1. Startseite
  2. Lokales
  3. Freising
  4. Freising

„Extrem massiver Anstieg“: Alle Intensivbetten voll - Ungeimpfte Corona-Patienten halten Klinikum in Atem

Erstellt:

Von: Manuel Eser

Kommentare

Zwölf Beatmungsbetten kann das Klinikum Freising derzeit personell stemmen. Alle sind belegt.
Zwölf Beatmungsbetten kann das Klinikum Freising derzeit personell stemmen. Alle sind belegt. © Klinikum Freising

Die Ampel steht auf Rot. Auch im Klinikum Freising halten ungeimpfte Corona-Patienten Ärzte und Pfleger in Atem - mit drastischen Folgen für viele.

Die Krankenhausampel hat in Bayern am Montag auf Rot umgeschlagen. Das FT hat mit dem Corona-Beauftragten des Freisinger Klinikums, Dr. Christian Fiedler, über die Folgen dieser Entwicklung gesprochen. Zum Beispiel, dass Menschen, die dringend eine OP bräuchten, derzeit oft nicht behandelt werden können.

Ungeimpfte Corona-Patienten in Klinikum: „Impfquote in Deutschland noch zu niedrig“

Herr Dr. Fiedler, vor etwas mehr als zwei Monaten wurde das System der Krankenhausampel eingeführt. Hätten Sie gedacht, dass die Ampel so schnell auf Rot umschlägt?

Mich wundert nicht, dass jetzt im November schon die Ampel auf Rot umgeschaltet hat, weil einfach die Impfquote in Deutschland noch zu niedrig ist. Das zeigt sich jetzt ja auch: Auf der Intensivstation liegen derzeit nur ungeimpfte Patienten. Allerdings gab es in der vergangenen Woche einen extrem massiven Anstieg, der jetzt so nicht zu erwarten war.

Hatten Sie bisher nur ungeimpfte Corona-Patienten auf der Intensiv?

Fast nur. Geimpfte Corona-Patienten liegen bei uns eigentlich nur auf der Intensiv, wenn sie sich dort wegen eines anderen Leidens befinden und zusätzlich noch Corona haben, oder wenn sie in Fällen von Transplantations- oder Chemotherapie-Patienten extrem abwehrgeschwächt sind.

Sind bei Ihnen auch alle Intensivbetten belegt?

Ja. Wenn wir jetzt die Anfrage bekämen, ob wir noch einen Corona-Patienten aufnehmen könnten, müssten wir antworten, dass alle Intensivbetten, die wir betreuen können, voll sind.

Und wenn ein Patient einfach bei der Notaufnahme reinkommt mit schweren Symptomen?

Dann werden wir ihn sicher nicht nach Hause schicken. Dann haben wir aber eine Überbelegung mit der entsprechenden Belastung für das Personal.

Kein Besuchsverbot in Klinik - „Ab sofort gilt 2G und FFP2-Maskenpflicht“

Welche Konsequenzen hat die rote Ampel für das Klinikum noch?

Wir verhängen kein Besuchsverbot wie andere Kliniken, aber ab sofort gilt im Krankenhaus 2G und FFP2-Maskenpflicht für Besucher.

Auch für andere kranke Menschen hat die Vollbelegung der Intensivstation Konsequenzen. Sie werden wohl wieder sogenannte planbare Operationen verschieben müssen, oder?

Das müssen wir leider schon seit Wochen wieder tun. Das ist eine tägliche Abwägungsgeschichte. Denn wenn ich einen Patienten aufnehme und operieren möchte, braucht er natürlich ein Bett nachher. Wenn ich kein Bett habe, kann ich ihn schlichtweg nicht operieren. Und es wird erst recht kompliziert, wenn der Patient ein Intensivbett brauchen könnte. Denn nicht nur in schweren Corona-Fällen sind Beatmungen notwendig, sondern es gibt auch immer wieder OPs, bei denen eine Nachbeatmung der Patienten nötig ist.

Bei welchen Operationen beispielsweise?

Bei Operationen im Bauch oder an der Lunge.

(Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s jetzt auch in unserem regelmäßigen Freising-Newsletter.)

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie Operationen verschieben – rufen Sie dann bei den betroffenen Patienten an und sagen ihnen ab?

Das wäre die angenehmste Variante. Meist ist es aber in diesen Fällen so, dass die Patienten bereits im Krankenhaus sind, weil um 9 Uhr die OP geplant ist, dann nüchtern den ganzen Tag warten, bis ihnen am Abend jemand sagt: „Es haut nicht hin. Probieren wir es übermorgen noch mal.“ Das hängt auch von der Schwere des Leidens ab. In kritischen Fällen handeln wir natürlich auch dann, wenn wir eigentlich keine Kapazitäten haben. Aber alles, was irgendwie verschiebbar ist, fällt eben aus. Nur: Irgendwann werden die Fälle, bei denen ich heute noch sagen kann, die Operation kann ich auch in ein paar Wochen noch vornehmen, eben auch zum Akutfall.

Dr. Christian Fiedler ist Corona-Beauftragter des Klinikums Freising.
„Impfquote zu niedrig“: Dr. Christian Fiedler ist Corona-Beauftragter des Klinikums Freising. © Klinikum Freising

Es gab schon Berichte darüber, dass Krebsoperationen verschoben werden mussten, weil ein ungeimpfter Corona-Patient das Intensivbett benötigt hat.

Das sind Extremfälle. Man muss nicht alles auf Corona und Ungeimpfte schieben. Prinzipiell ist das Haus ja nicht nur wegen Corona-Patienten voll, sondern es ist insgesamt voll. Überbelegungen hat es früher auch schon gegeben. Aber Corona kommt halt noch on top dazu – und fordert Personal und andere Kapazitäten. Und Corona-Patienten sind auch deutlich länger auf der Intensivstation als andere Patienten. Üblich ist, dass man spätestens nach rund einer Woche von der Intensiv wieder runterkommt. Corona-Patienten liegen zum Teil acht Wochen auf der Intensiv. Bei den fünf Patienten, die wir derzeit beatmen, ist eine Entlassung von der Intensivstation auch nicht in Sicht.

„Corona-Patienten deutlich länger auf Intensivstation als andere Patienten“

Derzeit befinden sich insgesamt 17 Corona-Patienten im Klinikum. Wer entscheidet eigentlich, ob ein Infizierter ins Krankenhaus muss?

Das entscheidet der Patient selbst. Der kommt in die Notaufnahme, weil er sich krank fühlt oder schlecht Luft bekommt. Letztlich muss man in der jetzigen Situation sehr restriktiv sein und kann wirklich nur die aufnehmen, die zwingend ein Krankenhaus brauchen. Derzeit müssen wir etwa ein Drittel der Corona-Patienten wieder nach Hause schicken. Vor einigen Wochen konnten wir da noch großzügiger sein. Da waren noch so viel Betten auf der Isolierstation frei, dass man eine ältere Dame eben aufgenommen hat, wenn sie unter Corona gelitten hat – auch wenn der klinische Aufenthalt vielleicht nicht zwingend notwendig war. Jetzt muss man sich bei jedem genau überlegen: Müssen wir ihn zwingend hierbehalten?

Ein ungutes Gefühl für beide Seiten.

Es fühlt sich nicht angenehm an, jemanden wieder heimzuschicken. Von der Verantwortung her lieber und zeitlich wesentlich einfacher wäre es, jemanden aufzunehmen, ein paar Tage zu beobachten und dann hoffentlich heimschicken zu können.

Wir haben derzeit keine Geimpften wegen Corona im Krankenhaus.

Dr. Christian Fiedler

Wie entscheiden Sie dann derzeit, wer aufgenommen werden muss?

Das ist davon abhängig, wie das Röntgenbild aussieht und die Sauerstoffsättigung ist.

Das heißt, die zwölf Patienten, die sich derzeit auf der Isolierstation befinden, denen geht es schon richtig schlecht?

Die, die wegen Corona kommen, denen geht es schlecht. Das sind tatsächlich auch die Ungeimpften.

Denen geht es auch schlechter als Geimpften?

Freising: „Derzeit keine Geimpften wegen Corona im Krankenhaus“

Wir haben derzeit keinen Geimpften wegen Corona im Krankenhaus.

Aber es gibt doch immer wieder Geimpfte, die auf die Isolierstation kommen.

Da handelt es sich um multimorbide, zumeist ältere Menschen. Patienten also, die wegen eines anderen Leidens kommen, und bei denen der obligatorische Corona-Test im Rahmen der Aufnahme positiv anschlägt. Die haben keine Corona-Symptome, müssen aber trotzdem aufgrund der Ansteckungsgefahr auf die Isolierstation und schlagen daher in der Statistik auf. Und dann gibt es Fälle bei Älteren, da hat der Corona-Schutz nachgelassen, weil die Impfung bereits sechs Monate oder länger her ist.

Und wie geht es denen?

Die haben Symptome, aber nicht so schwer, dass man Angst um ihr Leben haben müsste. Das war in den ersten beiden Wellen noch ganz anders. Da kam eine Corona-Infektion bei einem 80-Jährigen oft einem Todesurteil gleich. Auch das zeigt, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften gibt.

Es braucht Monate, ehe die Betroffenen wieder annähernd bei 100 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit sind.

Dr. Christian Fiedler

Wie geht es den fünf Corona-Patienten, die auf der Intensivstation liegen?

Die müssen alle beatmet werden. Einige von ihnen liegen dort schon seit vier, fünf Wochen - ohne dass ein Ende abzusehen ist. Das Interessante ist: Oft haben diese Patienten den ersten Virusanstieg bereits auf der Isolierstation überstanden. Der Grund dafür, dass sie trotzdem beatmet werden müssen, liegt in einer Überreaktion des Immunsystems. Das heißt: Der Virus verbreitet sich im Körper, geht die Lunge an, wird dann abgewehrt, aber der Körper reagiert überschießend. Man muss bei betroffenen Patienten daher sogar das Gegenteil von dem machen, was man eigentlich annehmen würde: Man muss die Abwehr schwächen, weil der Körper eben selbst Leber, Niere, Lunge schädigt. Was man auch sagen muss: Eine maschinelle künstliche Beatmung ist eine immense körperliche Belastung, die die Organe zusätzlich schädigt.

Corona: „Patienten liegen nach Entlassung von Intensiv noch wochenlang auf Normalstation“

Wer unter solchen Belastungen mehrere Wochen auf der Intensiv verbringt, muss doch danach noch völlig entkräftet sein. Der kann nicht einfach nach Hause gehen, oder?

Nach Hause geht es auf keinen Fall. Die Patienten liegen nach der Entlassung von der Intensiv noch wochenlang auf Normalstation. Dann folgen in der Regel ein paar Monate Reha, und auch zu Hause braucht es Monate, ehe die Betroffenen wieder annähernd bei 100 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit sind.

Eine Infektion sollte man also möglichst vermeiden.

Ich möchte keine schwere Corona-Erkrankung haben.

Die Abwehr der Impfung nimmt ab und trifft jetzt auf die vierte Welle.

Dr. Christian Fiedler

Wie viele Patienten können Sie beatmen?

Wir haben zwölf Beatmungsplätze in Betrieb. Wir hätten aber noch mehr Betten zur Verfügung – wenn wir das Personal dafür hätten. Zwischenzeitlich konnten wir aufgrund von gehäuften Krankheitsausfällen unter dem Personal nur zehn Betten betreiben.

Sie haben berichtet, dass bei älteren Menschen die Impfwirkung nachlässt. Befürchten Sie in den kommenden Wochen vermehrt Impfdurchbrüche?

„Drittimpfung im Landkreis Freising bereits in allen Seniorenheimen“

Vorsicht! Ein Impfdurchbruch liegt dann vor, wenn jemand frisch geimpft ist, eigentlich Abwehr haben sollte, aber sich eben keine Antikörper bilden. So einen Fall hatten wir kürzlich in der Klinik. In der Regel haben wir es aber mit Patienten zu tun, bei denen der Impfschutz nachlässt. Deshalb kommt es jetzt auch in den Altenheimen wieder vermehrt zu Positiv-Fällen. Die Abwehr der Impfung nimmt ab und trifft jetzt auf die vierte Welle.

Das heißt: Man hätte früher anfangen müssen mit den Drittimpfungen.

Im Nachhinein betrachtet: Ja. Aber es gibt auch zwei gute Nachrichten. Erstens musste kein neu infizierter Seniorenheim-Bewohner ins Krankenhaus, weil der Schutz offenbar noch groß genug ist. Und zweitens wurde die Drittimpfung im Landkreis Freising bereits in allen Seniorenheimen vorgenommen. Das ist nicht in jedem Landkreis so. Aber es stimmt: Man muss bei der Booster-Impfung jetzt richtig Gas geben. Denn viele, die anfangs geimpft wurden, sind jetzt gefährdet.

Noch mehr Nachrichten aus der Region Freising lesen Sie hier.

Auch interessant

Kommentare