Anwalt im Gericht
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Ende Juli gibt es eine Fortsetzung im Prozess wegen versuchten Mordes. Symbolbild

„Knapp daneben“ wegen eines Hirnödems

Freisinger Mordprozess: Sprachstörung sorgt für widersprüchliche Angaben - Neurologe erklärt

Eine neue Wendung gab es im Prozess wegen versuchten Mordes im Landkreis Freising. Ein Neurologe erklärte die widersprüchlichen Aussagen des Opfers.

Freising - Es waren Widersprüche, die im Prozess um einen Einbruch auf einem Anwesen im westlichen Kreis Freising für erhebliche Irritationen gesorgt hatten. Der Besitzer war von den Tätern in seinem Bett niedergeschlagen worden. Nachdem er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war, hatte er Angestellten gegenüber angegeben, es sei hell in seinem Schlafzimmer gewesen. Bei der Erstbefragung im Klinikum Freising sagte der 51-jährige Hofbesitzer aus, er habe nichts gesehen, weil es dunkel gewesen sei. Vor dem Richter schließlich schilderte er, wie er durch „helles Licht“ aufgewacht sei und die Angeklagten hundertprozentig erkannt habe.

Sprachstörung durch ein Hirnödem

Am Mittwoch sorgte der Neurologe Professor Rolf Schneider, der als Sachverständiger geladen war, nun für Aufklärung vor dem Landshuter Gericht. Die Widersprüche in den Aussagen des 51-Jährigen seien durch eine vorrübergehende Sprachstörung erklärbar, die durch ein Hirnödem ausgelöst wurde. Das Ergebnis des Experten: Die Aussage in der Notaufnahme ist „praktisch nicht verwertbar“, weil diese Störung, auch Aphasie genannt, zu diesem Zeitpunkt zu ausgeprägt gewesen sei.

Wie bereits mehrfach berichtet, müssen sich zwei Brüder seit Mitte März wegen versuchten Mordes vor der Jugendkammer verantworten. Folgt man der Aussage des Jüngeren zu Prozessbeginn, so liegt die Wahrheit wohl irgendwo in der Mitte: Der 18-Jährige, der für kurze Zeit auf dem Anwesen des 51-Jährigen gearbeitet hatte, hat den Einbruch eingeräumt, er hätte jedoch den Hofbesitzer nicht töten wollen.

Neurologe: Der Geschädigte zeigte alle Phänomene einer Aphasie

Statt seines 22-jährigen Bruders soll aber ein Bekannter an der brutalen Tat beteiligt gewesen sein. Dieser soll es auch gewesen sein, der dem 51-jährigen Opfer mit einer Taschenlampe einen kräftigen Schlag auf den Kopf verpasst hat. Die Polizisten, die die Erstbefragung im Schockraum des Freisinger Klinikums vorgenommen hatten, gaben vor Gericht an, dass sich das Gespräch seinerzeit zunächst schwierig gestaltet hatte. Der 51-Jährige habe sich kaum artikulieren können. Man habe sich gerade mal durch Nicken oder Kopf schütteln verständigt.

Nach und nach habe sich dann der Zustand des Mannes gebessert und der Geschädigte habe sogar einzelne Wörter artikuliert. Bei einer klassischen Aphasie – und von einer solchen habe der Geschädigte „sämtliche Phänomene“ gezeigt – passiere es laut dem Neurologen Rolf Schneider jedoch häufig, dass der Betroffene das richtige Wort meint, aber denn falschen Ausdruck sage. Der Gutachter verglich den Zustand mit einem „Lexikon im Gehirn“: „Man schlägt die richtige Sparte auf, liegt aber knapp daneben.“

Die Gesichtserkennung soll nicht beeinträchtigt gewesen sein

Ein Paradebeispiel sei hier das Bezugspaar hell/dunkel. Der 51-Jährige habe gleich nach dem Vorfall hell gesagt. Nach Aussagen seiner Angestellten habe der Geschädigte da noch ganz normal sprechen können. Dann habe sich langsam ein Ödem entwickelt, das auf die Hirnwindungen gedrückt habe. Später habe sich das Ödem wieder zurückgebildet. Zwischenzeitlich habe es jedoch die Sprachfähigkeit wesentlich beeinflusst. Eine Störung des Gedächtnisses habe es aber nicht ausgelöst.

Zur Frage der Identifizierung der Täter durch den Angeklagten meinte Schneider, das Ödem habe sich in der linken Gehirnhälfte gebildet. Die rechte sei intakt geblieben – und die sei für die Gesichtserkennung zuständig. Den Begriff des False Memory Effects – eine Erinnerungsverfälschung, die von der Verteidigung als Folge der Ohnmacht ins Spiel gebracht worden war – hatte Schneider in der Fachliteratur nur in Bezug auf Missbrauchsopfer gefunden. Grundsätzlich gelte, so Schneider: „Gedächtnis und Erinnerung sind etwas, das sich im Lauf der Zeit ändert.“ Der Prozess wird am 28. Juli fortgesetzt.

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