlärm zu hören. Das fühlt sich an wie in Vor-Flughafen-Zeiten: sehr schön.

Es geht um die Erfüllung ihres Lebenstraums. Seit Jahren arbeiten zwei Schülerinnen aus Freising hart für eine Karriere am Theater. Doch dann stoppt sie Corona abrupt.

Alle Neuigkeiten und Nachrichten aus Freising und der Region lesen Sie immer aktuell hier.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare