Rosarotes Sparschwein hinter Centmünzen
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Die automatische Geldvermehrung durch Zinsen ist längst Geschichte. Inzwischen schmelzen die Vermögen aufgrund von Negativzinsen dahin. 

Banken machen Ernst

Zu Negativzinsen gibt’s keine Alternative: Auch Privatkunden sind mittlerweile betroffen

  • Helmut Hobmaier
    VonHelmut Hobmaier
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Die Banken machen Ernst: Es gibt kaum mehr ein Geldinstitut, das für größere Summen keine „Verwahrentgelte“ mehr verlangt. Von den Negativzinsen sind inzwischen auch Privatkunden betroffen.

Landkreis - Viele Sparer sehen jetzt ihre Altersvorsorge schwinden: Nicht nur, dass es auf das Ersparte keine Positiv-Zinsen als Aufbesserung der Rente mehr mehr gibt – jetzt schmilzt das Vermögen auch noch.

Christian Sperrer: „Ohne Risiko gibt es keine Rendite mehr.“

Sperrer-Bank

Für den Chef der Freisinger Privatbank Sperrer sind Negativzinsen inzwischen unvermeidlich: Die Banken müssten ja für Gelder, die sie bei Notenbanken unterhalten (müssen – Stichwort: Regulatorik in Bezug auf Eigenkapital, Liquidität und Risikocontrolling), eine „Aufbewahrungsgebühr“ von 0,5 Prozent zahlen, betont Christian Sperrer. Würde man diese „Strafzinsen“ nicht an die Kunden weitergeben, verliere das Geschäftsmodell an Nachhaltigkeit. Wo also „reine Geldhaltung“ betrieben werde, berechne man einen Negativzins von 0,5 Prozent, wobei es für Bestandskunden einen individuellen Freibetrag gebe. Sperrer macht keinen Hehl aus der Tatsache, dass man auf lediglich geparkte Einlagen von Neukunden nicht scharf sei. Andererseits möchte man aber stets neue Geschäftsbeziehungen aufbauen, sodass neue Einlagen zwar möglich sind, ab 50 000 Euro würden aber in jedem Fall Entgelte fällig. Für geparkte Gelder von Kommunen, kommunalen Betrieben oder gewerblichen Kunden gebe es überwiegend gar keine Freibeträge, sondern Negativzinsen ab dem ersten Euro. An diesem für Sparer unerfreulichen Szenario wird sich nach Einschätzung von Christian Sperrer so schnell nichts ändern. Er hält sogar eine weitere Senkung des EZB-Leitzinses für möglich. Dem müsste die Bank folgen. Nun ist aber die Sparneigung „extrem hoch“, wie Sperrer berichtet, „die Einlagen wachsen und wachsen“. Wohin also mit dem vielen Geld? Die Vermögen bei Versicherungen zu parken, funktioniere inzwischen auch nicht mehr – „die laufen auch langsam voll“. Um Wertpapiere komme man daher nicht herum, wenn man das Geld mittel- oder langfristig anlegen wolle. Ob man nun in Aktien investiert, in Edelmetalle, Aktien-Anleihen oder in Wertpapier-Fonds – „es gibt für jeden Kunden etwas“, betont Sperrer. Allerdings: „Ohne ein gewisses Risiko Rendite zu erwirtschaften, geht nicht“. Allerdings könne man das Risiko minimieren.

Johann Kirsch: „Individuelle Lösungen findet man eigentlich immer.“

Sparkasse Freising

Auch der Vorstandsvorsitzender Johann Kirsch sieht für seine Freisinger Sparkasse keine Alternative zu Negativzinsen: „Wer sich hier keine Gedanken macht, bekommt ein ernstes betriebswirtschaftliches Problem.“ Auch die Sparkasse werde mit Einlagen geflutet. Wie damit umgehen? Kirsch: „Da gibt es drei Möglichkeiten. Da ist zum einen das Kreditgeschäft, wo aber Ausleihungen von 1,2 Milliarden Euro bereits Einlagen von 1,5 Milliarden gegenüber stehen. Wir können zweitens das zugeflossene Geld in Wertpapiere anlegen. Hier braucht es aber lange Laufzeiten, um aus dem Negativbereich herauszukommen – und letztlich ist das auch, renditeabhängig, risikobehaftet.“ Bliebe drittens, das Geld bei der Bundesbank zu parken – mit entsprechendem Negativzins. Diese Anlage sei unumgänglich und nicht auszuhebeln – und eine Änderung der EZB-Geldpolitik sei nicht in Sicht.

Was bedeutet das nun für die Sparkassenkunden? Kirsch: „Das hängt ganz individuell von der Kundenbeziehung ab.“ Mit einem Freibetrag von 100 000 Euro könne jeder Bestandskunde rechnen. Was darüber hinaus geht, „muss erörtert werden“, betont der Sparkassenchef. Den Freibetrag weniger stringent handhaben könne man etwa, wenn ein vermögender Kunde einen Teil des Geldes, das etwa auf einem Geldmarktkonto liegt, langfristig in Wertpapiere oder Fonds umschichtet.

Anderes Beispiel: Zu 500 000 Euro auf einem Kundenkonto kommen weitere 300 000 durch einen Wohnungsverkauf. Hat die Sparkasse als Makler dabei eine Provision erhalten, kann man bei den eigentlich fälligen Strafzinsen ein Auge zudrücken. Flexibel sei man auch, wenn Kunden Kredite laufen hätten. „Es geht darum, dass sich Bank und Kunde die Last teilen, die uns allen die EZB aufbürdet“, sagt Kirsch.

Daher gebe es auch keine Pauschalposition, wenn Neukunden ein Geldmarktkonto eröffnen wollen. Bedingung für die Kontoeröffnung sei ein ausführliches Beratungsgespräch, betont Kirsch. Um auch hier ein Beispiel zu nennen: 70 000 Euro könne ein Kunde zunächst durchaus einzahlen. Ziel sei aber eine „nachhaltige“ Beziehung zu dem Neukunden. Gehe es langfristig lediglich darum, Geld zu parken, werde man das Konto wieder kündigen. „Sonst müssten unsere treuen Kunden das ja mitfinanzieren“, erklärt Kirsch.

Ganz individuell handhabt die Sparkasse bereits seit mehreren Jahren das Thema Negativzinsen bei den gewerblichen Kunden. Gemeinsam mit dem Geschäftskunden erarbeite man einen Freibetrag, der etwa den monatlichen Betriebsmittelbedarf umfasst – also das Geld, das die Firma braucht, um ihren Zahlungsverkehr stabil abwickeln zu können. „Das können 30 000 Euro sein“, sagt Kirsch, „aber auch eine Million“. Bisher habe man immer noch eine einvernehmliche Lösung gefunden.

Karl Niedermaier: „Die Banken verdienen daran nichts.“

Freisinger Bank

Seit dem Jahr 2016 hat die Freisinger Bank Erfahrung mit Negativzinsen, die man zunächst nur auf Einlagen von Kommunen erhob. Inzwischen wird auch von Privatkunden eine Verwahrgebühr verlangt, allerdings liegt der Freibetrag bei Bestandskunden der Bank bei stolzen 500 000 Euro. Vorstand Karl Niedermaier: „Damit dürften wir ziemlich an der Spitze liegen. Ich kann aber nicht ausschließen, dass wir den Betrag einmal senken müssen.“ Neukunden müssen mit einem Zehntel dieses Freibetrags auskommen. Dieselben Beträge – 500 000 und 50 000 Euro (Bestand und neu) – gelten auch als Freibeträge bei gewerblichen Kunden. „Für uns ist das Ganze ein Nullsummenspiel“, sagt Vorstand Karl Niedermaier – „wir geben die Negativzinsen nur weiter. Wir verdienen nichts daran.“ Die aktuelle Zinspolitik sei das politische Instrument, um den wirtschaftlichen Zusammenbruch hochverschuldeter EU-Länder zu verhindern. „Hier versucht man, frühere Fehler zu korrigieren – und die kleinen Sparer hierzulande müssen es ausbaden.“ Für sich allein hätte Deutschland längst wieder Positivzinsen verkraftet. Die Generation, die nach dem Krieg angeschoben habe und auf Zinsen auf ihr Erspartes gehofft habe, gehe nun aufgrund der EZB-Zinspolitik leer aus. „Das“, sagt Niedermaier, „tut mir in der Seele weh.“

Jungen Leuten rät Niedermaier, auch ohne die Aussicht auf Zinsen zu sparen – schon, um bei einer Kreditvergabe Eigenkapital einsetzen zu können. Als Geldanlage in schwierigen Zeiten empfiehlt der Bankvorstand zum Beispiel Fonds und Aktien. Führe man hier monatliche Beiträge zu, könne man langfristig auch Negativzinsen vermeiden. In Frage kämen auch Bausparverträge: Hier gehe es weniger darum, billiges Baugeld zu bekommen, als um die Anlage von Eigenkapital mit der Aussicht auf eine Wohnungsbauprämie, die nun auch vermögendere Kunden bekämen. Davon abgesehen, seien diverse Versicherungsprodukte zu empfehlen. Gerade entwickle die Freisinger Bank ein eigenes, auf die derzeitige Situation zugeschnittenes Finanzprodukt. Niedermaier: „Der Bankberater war jedenfalls noch nie so wichtig wie heute.“

Nur von einem rät Niedermaier dringend ab: Das Geld abzuheben und im Küchenschrank zu deponieren. „Das könnte sich in gewissen Kreisen herumsprechen“, warnt Niedermaier, „und dann bekommt man ungebetenen Besuch“.

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