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„Viele Kinder sind erschöpft“: Familienberaterin über Corona und die Psyche junger Menschen

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Von: Magdalena Höcherl

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Bärbel Schenk, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas Freising
Steigende Nachfrage: Bärbel Schenk, stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas Freising, ist eine von mehreren Fachkräften, die das Familien-Krisentelefon betreut. Archiv © Lehmann

Wie wirken sich zwei Jahre Pandemie auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen aus? Darüber spricht eine Familienberaterin der Caritas Freising im Interview.

Freising – Der Wechsel zwischen Kinder- und Klassenzimmer, fehlende soziale Kontakte, Zukunftsängste: Experten betonen immer wieder, dass vor allem Kinder und Jugendliche an der Pandemie und ihren Folgen leiden. Bärbel Schenk, die stellvertretende Leiterin der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Caritas im Landkreis Freising, berichtet davon, wie Corona ihre Arbeit verändert hat, wie Familien geholfen werden kann, und welche Auswirkungen die kontinuierlichen Lockerungen haben.

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Frau Schenk, seit zwei Jahren dominiert die Pandemie unseren Alltag. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Corona war als Beratungsinhalt natürlich immer wieder vertreten. Ich habe allerdings den Eindruck, dass das Thema gerade in der letzten Zeit noch einmal in den Vordergrund gerückt ist. Die mit der Pandemie einhergehenden Belastungen für Familien haben offenbar noch einmal zugenommen. Viele Kinder, aber auch Eltern sind erschöpft. Es ist anstrengend, sich immer wieder neu mit Fragen auseinanderzusetzen wie: Ist die Betreuungseinrichtung geöffnet? Wie ist die aktuelle Quarantäneregelung? Kann das Kind Freunde besuchen? Wie kriege ich Betreuung und Arbeit unter einen Hut? Die Dauer der Pandemie schlägt mittlerweile zu Buche, die Familien müssen seit zwei Jahren mit dieser belastenden Situation leben. Die logische Konsequenz ist: Es gibt immer mehr Kinder und Jugendliche mit Problemlagen im psychosozialen Bereich.

Wer sucht sich Hilfe bei Ihnen?

Zu uns kommen Kinder und Jugendliche mit ersten depressiven Symptomen – Schulangst, Prüfungsangst aber auch Unlust, soziale Kontakte wieder aufzunehmen. Das geht zum Teil bis zu suizidalen Äußerungen. Allgemein lässt sich sagen, dass die Pandemie die Lage von Familien, in denen es vor Corona schon schwierig war, noch einmal verschlechtert hat. Es kommt natürlich auch auf die Rahmenbedingungen an: zum Beispiel Quarantäne in beengten Wohnverhältnissen oder knappe finanzielle Möglichkeiten, die die nötige Technik für das Homeschooling nicht zulassen.

Wie viele Kinder und Jugendliche sind von den psychischen Auswirkungen der Pandemie betroffen? Gibt es dazu Zahlen?

In Deutschland gibt es bislang nur die sogenannte COPSY-Studie – Corona und Psyche – vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dabei hat man Kinder und Jugendliche in zwei Runden befragt: einmal im Juni 2020, das zweite Mal von Mitte Dezember 2020 bis Mitte Januar 2021. Sie kommt zu folgendem Ergebnis: Was die Ängstlichkeit von Kindern und Jugendlichen angeht, berichteten 15 Prozent, sie hätten schon vor Corona darunter gelitten. Zum Zeitpunkt der ersten Befragung waren es 24 Prozent, bei der zweiten dann schon 30 Prozent. In puncto depressiver Symptome wurde ebenfalls eine Steigerung verzeichnet: Vor Corona berichteten zehn Prozent der Befragten davon, bei der ersten Befragung elf Prozent und bei der zweiten dann 15 Prozent. Bei uns in der Beratungsstelle erleben wir ebenso einen Anstieg, nur liegen uns keine konkreten Zahlen vor.

Wie hilft die Caritas-Beratungsstelle den Menschen, die sich dorthin wenden?

Zuerst einmal ist es wichtig, einen neutralen Ansprechpartner zu haben. Wir hören zu und schauen dann, wie man dem Kind oder Jugendlichen vielleicht schon durch konkrete Gespräche und Argumente die Angst nehmen kann. Und wir entwickeln gemeinsam Strategien, wie man mit der Angst umgehen und sie im besten Fall besiegen kann. Wenn die Fachkräfte allerdings den Eindruck haben, dass therapeutischer Bedarf besteht, verweisen wir auf entsprechende Stellen. Das ist zur Zeit jedoch schwierig, denn die Nachfrage nach Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche ist deutlich gestiegen. Das Angebot kann bislang nicht mithalten. Da braucht es leider Geduld.

Corona ist allgegenwärtig. In den Zeitungen, im Fernsehen und online wird täglich über Neuinfektionen, Inzidenz und Todesfälle berichtet. Was macht das mit jungen Menschen?

Natürlich gibt es Kinder, die mit offenen Augen und gespitzten Ohren alles zu diesem Thema aufnehmen, und die besorgt sind, wie das aktuelle Geschehen sie selbst und die Familie betrifft. Das drückt zusätzlich auf das psychische Wohlbefinden; gerade zu Beginn der Pandemie, als es noch keinen Impfstoff gab, und viele Kinder ihre Großeltern aus Angst vor einer Ansteckung lange nicht gesehen haben. Allgemein denke ich jedoch, dass der Einfluss der Berichterstattung eher von der persönlichen Situation abhängt. Es gibt sehr viele Kinder und Jugendliche, die sich von der Nachrichtenlage gar nicht beeinflussen lassen.

Inzwischen scheint der Höhepunkt der Omikron-Welle erreicht. Bund und Länder haben bereits umfassende Lockerungen angekündigt. Wie wichtig ist diese Perspektive für Familien?

Diese Lockerungen geben ein Gefühl von Entlastung und Freiheit. Man kann ein Stück weit an die Normalität von früher anknüpfen, die sehr wichtig ist, da sie eine Alltagsstruktur vorgegeben hat. Man kann wieder Freunde treffen, Hobbys nachgehen, Dinge planen. Das ist nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene wichtig.

Sind Sie der Meinung, dass mit dem Zurückfahren der Corona-Maßnahmen auch die psychischen Belastungen wieder abnehmen werden?

Das ist eine spannende Frage. Ich bin keine Hellseherin, aber ich glaube, dass sich dadurch vieles entspannen wird. Bestimmt gibt es Familien beziehungsweise Menschen, in denen die Pandemie mit all ihren Auswirkungen Spuren hinterlässt, aber das wird nicht der Großteil sein. Trotzdem muss man das natürlich im Auge haben: Es gibt Kinder, die in der Schule den Anschluss verloren haben. Es gibt Familien, die durch Corona Angehörige verloren haben. Es gibt Menschen, die an Long-Covid leiden. Ich hoffe, dass mit den Erfahrungen, die jeder von uns durch diese Pandemie zwangsläufig gemacht hat, wir alle ein bisschen sensibler werden – auch mit Blick auf psychische Belastungen. Zudem wissen wir nicht, wie es im nächsten Herbst und Winter weitergeht. Dennoch sollte man jetzt einmal durchschnaufen. Das Frühjahr steht vor der Tür und damit Lockerungen und hoffentlich eine Art von Normalität. Das ist ein inneres Bild, das durchaus entlasten kann. Das möchte ich Familien mitgeben.

Kontakt zur Caritas-Beratungsstelle

Familien, die eine Beratung bei der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe der Caritas Freising in Anspruch nehmen möchten, können sich unter Tel. (0 81 61) 5 38 79 30 oder per E-Mail an eb-freising@caritasmuenchen.de melden. Weitere Informationen und Angebote gibt es online unter caritas-freising.de.

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