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In der überfluteten Isarstraße in Moosburg waren Sandsäcke bitter nötig.

Tagelanger Kampf um Deiche

Dramatischer Einsatz in Freising und Moosburg: Erinnerungen an Pfingsthochwasser vor 20 Jahren

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Beim aktuellen Isar-Pegel werden Erinnerungen an das Pfingsthochwasser wach, das sich derzeit exakt zum 20. Mal jährt. Nur: Damals war alles viel dramatischer.

Landkreis – Es waren dramatische Tage und Nächte an jenem Pfingstfest des Jahres 1999. Es war ein tagelanger Kampf um die Standsicherheit von Deichen. Im Landkreis wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Nun jährt sich die Jahrhundertflut an Isar und Amper zum 20. Mal. 

Die anhaltenden Regenfälle der vergangenen Tage wecken zum Beispiel bei Heinz Fischer Erinnerungen an damals, als er als Kreisbrandrat für die Einsätze im Landkreis zuständig war. 

Brenzlige Situation: Land unter herrschte unter anderem in Zolling. Das Wasser überflutete hektarweise landwirtschaftliche Flächen und kam den Wohngebieten gefährlich nahe.

Wer dabei war, wird es nicht mehr vergessen: Vor allem zwischen Oberhummel und Moosburg drohten die Deiche zu brechen. 

Isar-Hochwasser: Alarmstufe Rot um 2 Uhr früh

Eines Nachts um 2 Uhr, als das Hochwasser seinen Höhepunkt erreicht hatte, so erinnert sich Fischer, habe er einen Anruf von Hans Neumaier erhalten. Der war damals Vize-Landrat und vertrat den urlaubenden Manfred Pointner. Neumaier habe ihm berichtet, dass er gerade den Deich abgegangen sei. Das Ergebnis: Der Deich war völlig durchweicht, „schwabbelig“, wie es Neumaier damals ausdrückte. 

Einsatzbesprechung: Vize-Landrat Hans Neumaier (2. v. l.) und Kreisbrandrat Heinz Fischer (3. v. l.) klärten Minister Erwin Huber (l.) über die Lage auf

„Da haben wir wieder alle Kameraden rausgetrommelt.“ Das Ziel: den Deich mit Sandsäcken zu stabilisieren. Erst danach sei ihm klar geworden, gibt Fischer zu, welch dramatische Situation das eigentlich gewesen sei – vor allem auch für die Floriansjünger. 

Pfingsthochwasser: Gefährlicher Einsatz für Feuerwehr

Denn das Wasser der Isar habe 20 Zentimeter unter der Deichkrone gestanden, die Feuerwehrmänner hätten auf der anderen Seite unterhalb dieser Hochwassermarke gearbeitet. „Ich mag mir gar nicht vorstellen, was gewesen wäre, wenn der Deich gebrochen wäre“, sagt Fischer nachdenklich. Den Kameraden hätte man in dieser Situation kaum helfen können.

Nahezu 300 Kubikmeter Sand wurden im Kampf gegen die Flut geschaufelt.

„Viel Arbeit, wenig Schlaf“ – so beschreibt Fischer das, was er, die anderen Verantwortlichen und die Helfer in diesen Tagen vor 20 Jahren erlebt hätten. Und weil das wahrlich kein alltägliches Ereignis war, kann Fischer heute zugeben: „Am Anfang war Chaos.“ Erst einmal mussten Arbeitsabschnitte gebildet und die Einsatzkräfte koordiniert werden. Als das aber geschehen war, lief die Sache. 

50.000 Sandsäcke sichern Isar-Deich

Vor allem die Zusammenarbeit mit den zu Hilfe geeilten Bundeswehrkräften habe „hervorragend“ geklappt. „Das war klasse.“ Auch die zusammen mit Neumaier getroffene Entscheidung, den Katastrophenfall auszurufen und damit Hilfskräfte von außerhalb zu rekrutieren, sei eine von großer Tragweite gewesen, erinnert sich Fischer.

Katastrophenalarm: Bundeswehrsoldaten eilten zu Hilfe. Pausen gab es selten.

In Freising und in Moosburg waren Straßen und Keller überflutet, man konnte in diesen Tagen gar nicht so viele Sandsäcke anschleppen wie man brauchte. Dass man trotzdem abertausende Sandsäcke zur Verfügung hatte, war auch dem Einsatz der Zivilbevölkerung zu verdanken: „Das war Wahnsinn, was die Bevölkerung geleistet hat“, schwärmt Fischer noch heute. 

„Wir haben aus der Katastrophe gelernt“

Die Leute seien gekommen, um in Niederhummel Sandsäcke zu befüllen. Wer einen Traktor oder schweres Gerät hatte, war mit im Einsatz. Denn, und das sei heute anders: Damals gab es keine Sandsäcke auf Lager. Heute liege ein gewisses Kontingent fertig befüllt bereit, weiß Fischer. „Wir haben aus der Katastrophe gelernt.“

„Wahnsinn, was die Bevölkerung geleistet hat“: Kreisbrandrat Manfred Danner ist noch heute vom Einsatz der Menschen im Landkreis beeindruckt.

Als man sich schon fast auf Entwarnung eingestellt hatte, passierte es dann doch: bei Kirchamper brach der Deich. Und bei der Molkerei Weihenstephan hieß es Land unter. In Moosburg konnte ein Deichbruch hingegen verhindert werden. 

Kampf um Deich: „Da ging mir die Düse“

Aber die Nachricht des dortigen Abschnittsleiters, man brauche schnell rund 100 Lkw-Ladungen Sand, um den Deich zu halten, habe ihm damals schon einen Schreck eingejagt, sagt Fischer: „Da ging mir die Düse“, so der Ex-KBR. Und dass man tagelang auf der Suche nach einem Vermissten war, nachdem man ein verlassenes Schlauchboot entdeckt hatte, setzte dem Stress und der Belastung der Einsatzkräfte noch die Krone auf.

Nur noch Wasserball war auf dem Sportgelände in Mintraching möglich.

Am Freitag, 28. Mai 1999, konnte Hans Neumaier dann verkünden, dass am Vormittag der Katastrophenfall wieder aufgehoben worden sei: Die Pegel in Isar und Amper gingen zurück. Gleichzeitig lief die Finanzhilfe der Bayerischen Staatsregierung an, um die großen Schäden in der Folge des Hochwassers etwas aufzufangen.

Heinz Fischer: Der damalige Kreisbrandrat mag sich noch heute einige mögliche Szenarien gar nicht vorstellen.

Das Pfingsthochwasser in Zahlen

Sieben Tage lang hielt das Pfingsthochwasser die Einsatzkräfte im Landkreis Freising in Atem – sieben Tage zwischen Beginn und Ende des Katastrophenalarms. 150 bis 160 Liter Niederschlagswasser pro Quadratmeter waren im Rahmen des Starkregens auf den Landkreis geprasselt. Die Isar stieg daraufhin auf einen Pegel von 3,84 Meter (bei Oberhummel), die Amper auf 3,10 Meter (bei Inkofen). 

Mit rund 50 000 Sandsäcken wurde der Deich zwischen Oberhummel und Moosburg gestärkt, um einen Dammbruch zu verhindern. 250 bis 300 Kubikmeter Sand mussten dafür bewegt werden. 24 Feuerwehren waren allein in diesem Abschnitt im Einsatz. 

1200 Liter Wasser pro Minute wurden abgepumpt, um der Überschwemmung auf dem Gelände der Molkerei Weihenstephan Herr zu werden. Trotzdem dauerte die Arbeit viele Stunden lang. 

Die Schäden durch das Hochwasser beliefen sich in Millionen-Höhe. Die Entschädigungssumme für Starkbetroffene, die der Freistaat dem Landkreis bewilligte, lag bei 75 000 D-Mark.

Auch aktuell macht der hohe Pegelstand der Isar den Einsatzkräften im Kreis Freising zu schaffen: Derzeit steigt die Isar wieder - und das Grundwasser gefährdet Keller. 

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