Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, gibt im Innenhof seiner Residenz ein Statement vor der Presse. Marx hat zuvor Papst Franziskus seinen Rücktritt angeboten.
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Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, hat dem Papst seinen Rücktritt angeboten. Die Kirche sei an einem „toten Punkt“ angelangt.

Überraschung in der Domstadt

„Ein Paukenschlag“: Freisings Weihbischof versteht Rücktrittsangebot von Kardinal Marx als „deutlichen Akzent“

  • Wolfgang Schnetz
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  • Magdalena Höcherl
    Magdalena Höcherl
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Kardinal Marx hat dem Papst angeboten, von seinem Bischofsamt zurückzutreten. In Freising ist man von dieser Nachricht überrascht worden - hat aber Verständnis.

Freising – Kardinal Reinhard Marx hat Papst Franziskus gebeten, ihn vom Amt des Erzbischofs von München und Freising zu entbinden. Das teilte das Ordinariat am Freitagvormittag mit. Marx wolle „Mitverantwortung tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“. Die katholische Kirche sei an einem „toten Punkt“ angekommen. In Freising ist man von der Nachricht überrascht worden – versteht aber die Beweggründe für diesen Schritt.

Ein „Weiter so!“ ist nicht mehr möglich

„Das war ein Paukenschlag“, sagt Weihbischof Bernhard Haßlberger im FT-Gespräch. Der Bischofsvikar für die Seelsorgsregion Nord und die beiden Vertreter für München und den Süden seien am Freitagvormittag spontan nach München bestellt worden. „Auf dem Weg habe ich natürlich über alle möglichen Gründe für dieses Treffen nachgedacht“, berichtet Haßlberger. „An so etwas hat aber niemand von uns gedacht. Wir waren wirklich sehr platt.“

Mit der Entscheidung, das Bischofsamt abzugeben, wolle der Kardinal „einen deutlichen Akzent setzen“, sagt Haßlberger. In seinen Augen möchte Marx zeigen, dass er „nicht am Amt klebt“ und den Weg frei macht für einen Neuanfang – unabhängig davon, wie die Entscheidung in Rom schlussendlich ausfällt. Dass die Kirche laut Marx an einem „toten Punkt“ angekommen sei, sieht der Weihbischof als etwas überspitzte Formulierung. „Ich teile jedoch die Meinung, dass wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir beim besten Willen nicht mehr ,Weiter so!‘ sagen können.“

Weihbischof Bernhard Haßlberger

Mit dem Rücktritt vom Bischofsamt allein sei das freilich nicht getan: Natürlich müsse ein Nachfolger ebenfalls einen Neuanfang forcieren. „Wenn jemand nachkommt, der das Ganze aussitzen will, wäre das kontraproduktiv“, betont Haßlberger.

Im Brief an Papst Franziskus schreibt Marx davon, „dass manche in der Kirche gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen und deshalb jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüberstehen“. Dieser Haltung erteile der Kardinal eine klare Absage.

Stephan Rauscher ist Pfarradministrator in Freising.

In diesem Zusammenhang erklärt Freisings Pfarradministrator Stephan Rauscher, dass Marx und die Erzdiözese seit Jahren zu denjenigen gehörten, die sich nicht vor einer kritischen Auseinandersetzung scheuen, sondern sie aktiv betreiben. Man bemühe sich, das Thema aufzuarbeiten und präventive Maßnahmen zu ergreifen. „Schutzkonzepte wurden erarbeitet, es gibt Schulungen und Hilfsangebote, ein Betroffenenbeirat wurde gegründet, und so weiter.“

„Wir können nicht sagen, wir machen den Laden zu“

Ob der Rücktritt ein Schritt in die richtige Richtung ist, vermag Rauscher nicht zu beurteilen. „Ich verstehe das Signal, das er setzen will. Aber Verantwortung zu übernehmen, kann auch heißen, im Amt zu bleiben, um Umstände aufzuarbeiten und zu verbessern.“ Der Pfarradministrator betont: „Wir können nicht alle zurücktreten und sagen, wir machen den Laden zu. Wir haben einen Auftrag und eine Verantwortung. Denn irgendwer muss trotzdem aufräumen.“

Josef Geißdörfer ist Kirchenpfleger von St. Peter und Paul in Freising-Neustift.

Einen besonderen Zusammenhang sieht der Kirchenpfleger von St. Peter und Paul in Freising-Neustift, Josef Geißdörfer (72), in dem Rücktrittsangebot: „Ich glaube, dass dieses Angebot auch ein Rückverweis auf die Amtszeit von Marx als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Schon damals kam er mit seinen Ideen der Modernisierung und der Schaffung von Transparenz in der Kirche nicht durch und gab deshalb seinen Vorsitz ab.“ Marx’ Entschluss sei ganz richtig als Fanal gegen allzu konservative Kräfte, gegen die Blockierer in der Kirche und auch in der Verwaltung, im Vatikan, zu werten.

Erst kürzlich war Kardinal Marx in Freising zu Gast, um das ehemalige Marstall-Gebäude zu segnen, das nach seiner Sanierung mehreren neuen Nutzungen zugeführt wurde.

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