Mann vor Haus
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Als achtjähriger Bub kam Heinz Marschoun vor 75 Jahren in Freising an. Der Anfang war hart, aber er fand, wie so viele Landsleute, eine neue Heimat. Der heute 83-Jährige lebt in Moosburg und blickt als Zeitzeuge zurück auf den Start in Freising.

Zeitzeuge Heinz Marschoun erzählt

Eine neue Heimat für 3364 Vertriebene: Vor 75 Jahren kamen Sudetendeutsche im kriegsverwüsteten Freising an

3364 Menschen kamen vor exakt 75 Jahren in Freising an: Vertriebene, die in der neuen Heimat Wurzeln schlugen. Ein Zeitzeuge von damals erzählt.

Freising - Genau vor 75 Jahren, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kamen Vertriebene nach Freising. Es waren 3364 Ostdeutsche, Ungarndeutsche und vor allem Sudetendeutsche aus Mähren, Sudetenschlesien, Böhmen und dem Egerland, dem heutigen Tschechien, die damals eine neue Heimat fanden. Sie wurden im Kindergarten am Veitshof, in Gast- und Privathäusern einquartiert. An dieses Ereignis erinnert eine Stele am besagten Kindergarten.

„Freising ist einer der Orte, an dem die Gründung der Sudetendeutschen Landsmannschaft ihren Anfang nahm“, berichtet Hiltraud Knoben-Schartl, die Vorsitzende der Ortsgruppe Freising. „Damit begann der Prozess der Eingliederung und Anerkennung der Sudetendeutschen als sogenannter ,vierter Stamm’ in Bayern – neben Bayern, Franken und Schwaben. Der Gründer dieser Bewegung war Dr. Rudolf Lodgman von Auen, der nach der Vertreibung in Freising seinen neuen Wohnort fand, und an den ein Denkmal am Schwaigerhaus gegenüber des Kriegerdenkmals erinnert“, wie Knoben-Schartl berichtet. Der Zeitzeuge Heinz Marschoun (83) aus Troppau, der heute in Moosburg lebt, beschreibt den Transport im Viehwaggon, der vom 27. April bis 3. Mai 1946 dauerte – und den Beginn des neuen Lebens in Freising.

Eine eisige Reise im Viehwaggon

„In Freising kamen wir am 3. Mai 1946 in der Früh an. Es war sehr kalt und es lag noch Schnee. Wir Kinder hatten unsere vom Vater selbst genähten kurzen Hirschlederhosen, gestrickte Kniestrümpfe und Halbschuhe an und wir froren dementsprechend. Als Erstes konnten wir erkennen, dass der Bahnhof Freising durch Bombentreffer stark beschädigt war und neben unserem Zug auf zwei anderen Gleisen ausgebrannte Lazarettzüge standen. Man konnte die ausgebrannten Bettgestelle und auch teilweise das aufgemalte Rote Kreuz noch sehen. Tragbahren und andere Gegenstände waren noch sichtbar.

An die Aufnahme der Vertriebenen in Freising erinnert diese Stele in der Nähe des Kindergartens Veitshof. Am Montag, 3. Mai, wird die Ortsgruppe Freising der Sudetendeutschen Landsmannschaft dort zum Gedenken ein Gebinde niederlegen.

Dann wurden wir auf verschiedene Lager verteilt. Die Frauen mit Kindern kamen in das sogenannte „Kindergartenlager“, einen ehemaligen NSV-Kindergarten, unsere Großmutter und die Tante konnten bei uns bleiben. Andere wurden in den „Landshuter Hof“ gebracht. So kamen wir nach Freising – und wuchsen hier auf.

Mit 20 Landsleuten auf dem Strohlager

Wir, das heißt, meine Mutter, mein älterer Bruder mit zwölf Jahren, ich mit acht Jahren und mein jüngerer Bruder mit sechs Jahren. Er erlebte am 1. Mai im Viehwagon seinen 6. Geburtstag, als wir gerade durch Prag fuhren. Zusammen mit meiner Tante, der Schwester meiner Mutter, und meiner Großmutter wurden wir in eines der sechs Kindergartenzimmer eingewiesen und konnten uns mit weiteren 20 Landsleuten erst einmal auf dem auf dem Fußboden aufgebrachten Stroh ein Plätzchen suchen.

Zum Holzsammeln in die Isarau

Meine Mutter bekam dann später im zweiten Stock des Gebäudes zwei Mansardenzimmer zugewiesen. Die Zimmer waren etwa sieben Quadratmeter groß und hatten zwei schräge Wände. Es gab ein kleines Handwaschbecken mit Kaltwasser, eine kleine Nische, ein Holzbett und einen Holz- und Kohleofen mit einem Backrohr. Sobald der Ofen beheizt wurde, gab es auch warmes Wasser. Um den Ofen zu befeuern, brauchten wir allerdings Heizmaterial. Wir bekamen zwar ab und zu etwas zugeteilt, aber das langte ja nicht für den ganzen Winter. So gingen wir Buben eben mit einem kleinen Handleiterwagen, mit einem Fuchsschwanz und einem kleinen Handbeil auf Holzsuche in die Isarau. Nachdem hier schon alles „abgegrast“ war, überquerten wir eines Tages an einer flachen Stelle die Isar und wollten dann auf der Lerchenfelder Seite, etwa auf Höhe der Savoyer Au, nach Holz suchen. Wir wurden auch fündig und nach kurzer Zeit hatten wir unser Leiterwagerl vollgeladen und machten uns auf den Heimweg. Plötzlich stand ein grüngewandeter Herr neben uns und fragte uns, was wir hier denn täten. Wahrheitsgemäß sagten wir, dass wir auf Holzsuche wären und jetzt heimfahren wollten. Da sagte der Mann: „Und wo ist denn die Erlaubnis zum Holzsuchen?“ Die konnten wir nicht vorweisen, und so ließ er uns das Leiterwagerl wieder abladen, fragte uns nach unseren Namen und den Eltern und schrieb sich diese Daten auf. Wir mussten, nachdem er uns auch noch gehörig geschimpft hatte, ohne Holz wieder abziehen, haben uns dann aber auf der Seite vom Fuchswinkel noch Einiges zusammengesammelt, so dass wir nicht mit dem leeren Leiterwagen nach Hause gekommen sind.

Der „Holzfrevel“ hat ein Nachspiel

Der Mutter erzählten wir von diesem Vorfall nichts. Aber, wie sich noch herausstellen sollte, war die Angelegenheit noch nicht beendet. Einige Tage später erhielt meine Mutter eine Vorladung zum Forstamt. Sie sollte sich beim Amt auf dem Domberg einfinden, was für sie nicht so einfach war, denn sie war ja in der Arbeit und musste sich für diesen Zeitpunkt frei nehmen. Also, im Forstamt wurde ihr dann gesagt, dass der Forstbeamte eben uns Kinder beim „Holzfreveln“ angetroffen habe. Meine Mutter fiel natürlich aus allen Wolken. Sie musste fünf Mark Strafe bezahlen, was damals eine Menge Geld war, und ging gekränkt nach Hause.

An den Roider Jackl erinnert in Freising ein Brunnen. Der Gstanzl-Sänger war aber auch ein gestrenger Forstbeamter. Zeitzeuge Heinz Marschoun, der vor exakt 75 Jahren als Vertriebener in Freising angekommen war, hatte mit dem Volkssänger eine spezielle Begegnung.

Aus Vertriebenen werden Freisinger

Ich weiß nicht mehr, ob uns unsere Mutter wegen dieses „Holzfrevels“ geschimpft oder gar gelobt hat. Eines stand für uns jedenfalls fest: Über die Isar gehen wir auf keinen Fall mehr zum Holzsuchen. Wie sich später herausstellte, war der uns beanstandende Forstbeamte der in späteren Jahren allseits bekannte Gstanzl-Sänger, der Roider Jackl, der im Rundfunk und Fernsehen auftrat. In Freising erinnert ein Brunnen an ihn, auch gibt es einen „Roider-Jackl-Weg“ – nahe der Holzsammelstelle. . .

Aber das Leben ging weiter. Wir mussten in die Schule, erlernten Berufe oder studierten, trafen uns in der Sudetendeutschen Jugend, gründeten Familien und wurden bayerische Staatsbürger. Ich fühlte mich in Bayern wohl. Nach einer Lehrzeit bei der Post, Wehrdienst bei den Gebirgsjägern in Mittenwald und Einstieg in den Polizeiberuf bin ich nun schon seit vielen Jahren Pensionist und genieße mein Dasein. Leider ist meine liebe Frau nach 65 Jahren Freundschaft und 58 Ehejahren im Februar verstorben. Meine Kinder, die drei Enkel, mein Eigenheim und die Freunde im Tennisclub und in der Stadt halten mich noch auf Trab.“ Soweit Heinz Marschoun.

Freisinger Ortsgruppe: Dank an die Stadt

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft in Freising wird am 3. Mai an der Erinnerungstele ein Gebinde anbringen – es wird eine Gedenkfeier in ganz kleinem Rahmen. „Wir möchten uns bei der Stadt Freising für die damalige Aufnahme sehr herzlich bedanken“, betont Hiltraud Knoben-Schartl, „Es war für die Nachkriegsbevölkerung ganz sicher nicht leicht, zusätzlich 3300 Heimatlose zu versorgen.“ ft

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