Im Gespräch mit Kristina Kluge-Raschke 

Großes Interview: „Krisen sind etwas völlig Normales“ - hier bekommen Sie Hilfe

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Seit rund einem Jahr gibt es eine Anlaufstelle für akute psychische Krisen – den Psychiatrischen Krisendienst. Schnelles Einschreiten, Entlastung für den Betroffenen, das alles ist jetzt möglich.

Freising Diplom-Sozialpädagogin Kristina Kluge-Raschke, Leiterin der sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas Freising, hat sich mit dem FT über die Normalität von Krisen, verschiedene Herangehensweisen und die Bedeutung des niederschwelligen Angebots unterhalten.

Frau Kluge-Raschke, provokant gefragt: Warum ist der psychiatrische Krisendienst eigentlich so wichtig?

Es gibt Notfallnummern für körperliche Notfälle, die jeder sofort im Kopf hat, egal ob Notarzt oder Bereitschaftsdienst. Auch bei körperlichen Krankheiten weiß man, dass man fast täglich zum Hausarzt gehen kann. Für psychische Krisenfälle gab es bisher noch nichts. Unser Ziel ist, dass die Nummer irgendwann in den Köpfen verankert ist. Die meisten kennen das Versorgungsnetzwerk nicht und wissen nicht, wohin, wenn sie Probleme haben. Beim Psychiatrischen Krisendienst erhalten sie zum einen Auskunft, was es für verschiedene medizinische, therapeutische und beraterische Hilfen gibt. Zum anderen erhalten sie eine Krisenberatung für die akute Situation.

Macht sich da schon ein Effekt bemerkbar?

Es rufen viele Leute an, die vorher keine Hilfe in Anspruch genommen haben. Die haben nicht gewusst, wohin mit sich. Jetzt schon.

Wie ist der Ablauf, wenn ein Klient beim Krisendienst anruft?

Zunächst sitzen die Kollegen zentral in München in einer telefonischen Leitstelle und sorgen für eine Erstberatung. Dann ist es aber ganz unterschiedlich: Manche Angelegenheiten klären sich bereits am Telefon, einiges wird aber auch an uns weitergeleitet. Es gibt die Möglichkeit einer kurzfristigen Krisenberatung bei uns oder bei den Menschen zu Hause. Manchmal reicht auch ein normaler Beratungstermin in den nächsten Tagen aus.

Wie ist Ihre Herangehensweise? Jede Krise ist sicherlich anders. . .

Auf jeden Fall. Es gibt Menschen, die rufen selbst an, manchmal sind es aber auch Angehörige. Das Gute ist: Wir sind immer zu zweit unterwegs, dann können wir uns auch beraten, wie wir vorgehen wollen. Der erste Schritt ist aber immer, zuzuhören und herauszufinden, was los ist. Oft hilft den Betroffen die Erfahrung, jemandem gegenüber zu sitzen, der Verständnis hat. Der vermitteln kann, dass eine Krise ganz normal ist.

„Im Schnitt gerät jeder Dritte in eine Krise“

Ist das so?

Krisen sind sogar etwas völlig Normales. Man sagt, im Schnitt gerät jeder Dritte in seinem Leben einmal in eine Krise, die professioneller Hilfe bedarf. Lebenskrisen erlebt wohl beinahe jeder Mensch einmal. Es gibt unterschiedliche Arten, sie zu bewältigen. Es muss nicht immer mit einem Profi sein, aber mit einer neutralen Person zu reden, die fachlich geschult ist, kann schon in vielen Fällen helfen.

Was müssen Sie bei so einem Gespräch beachten?

Wir gehen grundsätzlich immer sehr verständnisvoll heran, wahren aber auch eine Distanz, die uns handlungsfähig macht. Wir arbeiten alltags- und lösungsorientiert. Der Klient sollte mit einer Idee aus dem Gespräch rausgehen, wie es weitergeht. Das Ziel ist, einen Weg zu finden, der zu der Person passt.

Man gibt also einen Schubs in die richtige Richtung?

Das kann sein, manchmal reicht das aber nicht. Es kommt auch vor, dass man die Person weiter auf dem Weg begleitet. Wir müssen immer abwägen: Was ist angemessen, was braucht die Person? Es gibt Situationen, in denen ein Mensch mit der persönlichen Krise relativ klar umgeht. Die braucht dann vielleicht nur einen Schubs oder ein Gegenüber, um sich zu sortieren. Es gibt aber auch das Gegenbeispiel, dass komplette Ratlosigkeit herrscht. Dann nehmen wir die Menschen eben an die Hand. Grundsätzlich sorgen wir dafür, dass sich eine Krise nicht zuspitzt, deeskalieren die Situation und bringen Entspannung rein. Alles mit dem Ziel, dass die Person selbst wieder steuern kann, wie es weitergeht.

Dann muss die Belastung bei den sozialpsychiatrischen Diensten wohl auch sehr hoch sein, oder?

Ja, das ist sehr anspruchsvoll. Die Kriseneinsätze sind nicht ohne. Das Gute ist, dass wir uns immer auf unsere Kollegen verlassen können. Wir entlasten uns gegenseitig und haben regelmäßig Supervision. Was uns auch zu schaffen macht, sind strukturelle Dinge. Wir haben zwar eine Vollzeit-Stelle im vergangenen Jahr dazubekommen, allerdings merken wir, dass das nicht ausreicht. Die tägliche Arbeit an unseren Beratungsstellen wird sogar ein bisschen eingeschränkt dadurch. Momentan wird gleichzeitig evaluiert: der Krisendienst ist bis 2020 in der Projektphase. Über die Ergebnisse sprechen wir mit dem Kostenträger, dem Bezirk Oberbayern. Dann wird man sehen, ob wir mit unserer Erfahrung bisher punkten können (lacht).

„Es hat sich sehr viel verändert“

Glauben Sie, dass die seelischen Erkrankungen in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch hintanstehen?

(überlegt) Es hat sich sehr viel verändert. Die Zahl der psychisch Erkrankten ist gestiegen. Das hat meiner Ansicht nach mit mehreren Dingen zu tun: Erstens stehen die Menschen heutzutage viel mehr unter Druck. Zweitens ist das Bewusstsein bei Patienten wie Ärzten gestiegen. Das heißt, dass die Betroffenen sensibler sind, und auch mehr Diagnosen gestellt werden. Es ist aber schon so, dass die seelischen Erkrankungen noch nicht so zur Normalität gehören wie körperliche.

Werfen wir einen Blick auf die Zahlen: Wie oft wird die Nummer des psychiatrischen Krisendienstes gewählt?

Im Monat zirka 1600 Mal. Im vergangenen Quartal (bisher die einzigen Zahlen, die vorliegen, Anm. d. Red.) waren 66 Betroffene aus dem Landkreis Freising dabei – von denen wir wissen. Manche rufen auch anonym an.

Warum?

Die Hürde, Hilfe aktiv zu suchen, ist für manche Menschen immer noch groß. Wir hoffen, dass diese Schwelle durch die Telefonnummer etwas gesenkt wird.

Rufen öfter Angehörige oder Betroffene selbst an?

Eher selbst. Von den zirka 4800 Telefonkontakten im vergangenen Quartal waren es 2000 Aufnahmegespräche für Kriseninterventionen. Ungefähr 1300 Betroffene haben selbst angerufen, zudem rund 430 Angehörige und über 100 Fachstellen, die Rat einholen.

Gut zu wissen

Wer in eine persönliche Krise gerät, kann sich täglich von 9 bis 24 Uhr an den psychiatrischen Krisendienst wenden. Erreichbar ist er unter Tel. (01 80) 6 55 30 00. Anrufen kann jeder ab dem 16. Lebensjahr. Die Mitarbeiter der sozialpsychiatrischen Dienste der Caritas Freising stehen in der Bahnhofstraße 20 auch mit Rat und Tat zur Seite.

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