Yogamatte statt Skipiste: An drei Tagen pro Woche trainieren die Mitglieder des Skiclubs Mauern virtuell. Neben Yoga werden Pilates und Fit and Fun, eine Art Skigymnastik, angeboten
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Yogamatte statt Skipiste: An drei Tagen pro Woche trainieren die Mitglieder des Skiclubs Mauern virtuell. Neben Yoga werden Pilates und Fit and Fun, eine Art Skigymnastik, angeboten.

Ein Jahr Corona-Pandemie

Vereine in der Krise: Kameradschaft und finanzielles Polster gehen verloren – aber es gibt Lichtblicke

  • Magdalena Höcherl
    vonMagdalena Höcherl
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Das Vereinsleben steht seit gut einem Jahr still. Einnahmen und Geselligkeit fehlen, die Sorge, in Vergessenheit zu geraten, wird in vielen Vereinen im Kreis Freising größer.

Landkreis – Seit gut einem Jahr stehen viele Vereine still. Mangelende Einnahmen, fehlende Geselligkeit und die Sorge, in Vergessenheit zu geraten, treibt viele Vorsitzende um. Doch immerhin scheinen die Mitglieder den Vereinen im Kreis Freising die Treue zu halten – möglicherweise auch dank digitaler Angebote.

Digital sporteln mit dem Skiclub Mauern

„Eine Austrittswelle haben wir bisher glücklicherweise noch nicht beobachtet“, berichtet Margit Wiesheu. Die Vorsitzende des Skiclubs Mauern glaubt, dass das mit den „relativ günstigen“ Mitgliedsbeiträgen des rund 2000 Mitglieder starken Vereins zusammenhängt. Und obwohl der Kern des Vereins, das Skifahren, heuer vollkommen flachgefallen ist, gelinge es gut, die Mitglieder mit alternativen Formaten bei der Stange zu halten. „Seit Dezember sind wir drei Mal die Woche online: mit Pilates, Yoga und Fit and Fun, einer Art Skigymnastik“, zählt Wiesheu auf. Das digitale Sportprogramm werde gut angenommen. Das liege auch daran, dass sich der Skiclub schnell auf Online-Kurse eingestellt habe. „Wir haben uns Know-how geholt und eine gute Technik-Ausrüstung gekauft“, sagt Wiesheu. „Wir haben zum Glück viele Aktive im Verein, die das von Anfang an sehr unterstützt haben.“ Jetzt bekomme jeder, der etwas anbieten wolle, die Möglichkeit, das zu tun. Daher sei die Resonanz mehr als erfreulich: „Viele sind echt begeistert und haben schon gefragt, ob wir das auch nach der Pandemie als Zusatzangebot beibehalten können.“

Ich hoffe einfach, dass das Impfen zügig vorangeht.

Benno Angermaier, SG Gemütlichkeit Viehbach-Bachenhausen

Einziger Wermutstropfen: „Die Angebote für Kinder und Jugendliche sind sehr mau. Es ist sehr schwierig, Formate zu finden, um Kinder per Video bei der Stange zu halten“, gibt die Vorsitzende zu. „Aber wir suchen nach wie vor.“

Schützen sorgen sich um Nachwuchs

Online aktiv zu sein, ist möglich – aber nicht jede Sportart eignet sich dafür. „Unser Vereinsleben ist seit einem Jahr tot“, drückt es Benno Angermaier, der Erste Schützenmeister der SG Gemütlichkeit Viehbach-Bachenhausen (Gemeinde Fahrenzhausen), kurz und knapp aus. Regelmäßiges Training, Tag der offenen Tür, Sommerfest und so weiter: überall Fehlanzeige. „Nachwuchs können wir so natürlich auch nicht gewinnen.“ Ganz abgesehen davon, dass sowohl für junge als auch ältere Mitglieder ein wichtiges Stück Gesellschaft derzeit schlicht nicht mehr existiere.

Benno Angermaier: Polster der Schützen langsam weg.

Und noch etwas macht Angermaier zunehmend zu schaffen. „Unser finanzielles Polster geht langsam dahin.“ Normalerweise erwirtschaften die 125 Mitglieder, davon 50 Aktive, einen Großteil über die Verpflegung während des Trainings, um damit Fixkosten wie Strom oder die Verbandsbeiträge zu bezahlen, die nach wie vor laufen. „Manche fragen da natürlich schon, wieso sie Beiträge zahlen und überhaupt versichert sein müssen, wo wir ja eh nicht schießen“, berichtet der Schützenmeister.

Seine größte Befürchtung ist, dass sich viele Vereinsmitglieder während der langen Pausenzeit anderweitig orientieren könnten. „Ich hoffe einfach, dass das Impfen zügig vorangeht und bald alle gesund und motiviert wieder da sind“, sagt Benno Angermaier.

Laienbühne Freising: Kultur wichtig für Seele

Mit Beiträgen müssen sich die 110 Mitglieder der Laienbühne Freising indes nicht beschäftigen. „Die gibt es bei uns ohnehin nicht. Insofern haben wir Glück, weil bei uns niemand abwägt, was er gerade für sein Geld bekommt“, sagt Vorsitzende Angela Flohr. Aber natürlich seien auch weiterhin laufende Kosten zu zahlen. „Man meint zwar immer, die gibt es nicht, weil wir gerade nichts tun – aber das stimmt nicht.“

Angela Flohr: Ohne Theater präsent bleiben.

Die größte Herausforderung für die Spieler der Laienbühne sei die fehlende Sozialkomponente. „Sich treffen, eine Gaudi haben, gemeinsam Theaterspielen: Das ist das, was uns verbindet“, sagt Flohr. Um diese Gemeinschaft selbst in Zeiten des Stillstands aufrechtzuerhalten, hat auch die Laienbühne die digitale Bühne beschritten: Es gab bereits einen virtuellen Adventskalender, Neujahrsgrüße im Videoformat, und am Ostermontag wurde ein Stück aus dem Jahr 2014 gestreamt. Auch für die traditionelle Theatersaison im Herbst gibt es Pläne: „Unser Regisseur steht in den Startlöchern – sowohl für ein künftiges Stück in Präsenz, als auch für ein digitales Format“, erläutert die Vorsitzende. Denn die Laienbühne wolle auf jeden Fall für ihr Publikum präsent bleiben.

Natürlich hätten andere Themen in einer Pandemie einen höheren Stellenwert als die Kultur. „Aber für die Seele, die ja gerade sehr in Mitleidenschaft gezogen ist, wäre es richtig und wichtig.“ Flohr betont: „Natürlich kommen wir auch ins Grübeln, wenn über Mallorca diskutiert wird und zugleich in den Theatersälen gar nix vorangeht.“ Als Hobby-Schauspieler sei die Gruppe freilich nicht darauf angewiesen. „Aber für die ganze Kulturbranche ist das eine Katastrophe.“

Sängerhort Freising: Chorgesang via Video?

Coronakonform, aber „live“ geprobt hat der Sängerhort Freising zwischen den beiden Lockdowns zuletzt einige wenige Male im Oktober. Seit Dezember hat der bunt gemischte Pop-Rock-Jazz-Chor, den es seit 130 Jahren gibt, auf online umgestellt, berichtet Vereinsvorsitzende Miriam Kempf. Gemeinsam zu singen, das funktioniere via Videokonferenz zwar nicht. „Da macht die Technik nicht mit. Aber das jeweilige Stück wird vorgespielt beziehungsweise vorgesungen, und dann können die einzelnen Mitglieder für sich alleine mitsingen – ihre Mikrofone sind stummgeschaltet“, erklärt Kempf. Chorklang könne so zwar nicht entstehen. „Doch immerhin können wir mit den Stücken arbeiten.“ Die Beteiligung an den virtuellen Proben sei jedoch überschaubar. „Ein fester Stamm von etwa 25 Leuten ist immer dabei. Aber viele sagen, dass sie damit nicht zurechtkommen.“

Schwierige Probenverhältnisse, keine Auftritte: Doch die Mitglieder – derzeit 51 im großen Chor namens „Jederzeit“ und sieben im Coro Latino – würden dem Sängerhort treu bleiben. „Mehr als die gewöhnliche Fluktuation verzeichnen wir zum Glück nicht“, sagt Kempf. Die Devise laute gegenwärtig „durchhalten“. Niemand im Sängerhort gehe derzeit davon aus, dass heuer noch ein größerer Auftritt möglich sein könnte. „Wir hoffen daher stark auf das Jahr 2022.“

Dem Tierschutzverein fehlen Spenden

„Unsere Mitgliederzahlen haben sich glücklicherweise nicht verringert“, berichtet Joseph Popp, Vorsitzender des Tierschutzvereins im Kreis Freising. Mit 630 sei man etwa auf dem Stand vom Vorjahr. Popps Erklärung dafür: „Anders als bei Sportvereinen, wo die Leute eine Leistung für sich persönlich beanspruchen, erwarten sie bei uns, dass wir uns um die Tiere kümmern. Das tun wir nach wie vor.“

Problematisch sei in Pandemie-Zeiten jedoch die finanzielle Situation. Flohmärkte, Weihnachtsmärkte, Infostände, Tage der offenen Tür: Wegen Corona kann nichts stattfinden, was der Tierschutzverein für gewöhnlich nutzt, um auf sich aufmerksam zu machen und Spenden zu sammeln. „Normalerweise hauen die Veranstaltungen narrisch rein. Doch jetzt haben wir quasi null Einnahmen.“

Joseph Popp: Null Einnahmen für das Tierheim.

Was durch die Pandemie (wie berichtet) hinzukommt: „Die Leute kaufen wahnsinnig viele Hunde“, sagt Popp. In München hätte sich die Zahl an Hundebesitzern im Vergleich zu den Vorjahren nahezu verdoppelt. „Wenn man das auf Freising umrechnet, wird einem angst und bange.“ Auch der illegale Welpenhandel nehme derzeit „katastrophale Formen“ an. Denn der Leiter des Landkreis-Tierheims in Mintraching rechnet mit einem enormen Rücklauf, wenn die Pandemie überwunden sei. „Da wird einiges auf uns zu kommen.“

Etwas Positives kann Popp der aktuellen Situation jedoch abgewinnen: Für das Tierheim gibt es keine allgemeinen Öffnungszeiten mehr, sondern nur noch terminierte Besprechungen. „Das hat sich bewährt.“ Es sei schlicht bedeutend effektiver und weniger aufwendig für alle Beteiligten. „Die Tiere haben aufgrund der reduzierte Besucherzahl weniger Stress und das Ganze bindet weniger Personal.“ Daher solle dieses System auch nach Corona beibehalten werden.

Feuerwehr Freising zehrt nur von Reserven

Die Situation bei der Freiwilligen Feuerwehr Freising ist laut Sprecher Florian Wöhrl differenziert zu betrachten. „Der kommunale Auftrag, den wir haben, ist ja unser Kerngeschäft. Das findet natürlich statt, wir sind unter den entsprechenden Hygienemaßnahmen aktiv.“ Der Übungsbetrieb sei jedoch stark eingeschränkt und finde vorwiegend online statt. „Das läuft schon einigermaßen.“

Doch was den Verein angeht, dessen Aufgabe es ist, neue Mitglieder zu gewinnen, sei alles extrem schwierig. „Kameradschaft zu pflegen, macht natürlich viel aus, damit man sich im Einsatz aufeinander verlassen kann“, erklärt Wöhrl. „In dieser Hinsicht zehren wir gerade nur von Reserven.“

Florian Wöhrl: Studenten fehlen der Feuerwehr.

Obwohl keinerlei Aktivitäten stattfinden können, um Nachwuchskräfte gezielt zu werben, sei ein Blick auf die Mitgliederzahl laut Wöhrl „gar nicht so unerfreulich“: Zum Jahreswechsel seien es 220 Aktive gewesen. Zudem seien auch von Leuten, die mit der Feuerwehr bisher nichts zu tun gehabt hätten, einige Anfragen eingegangen. „Das liegt möglicherweise daran, dass in anderen Vereinen gar nix möglich ist – und bei uns zumindest eingeschränkter Übungsdienst.“

So habe man im Januar einen Online-Grundlehrgang mit einem ganzen Schwung neuer Mitglieder starten können – ein Lichtblick für die Freisinger Wehr.

Trotzdem: „Das ist nicht genug, um das aufzufangen, was uns wegbricht.“ Eigentlich sei der Landkreis mit dem Flughafen eine starke Wirtschaftsregion. „Doch jetzt mit Corona haben wir festgestellt, dass Zeitverträge junger Leute oft nicht verlängert worden sind. Wenn die dann wieder zurück in ihre Heimat ziehen, verlieren wir Mitglieder“, berichtet Wöhrl.

Die Herausforderungen werden mit der Pandemie nicht kleiner.

Florian Wöhrl, Sprecher der FFW Freising

Zudem profitiere die Wehr normalerweise von den vielen Studenten in der Domstadt. „Wenn sie daheim schon bei der Feuerwehr waren, kommen viele auch gerne zu uns. Aber die Studenten sind momentan auch nicht da.“ Aktuell sei die Personaldecke zwar noch relativ stabil. „Aber die Herausforderungen werden mit der Pandemie nicht kleiner.“

THW Freising „lebt von Kameradschaft“

Das Technische Hilfswerk Freising ist zwar kein Verein im klassischen Sinn, der Ortsverband Freising ist jedoch ähnlich strukturiert wie die Feuerwehr. Ein Mitgliederschwund sei derzeit zwar nicht zu verzeichnen – im Gegenteil: „Für den Dienst im Katastrophenschutz haben wir gerade relativ viele Interessenten“, berichtet Ortsbeauftragter Michael Wüst. Doch was die Gemeinschaft angehe, treffe Corona das Hilfswerk hart. „Das THW lebt nicht davon, dass die Mitglieder stolz darauf sind, der Bundesrepublik Deutschland zu dienen, sondern es lebt vom Miteinander und der Kameradschaft. Und diese Dinge fallen zur Zeit weg.“ Besonders die Jugendarbeit leide darunter, wenn man derzeit nur „kommen, Dienst machen und wieder gehen“ könne. Das sei Gift für eine ehrenamtliche Hilfsorganisation. „Ich habe schon Sorge, dass Leute, die momentan am Überlegen sind, ob sie noch weitermachen wollen, sich irgendwann denken: ,Oh, auf der Couch ist es am Donnerstagabend auch ganz bequem!‘ Wir sind halt nicht der klassische Fußballverein oder Wanderclub.“

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