Nach schwerem Unfall

Jemand biegt falsch ab - und Gordons Leben gerät komplett aus den Fugen

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Freising - Es hätte die letzte Motorradfahrt des Jahres für ihn werden sollen. Es wurde die letzte seines Lebens. Denn bei einem unverschuldeten Unfall verliert Gordon Hambach (22) aus Freising seinen rechten Arm. Seitdem ist sein Leben ein Kampf – gegen die Schmerzen und die Versicherungen.

Noch denkst du, es ist ein normaler Tag. Dein Sohn ist auf dem Weg nach Freising. Er will das Motorrad von seiner Freundin aus Dorfen nach Hause bringen und dort winterfest machen. Dann klingelt es an der Tür. Draußen stehen drei Polizisten, und sofort weißt du, dass es kein normaler Tag ist. Dir ist klar, dass irgendetwas Schlimmes passiert ist, und in Bruchteilen von Sekunden schießt dir ein schlimmer Gedanke durch den Kopf: „Mein Kind lebt vielleicht nicht mehr.“

Die Polizisten erzählen dir, dass dein Sohn einen heftigen Unfall hatte. Dass er schwere Verletzungen erlitten hat. Du lässt dich in die Klinik nach München fahren, weil du selbst so zitterst, dass du kein Lenkrad halten kannst. Du kommst in die Klinik. Du wartest und wartest, Stunde um Stunde, während dein Kind, das neun Monate in deinem Bauch war, das du zur Welt gebracht hast, das du großgezogen hast, mit dem Tod ringt.

Einer der Ärzte kommt zum ersten Mal zu dir und teilt dir mit, dass drei Finger nicht mehr zu retten waren. Du denkst, dass ist keine gute Nachricht, aber dann ist es halt so. Hauptsache, er bleibt am Leben. Und wieder vergeht eine lange Zeit, bis der Arzt wiederkommt und dir sagt, dass der Arm leider amputiert werden musste. Und noch immer ist das Warten nicht zu Ende. Und du hoffst, dass der Arzt dir endlich mehr sagen kann, und hast doch Angst vor dem Moment, in dem er wieder erscheint, weil du, auch wenn du diesen Gedanken nicht denken willst, glaubst, dass der Doktor dir dann sagt, dass einfach gar nichts zu retten war.

„Es waren die acht schlimmsten Stunden meines Lebens“

So ist es Elke Hambach (47) ergangen. „Es waren die acht schlimmsten Stunden meines Lebens“, erzählt sie und lacht, weil sie sonst gleich zum Weinen anfangen würde. Auch jetzt noch, wo seit dem Tag, an dem ihr Sohn Gordon mit dem Motorrad verunglückt ist, 15 Monate vergangen sind. Auch jetzt noch, wo sich der 22-Jährige aus dem schlimmsten Loch herausgekämpft hat. Von dem Gefühl der Ausweglosigkeit zu der Perspektive einer lebenswerten Zukunft war es ein langer und mühsamer Weg voller Ängste und Ärger, Scherereien und Schmerzen. Ein langer Kampf. Doch Gordon gibt nicht auf.

Gordon erinnert sich noch an vieles, was am 22. Oktober 2015 passiert ist. „Bis ich in den Rettungshubschrauber gekommen bin, war ich bei Bewusstsein“, berichtet er. Der damals 21-Jährige ist kurz nach 19 Uhr auf der Kreisstraße ED 19 unterwegs. An der Abzweigung zu Eichenkofen wartet im Gegenverkehr eine Autofahrerin auf der Linksabbiegerspur. „Ich war schon fast an ihr vorbei, hatte sogar kurzen Blickkontakt mit ihr, da zieht sie plötzlich nach links.“ Die Polizei wird diese Version später in ihrem Bericht stützen und von der Einschätzung ausgehen, dass die Frau dem Motorradfahrer die Vorfahrt genommen hat. Ein Gutachter kommt zu dem Schluss, dass der junge Mann bei der dort erlaubten Geschwindigkeit keine Chance gehabt hat, die Kollision zu verhindern. „Ich hatte keine Zeit mehr zum Bremsen“, beteuert Gordon. Er knallt in die Beifahrerseite, stürzt auf den Asphalt, bleibt mit schwersten Verletzungen liegen.

Das letzte Mal Motorrad fahren

Merkwürdig, wie das Gehirn in Extremsituationen arbeitet. Gordon Hambach spürt in den Minuten nach dem Unfall keine Schmerzen. Er hat auch keine Angst vor dem Tod. Er denkt die ganze Zeit nur an die Ironie dieser Situation. So viele Fahrten hat er bereits unbeschadet überstanden. Seit seinem 15. Lebensjahr fährt er Motorroller. Mit einer Maschine, die gerade mal 25 km/h auf die Straße bringt, hat er rund 10 000 Kilometer heruntergerissen. Mit 17 lenkt er bereits Autos. Eineinhalb Jahre lang sitzt er tagtäglich als Postbote hinter dem Steuer. Nie ist was passiert. Und dann steigt er nur noch ein einziges Mal auf seinen Motorradsitz. Das letzte Mal in diesem Jahr, weil er seine Suzuki GSX R 600 einwintern möchte. Und weil eine Frau zum falschen Zeitpunkt abbiegt, gerät sein Leben völlig aus der Spur.

Stundenlang kämpfen Ärzte im Operationssaal darum, Gordons Arm zu retten. „Doch die Blutversorgung war schon so stark beschädigt, dass es nicht mehr geklappt hat“, sagt der 22-Jährige. Als er aus der Narkose aufwacht, bringt es seine Mutter zunächst gar nicht übers Herz, ihm von der Amputation zu erzählen. „Er sah noch so schwach und mitgenommen aus“, sagt sie. „Ich habe gedacht, wenn ich ihm das jetzt sage, dann verkraftet er das nicht.“ Doch der Junge braucht nicht mal in das traurige Gesicht seiner Mutter zu blicken, um zu wissen, was los ist. „Mir musste keiner sagen, dass der Arm weg ist. Das habe ich sofort gespürt.“ Doch Gordon gibt nicht auf.

Dreieinhalb Wochen verbringt er im Klinikum rechts der Isar in München. In dieser Zeit muss der Freisinger noch einmal in den Operationssaal, denn auch das Bein ist schwer verletzt. Vorderes und hinteres Kreuzband: gerissen. Seitenband: gerissen. Syndesmose: beschädigt. Wadenbein: gebrochen. Sprunggelenk: gebrochen. Elke Hambach fasst die Horror-Krankenakte in vier Worten zusammen: „Arm ab, Bein kaputt!“

Der schwierigste chirurgische Eingriff steht Gordon aber erst noch bevor. Weil er bei dem Unfall einen Plexus-Ausriss im Schulterbereich erlitten hat, ist eine Nervenrekonstruktion notwendig. Nur so hat er überhaupt die Chance, künftig eine Prothese zu steuern, und das will Gordon mehr als alles andere. Er wendet sich dafür an einen Spezialisten in Wien: Professor Oskar Aszmann. Dort fühlt er sich wohl – anders als in Deutschland, wo er sich in der Reha schlecht behandelt fühlt. Wo er sich wie der Patient XY vorkommt. Wo ihm der Chefarzt ins Gesicht gesagt habe, dass er, Gordon, hauptsächlich Kosten und Ärger verursache. „In Wien wurde ich wie ein Mensch behandelt“, sagt er. Die knifflige OP verläuft reibungslos.

Eine Entscheidung, die weitreichend war

Doch mit seiner Entscheidung für einen Arzt aus dem Ausland handelt sich der Freisinger auch Schwierigkeiten ein – Probleme, die ihn in große Finanznöte stürzen und eine Prothese in weite Ferne rücken lassen. Denn die Krankenkasse weigert sich, die Bezahlung für die stationäre Behandlung zu übernehmen. Zunächst macht der Medizinische Dienst der Krankenkassen Probleme, weil die Operation im Ausland stattfindet. „So einen Eingriff hat es in Deutschland aber noch nicht gegeben“, betont Gordon. Der Arzt, der ihm empfohlen worden sei, habe gar nicht über die notwendige Erfahrung verfügen können. Gordons Gedanke: „Ich will nicht zu einem Experiment werden.“ Die Zeit, mit der Versicherung im Vorfeld der medizinischen Maßnahme darüber zu streiten, hat er nicht. „Je länger ich die Plexusrekonstruktion herausgezögert hätte, umso geringer wären die Erfolgsaussichten gewesen.“

Dafür muss er jetzt büßen. Auf dem Papier weist die Versicherung die Zahlungen zurück, weil es sich um wahl- beziehungsweise privatärztliche Leistungen handelt. Bis heute hat sie kaum etwas bezahlt. „Die verweigern fast alles“, sagt Elke Hambach. Die Aufnahme in eine Pflegestufe etwa lehnt sie ab und spart sich so sämtliche Pflegeleistungen. Doch Gordon gibt nicht auf.

Nach reiflicher Überlegung wendet sich der junge Mann an die Zeitung. „Ich wollte die Menschen darüber informieren, was passiert, wenn man einmal unverschuldet in eine Notlage gerät“, sagt er, und seine Mutter ergänzt: „Die Bekannten sagen zu mir immer: Ihr seid ja versichert, das muss doch die Versicherungen zahlen. Aber so einfach ist es nicht.“

Gordon ist auf viele Tabletten angewiesen. Für die Schachteln benötigt er ein ganzes Tablett. „Für meinen Sohn ist das besonders bitter“, sagt Elke Hambach. „Er hat nie Medikamente nehmen wollen. Sogar Hustensaft hat er als Kind verweigert. Jetzt muss er plötzlich haufenweise Tabletten schlucken.“

Freunde halten zu ihm

Die beste Medizin ist für Gordon die Unterstützung, die er aus seinem Umfeld erfährt. Fast alle Freunde halten zu ihm – auch wenn er nicht mehr jeden Spaß mitmachen kann. Auch wenn sie selbst erst mal damit klarkommen müssen, dass ihr Kumpel nicht mehr derselbe ist. Seine Freundin Annika (21) ist ebenfalls bei ihm geblieben. „Als ich erfahren habe, dass mein Arm amputiert worden ist, war meine größte Angst, dass sie mich verlässt“, sagt Gordon. Es gibt ihm viel Kraft, dass er weiß: Auch in schlechten Zeiten ist auf sie Verlass. Vor allem aber kann Gordon auf seine Mutter zählen. „Ich war ein Jahr lang auf sie angewiesen“, sagt er. „Ich weiß gar nicht, wie ich es ohne sie bis hierhin hätte schaffen sollen.“

Wie eine Löwin kämpft Elke Hambach für ihr Kind. Und es ist ein harter, ein langer, oft genug ein frustrierender Kampf auf Behördenebene. Er macht die 47-Jährige in Kürze zu einer Expertin im Versicherungswesen. Das Prozedere sieht vor, dass zunächst die eigene Kasse für Kosten aufkommt, die durch einen Unfall entstehen – auch wenn dieser von jemand anderem verursacht worden ist. „Die eigene Versicherung holt sich das Geld dann von der gegnerischen Partei zurück“, berichtet die Freisingerin. Aber wenn nicht mal die eigene Versicherung zahlt . . .

Elke Hambach lässt nicht locker – auch wenn sie zehn Anrufe benötigt, wo eigentlich ein Telefonat reichen sollte. „Eines habe ich gelernt“, sagt die 47-Jährige. „Gegen jeden Bescheid Widerspruch einzulegen.“ Zwei Leitz-Ordner füllt die Korrespondenz inzwischen. Die Beharrlichkeit der Mutter zahlt sich aus – zumindest ein bisschen. Denn tatsächlich erklärt sich die Versicherung der Autofahrerin bereit, einen „frei verfügbaren Vorschuss“ auf das Schmerzensgeld zu bezahlen, über dessen Höhe ein Gericht noch entscheiden muss. In Raten wandern so 40 000 Euro auf Gordons Konto. Es ist schneller weg, als es gekommen ist. Denn allein die Nervenrekonstruktion hat 27 000 Euro gekostet. Dazu kommen Umbauten im Haus, die notwendig sind, damit sich der 22-Jährige überhaupt mit einem Arm im Alltag zurechtfinden kann. Dafür reicht dieser Vorschuss bei Weitem nicht. Eigentlich möchte Elke Hambach die Badewanne durch eine ebenerdige Dusche ersetzen. Kostenvoranschlag: 7000 Euro. Dafür ist gerade kein Geld mehr da. Ein Umbau des Autos für 4000 Euro hat immerhin die Rentenversicherung übernommen. Der Wagen gibt ihm das Gefühl, etwas Unabhängigkeit zurückzugewinnen. Er benötigt es aber auch, um zur Schmerztherapie nach Erding zu kommen.

„Wenn der Schmerz kommt, kann ich nicht einmal schreien“

Denn Gordon ringt mit kaum zu ertragenden Phantomschmerzen. „Der Kopf sucht den Arm“, erklärt er. Und weil er von dem keine Rückmeldung bekommt, sendet er Schmerzen aus, und so spürt der junge Mann an der Stelle, wo einst sein Arm war, ein Stechen, das immer und immer wiederkehrt. Das ohne Medikamente unerträglich wäre. „An schlimmen Tagen habe ich alle 15 Sekunden Phantomschmerzen“, berichtet er. Wenn mal ein bis zwei Tage gar nichts ist, dann hat er eine gute Phase gehabt. Aber wann passiert das schon. „Wenn der Schmerz kommt, zieht sich in mir alles zusammen. Ich kann dann nicht einmal schreien.“ Er erzählt es so nüchtern, als würde er über ein aufgeschürftes Knie sprechen. Seine Mama kann das nicht. Sie sieht vor ihrem inneren Auge, wie ihr Kind zusammengekrümmt auf einem Stuhl sitzt. Verstummt. Wieso nur verzweifelt Gordon nicht?

„Ich finde es bewundernswert, dass er keiner Depression verfallen ist. Ich bin so stolz auf ihn“, sagt die Mama. Er sagt: „Nachdem ich so lange außer Gefecht gesetzt war, freue ich mich auf jede Herausforderung.“ So gern würde er seine Ausbildung zum Fachinformatiker an der TU München wieder aufnehmen, aus der er so jäh gerissen wurde. Jetzt glaubt er wieder daran. Gordon gibt nicht auf.

Etwas bange wird ihm nur, wenn er an die kommende Gerichtsverhandlung denkt. So viel hängt für ihn davon ab. Er hofft, dass die Autofahrerin, die ihn erwischt hat, die komplette Schuld einräumt. Tut sie es nicht, befürchtet er, dass ihm 25 Prozent Teilschuld bleiben. Das habe ihm der Anwalt erzählt. Selbst wenn die Versicherungen sich künftig kooperativer zeigen, müsste er ein Viertel aller Kosten selbst tragen. Allein die Prothese kostet knapp 120 000 Euro. Und da so ein Armersatz eine Halbwertszeit von rund 60 Monaten hat, sieht er die Gefahr, dass er alle fünf Jahre selbst 30 000 Euro aufbringen muss.

Auch über das Schmerzensgeld wird das Gericht befinden. Maximal 80 000 Euro seien drin, meint Elke Hambach, und Gordon ergänzt: „Das hört sich nach viel an. Aber finden Sie mal jemanden, der für 80 000 Euro seinen rechten Arm hergeben würde.“

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