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„Wir machen die Energiewende teuer“ - Bürger Energie Genossenschaft über enorme Strompreise und Klimawandel

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Von: Magdalena Höcherl

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Das Bürgerwindrad in Kammerberg (Gemeinde Fahrenzhausen)
Der Anfang ist gemacht: Das Bürgerwindrad in Kammerberg (Gemeinde Fahrenzhausen) ist seit sechs Jahren in Betrieb. Es ist eins von zwei im Kreis Freising. Für die Energiewende sind laut BEG aber 24 Stück notwendig. © BEG

Strom- und Gaspreise explodieren aktuell. Ein Freisinger Experte zeigt die Verbindung zur Energiewende auf - und erklärt, was jetzt dringend zu tun ist.

Landkreis – Die Strompreise sind laut dem Vergleichsportal Verivox auf einem „historischen Allzeithoch“, auch die Gaspreise sind im Schnitt um fast 25 Prozent gestiegen. Der Zusammenhang zwischen dem exorbitanten Preisniveau und der Energiewende wird immer wieder diskutiert. Werner Hillebrand-Hansen, Vorstand der Bürger Energie Genossenschaft Freisinger Land, erklärt die Verbindung, welche Möglichkeiten in der Umstellung auf erneuerbare Energien liegen, und was jetzt dringend zu tun ist.

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Herr Hillebrand-Hansen, sind die erneuerbaren Energien das Problem oder die Lösung für die explodierenden Heiz- und Stromkosten?

Natürlich sind sie die Lösung. Das Problem sind die Gaspreise und die aktuelle geopolitisch schwierige Lage. Russland ist mit über 50 Prozent der größte Gaslieferant Deutschlands. Zudem wurden im vergangenen Jahrzehnt auch die Bewirtschaftung der Gasspeicher, mit denen wir eigentlich drei Monate unabhängig von Neulieferungen sind, überwiegend in russische Hände gelegt. Nun möchte Russland die Gaspipeline „Nordstream 2“ in Betrieb nehmen. Doch EU und Bundesnetzagentur erteilen die Genehmigung dafür nicht. Also verknappt Russland das Angebot – und die Preise schießen nach oben. Wenn wir in Deutschland nicht schon 45 Prozent erneuerbare Energien an der Stromerzeugung hätten, wären die Preise für Strom derzeit noch höher. Die Erneuerbaren dämpfen eher.

Trotzdem heißt es immer wieder, dass die Umstellung auf erneuerbare Energien Mehrkosten verursache.

Dieses Narrativ hat man halt über Jahre kultiviert. Und über die EEG-Umlage hatten die erneuerbaren Energien schon auch einen Einfluss auf die Energiekosten. Inzwischen ist die EEG-Umlage aber erheblich zurückgegangen. Lag sie 2021 noch bei 6,5 Cent netto beim Strom, ist sie heuer bei 3,7 Cent, und die Bundesregierung diskutiert ja bereits, sie schon zur Jahreshälfte ganz abzuschaffen. Was aktuell natürlich hinzukommt, sind die CO2-Bepreisungen, die leicht steigen. Trotzdem macht der Einfluss des Gaspreises 90 bis 95 Prozent der Kostensteigerung beim Strom aus. Und die gesunkene EEG-Umlage wirkt ja dämpfend. Wäre der Gaspreis nicht derart angestiegen, wären die Strompreise um zehn Prozent gesunken. Klar gibt es Stimmen, die sagen, die Energiewende sei schuld an den gestiegenen Energiekosten. Dabei ist die verschlafene Energiewende schuld, dass uns die Gaspreise so sehr treffen. Die Energiewende mit Sonne und Wind ist die Lösung für Unabhängigkeit.

Werner Hillebrand-Hansen
Werner Hillebrand-Hansen sieht die Energiewende als Chance.  © BEG

Wie weit ist man im Kreis Freising schon?

Bei uns machen die erneuerbaren Energien im Moment 75 Prozent aus, das ist gut. Machen wir einen Ausflug ins Jahr 2035. Wenn wir die Energiewende effektiv umgesetzt haben, würde das folgendermaßen ausschauen: Weder Erdöl noch Kohle wird noch importiert, wir sind komplett CO2-neutral. Wir werden insgesamt rund die Hälfte an Energie verbrauchen, weil die ganzen strombasierten Energieprozesse deutlich effizienter sind. Wir haben unter anderem viel mehr Wärmepumpen, auf den Straßen sind Elektroautos unterwegs. Der Stromverbrauch wird sich aber verdoppeln bis verdreifachen – ja nachdem, wie viel Wasserstoff importiert wird. Der Zusatz an Strom, den wir brauchen, muss irgendwo herkommen. Das ist machbar, auch bei uns im Landkreis.

Aber dafür ist der Ausbau der erneuerbaren Energien nötig.

Ja. Ein weiterer starker Ausbau von Biogas würde zu viel Ackerfläche benötigen. Auch Wasserkraft ist in ganz Deutschland nicht mehr nennenswert auszubauen. Der Fokus liegt auf Wind und Sonne, die sich wunderbar ergänzen. Im Winterhalbjahr kommt die meiste Windenergie, zwei Drittel davon nachts, und tagsüber sowie natürlich im Sommer Solarenergie. Kombiniert man beides, hat man auch den geringsten Speicherbedarf. Außerdem sind erneuerbare Energien, die im eigenen Land erzeugt werden, nicht nur unabhängig von geopolitischen Lagen, sondern auch kalkulierbarer, was die Preise angeht. Anders als bei beispielsweise Kohle und Gas sind die Investitionskosten bei erneuerbaren Energien am Anfang zwar höher. Dafür sind die Betriebsführungskosten dann allerdings so gut wie zu vernachlässigen – im Gegensatz zu den Brennstoff- und Personalkosten für fossile Energien.

Stichwort Windkraft: Wenn die 10H-Regel bestehen bleibt, sind die Möglichkeiten zum Ausbau sehr begrenzt.

Dann ist das Vorhaben, bis 2035 energieneutral zu sein, definitiv nicht umsetzbar. Verteilt man Windkraftanlagen über ganz Deutschland, lassen sich die unterschiedlichen Wetterlagen bestmöglich nutzen. Das Gleiche gilt für Solaranlagen. Diese Verteilung in der Fläche ist auch volkswirtschaftlich die günstigste Lösung. Die Energiewende ist nicht teuer, weil erneuerbare Energien teuer sind. Sie wird teuer, weil wir sie teuer machen – zum Beispiel mit diesem „Mia-san-mia“-Sonderweg.

Was muss also geschehen?

Im Kreis Freising sind aktuell zwei Windräder in Betrieb. Wir sind auf einem guten Weg, aber der ist noch weit. Denn um die Ziele zu erreichen, muss es im Landkreis so viele Windräder geben wie Kommunen: 24. Dachflächen sind, soweit noch nicht geschehen, mit Solarmodulen zu belegen, und die Genehmigung für die dann noch notwendigen PV-Freilächenanlagen sind zügig umzusetzen.

Es gibt also noch einiges zu tun. Blicken Sie optimistisch in die Zukunft?

Grund zum Optimismus gibt, dass in den vergangenen 30 Jahren festgestellt wurde, dass erneuerbare Energien die günstigsten sind – nicht nur in Freising, Bayern oder Deutschland, sondern weltweit. Aufgrund dieser Tatsache werden sie sich schlussendlich durchsetzen. Allerdings gibt es nach wie vor immense Kräfte, die die fossilen Energieträger am Leben halten wollen, weil sie noch gut daran verdienen. Und so schrecklich es ist: Die Erfahrung zeigt, dass die Menschheit offenbar so schockierende Ereignisse wie Tschernobyl oder die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal braucht, um Dinge zu verändern. Dabei war der Klimawandel schon vor 30 Jahren bekannt und beschrieben. Jetzt spüren wir die Auswirkungen teils schneller, als es die Forschung vorausgesagt hat. Es liegt an uns, dementsprechend zu handeln.

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