+
Ball statt Stuhl: Im Büro kann ein regelmäßiges Wechseln zwischen den beiden Sitzgelegenheiten Rückenschmerzen vorbeugen – einfach mal ausprobieren! Unser Bild (v. l.) zeigt Franz, Jonas (9), und Karin Jungmeier.

Das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung steigt 

Großes Gesundheitsinterview: So können Sie Rückenschmerzen im Berufsalltag kontern

  • schließen

Wenn „Bürogeschädigte“ mit Rückenleiden zu Fitnessstudio-Chefin Karin Jungmeier ins „Number 1“ in Freising kommen, weiß sie genau, wovon die Menschen sprechen.

Nicht nur, weil das ihr tägliches Brot als Funktionelle Osteopathin und Physiotherapeutin ist. Karin Jungmeier war selbst jahrelang als Versicherungsfachwirtin in einer großen Münchner Versicherungsgesellschaft beschäftigt. Und schon damals wusste sie, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit ist. Denn, so Karin Jungmeier im Gespräch mit dem FT: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ Seit 20 Jahren ist sie zusammen mit ihrem Mann Franz in der Freisinger Fitnessworld Number 1 eine Anlaufstelle für alle, die sich mit Spaß gesund fit halten oder wieder fit werden wollen.

-Karin, was unterscheidet die Muckibude der 80er Jahre vom Fitnessstudio von heute?

Der große Unterschied liegt darin, dass es heute nicht mehr vordergründig darum geht, Muskeln zu stählen und Gewichte zu stemmen, sondern um die Gesunderhaltung des Körpers und damit auch des Geistes. Die Menschen wollen den Folgen des chronischen Bewegungsmangels etwas entgegensetzen. Und das unterscheidet uns heute ganz grundlegend von den 80er Jahren: Wir haben Rückenprobleme, wir haben Gewichtsprobleme. Damals war unser Essverhalten anders. Und wir haben uns mehr bewegt. Jetzt müssen wir ja nicht mal mehr zum Einkaufen aus dem Haus. Alles kann im Internet bestellt werden. Und – und auch das dürfen wir nicht vergessen: Die Menschen werden älter. Das merken wir bei uns im Studio deutlich: Wir haben zunehmend älteres Publikum.

-Dieses Gesundheitsbewusstsein hat sich also auch bei euch erst in jüngerer Vergangenheit entwickelt?

Nein, das war Franz und mir schon immer wichtig. Aber freilich: Unser Konzept hat sich weiterentwickelt, so wie Franz und ich uns weiterentwickelt haben. Da spielt meine Ausbildung zur Physiotherapeutin und funktionellen Osteopathin ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass ich Mutter geworden bin, wir jetzt Eltern sind. Das prägt dich. Da steht die Gesundheit plötzlich an oberster Stelle. Und natürlich stellst du alles, was dir wichtig ist, unter dein persönliches Lebensmotto. Was wir hier im Number 1 tun, ist nicht einfach nur ein Beruf, das ist eine Lebenseinstellung. Wir sind absolut überzeugt von dem, was wir tun.

-Die Idee, eine physiotherapeutische Praxis ins Fitnessstudio zu integrieren, habt ihr bereits vor 15 Jahren umgesetzt.

Und wir waren damit deutschlandweit die Ersten. Wir waren die Vorreiter.

Der Rücken ist immer das Problem

- Und was kannst du nach 15 Jahren als Physiotherapeutin sagen – wo hakt’s?

Es ist der Rücken – und von dem aus auch die Schultern und die Knie. Aber das Hauptprobleme liegt in Lendenwirbelsäule und Becken. Durch unseren stressigen Alltag, der größtenteils im Sitzen zugebracht wird, sind die Menschen nicht mehr in ihrer Mitte, spüren und trainieren diese auch zu wenig oder nicht mehr.

-Würdest du dir wünschen, dass deine Patienten früher kommen? Wäre das einfacher für den Heilungsprozess?

Die Menschen kommen bereits früher. Das ist der absolute Trend: Vorbeugen. Da hat sich wirklich viel getan in den vergangenen Jahren. Aber auch beim Thema Fitness will man prophylaktisch tätig werden.

-Wie kann den vielen Schmerzpatienten geholfen werden? Gibt es ein Patentrezept?

Die können sich alle nur selbst helfen. Das ist die wichtigste Erkenntnis aus meiner Arbeit: Jeder Körper heilt sich selbst – ich kann dir nur die Informationen geben, dich anleiten. Aber helfen, anstrengen, dafür arbeiten: das muss jeder Patient selbst, das kann ihm keiner abnehmen. Ich habe eine große Kiste mit vielen Infos und „Werkzeugen“ drin. Ich sehe mir die Menschen und ihre Beschwerden an, und bin dann gefragt, die richtige Info, das für ihn passende zu finden und ihm anzubieten, ihn anzuleiten.

Bewegung statt Sport

-Sport ist also für jeden, der gesund bleiben will, unerlässlich?

Ich würde nicht von Sport sprechen. Das Wort ist bei uns so negativ behaftet, da denkt man gleich wieder an Leistungsdruck. Pilates, Yoga, sanfte Bewegung, bewusste Stärkung der Muskulatur: Darum geht es. Der Spaß am und das Wohlfühlen im eigenen Körper stehen an erster Stelle. Die Freude, seinen Körper spüren zu dürfen – das ist etwas Wunderbares. Und Bewegung fängt ja nicht im Fitnessstudio an. Das sind viele Kleinigkeiten, mit denen man sich Gutes tun kann: Treppe statt Aufzug, das Auto mal stehen lassen. Und dann natürlich ein vernünftiger Lebensstil: Ausreichend schlafen, sich ausgewogen ernähren und, das Wichtigste überhaupt, viel Trinken.

Franz Jungmeier: Der Mensch hat versucht, Bewegung in seinem Alltag zu reduzieren. Doch umso mehr Bewegung wir wegrationalisieren, umso schwächer werden wir. Leute, die gezielt trainieren, spüren, wie ihr Körper kräftiger wird. Es ist der Erfolg, der uns antreibt und am Ende den Spaß ausmacht.

-Wir stecken also nicht inmitten einer Fitnessbewegung, sondern es hat ein tiefgreifendes Umdenken stattgefunden?

Karin: Das ist kein Trend, sondern absolut etwas Langfristiges, Nachhaltiges. Das kommt auch daher, dass viele, die um die 40 sind, ihre Eltern sehen und vor Augen haben, was im Alter auf einen zukommen kann, wenn man die Signale des Körpers ignoriert und sich nicht mit Bewegung fit hält. Fitness ist ein Teil der Altersvorsorge geworden. Hinter all dem steckt eine große Portion Vernunft der Menschen.

-Auch bei den Älteren. Ist es für manchen dennoch schon zu spät, um sich in Bewegung zu setzen?

Dafür ist es nie einen Tag zu spät. Die Fitness im Alter nimmt zu, und das ist schön zu beobachten. Viele haben sich dazu entschieden, junggeblieben alt werden zu wollen. Senioren wollen bis ins hohe Alter selbstbestimmt leben können, fit sein für das Alter, um alles unternehmen zu können. Das Leben bietet so viel und während wir berufstätig sind, bleibt oft nicht viel Zeit für all das. Was gibt es da Schöneres, als im Ruhestand fit für Unternehmungen zu sein? Es gibt aber noch mehr Gründe für Senioren, zu uns zu kommen: Wir sind ein Ort der Kommunikation, bei uns kommt man ins Gespräch. Hier verabredet man sich nicht nur zum Sport, sondern trinkt auch mal einen Kaffee zusammen, hier schließen Menschen Freundschaften. All das hält auch jung.

„Das Allerschlimmste ist, nichts zu tun“

-Nochmal zurück zu den Rückenschmerzen: Hast du Tipps, wie man aus dem Teufelskreis der Schonhaltung herauskommt?

Das Allerschlimmste ist es, nichts zu tun. Oberstes Gebot bei Rückenthemen: schmerzfreie Bewegung. Wenn ich gar keine Möglichkeit mehr finde, wenn weder Radfahren, noch Spazierengehen, weder Bauchlage, noch Rückenlage ohne Schmerzen möglich ist, besteht dringend Handlungsbedarf. Dann muss ich zum Arzt und sehen, dass ich rauskomme aus der Schmerzspirale. Aber am Besten ist es natürlich, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen. Hier bieten wir gerne Hilfestellung auf unterschiedlichste, ganz individuelle Weise.

-Hast du Tipps, wie ich den Büroalltag rückenschonend gestalten kann?

Das wäre so einfach, wenn man nur ein wenig seine Kreativität walten lassen würde: Die Chefs sollten ihre Mitarbeiter anhalten, aufzustehen und zum Kollegen rüberzugehen, anstatt immer gleich das Telefon zur Hand zu nehmen. Auch bei Besprechungen: Wieso muss alles im Sitzen stattfinden? Ich kann doch beim Reden auch mal rumgehen oder während einer Besprechung Sequenzen einbauen, in denen man sich auf die Zehenspitzen stellt, streckt, die Muskulatur lockert. Mein Appell an alle, die viel im Sitzen arbeiten: Macht Euch doch einen Spaß daraus! Tauscht den Bürostuhl immer wieder gegen den Pezziball ein. Nicht zu lange, sondern auf den Tag verteilt immer mal wieder für eine Viertelstunde. Und, ganz wichtig: Verbringt eure Mittagspause draußen in Bewegung. Führt ein bewegtes Leben. Und das meine ich ganz wörtlich.

-Wie hast du deinen Büroalltag damals gestaltet?

Ich möchte eines vorausschicken: Mir hat dieser Job richtig Spaß gemacht. Ich hab nach dem Abi Versicherungskauffrau gelernt, dann Versicherungsfachwirt studiert und war zehn Jahre im Innendienst tätig. Bei meinem Einstellungsgespräch habe ich meinem Chef gesagt, die Voraussetzung, den Vertrag zu unterschreiben, ist, er muss mich drei Mal abends um 17 Uhr gehen lassen, damit ich zu meinem Sport komme. Das hab ich mir schriftlich geben lassen. Und ich war voller Leidenschaft im Büro – weil ich die Bewegung nie vernachlässigt habe. Ich konnte nur volle Leistung bringen, weil ich meinen regelmäßigen Sport nicht vernachlässigt habe.

„Ernähr dich gesund!“

-Ersetzt ein Training unter Anleitung den Arzt?

Bei bestimmten Zivilisationskrankheiten mit Sicherheit: Nehmen wir Diabetes Typ 2, was ja verstärkt auch schon bei jungen Menschen auftritt. Wenn der Arzt sagen würde: „Ändere deine Lebensgewohnheit, beweg’ dich und ernähr dich gesund!“ wäre das die richtige Therapie – die allerdings der Pharmaindustrie nichts bringt. Auch bei hohem Blutdruck haben wir hier wunderbare Erfolge zu verzeichnen: Regelmäßiger Sport ersetzt langfristig Blutdrucksenker. Ein Leben in Bewegung hält uns gesund.

Interview: Andrea Beschorner

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Der Werkmarkt ist bald Geschichte
Die Einzelhandelslandschaft verändert sich rasant, immer mehr Eigentümer geführte Geschäfte müssen schließen, selbst Unternehmen die schon seit Generationen am Markt …
Der Werkmarkt ist bald Geschichte
Sparkasse schließt drei Filialen
Die Sparkasse Freising schließt die Filiale Neustift und wandelt die Geschäftsstellen in Marzling und Vötting in SB-Stellen um. Das sei die Konsequenz aus einem …
Sparkasse schließt drei Filialen
Fliegende Schlaganfall-Spezialisten landen ab sofort in Freising
Beim Schlaganfall zählt jede Minute. Damit die Versorgung dieser Patienten aus der Region Freising noch schneller und besser gelingen kann, beteiligt sich das Klinikum …
Fliegende Schlaganfall-Spezialisten landen ab sofort in Freising
Dancing Angels aus Nandlstadt sind auf der Erfolgsspur
Vier erfolgreiche Showtanzgruppen, eine neue Linedance-Formation, Verstärkung im Trainerstab und ein ausgearbeitetes Sponsoring-Model: Bei den Dancing Angels aus …
Dancing Angels aus Nandlstadt sind auf der Erfolgsspur

Kommentare