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Rund 2,6 Millionen Kinder gibt es in Deutschland, die aus einer von Suchtproblemen geprägten Familie kommen. Auch im Landkreis sind solch Kinder kein Einzelfall.

Prop und Jugendhilfe Freising gründen Fachkreis „Schulterschluss“

Jedes sechste Kind leidet unter suchtkranken Eltern

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Jedes sechste Kind aus Deutschland hat Eltern mit Suchtproblemen. Viele von ihnen geraten später selbst auf die schiefe Bahn. Genau das aber will ein erst kürzlich geschlossenes Bündnis in Freising verhindern – ein Lichtblick für diese Kinder, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Freising – Schon bei der Geburt tragen sie ein schweres Erbe. In der Bundesrepublik leben rund 2,6 Millionen Kinder, die aus einer von Alkoholismus und Drogenabhängigkeit geprägten Familie kommen. Das heißt: Jedes sechste Kind hierzulande ist von dem Problem betroffen, und das macht auch an den Grenzen zum Landkreis Freising nicht Halt. „Bei uns sind solche Kinder ebenfalls kein Einzelfall“, berichtet Beatrice Smoktun, Pressesprecherin des Prop-Vereins für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie. „Wir betreuen – ebenso wie die Jugendhilfe – genügend suchtkranke Menschen, die Kinder haben.“

Rund 2,6 Millionen Kinder gibt es in Deutschland, die aus einer von Suchtproblemen geprägten Familie kommen. Auch im Landkreis sind solch Kinder kein Einzelfall.

Um diesen „vergessenen Kindern“ eine Stimme zu geben, haben Prop und Jugendhilfe im Herbst 2017 ein Bündnis geschlossen. In dem Fachkreis „Schulterschluss“ wollen die Experten Strukturen schaffen, mit denen Betroffene aufgefangen und gefördert werden können. Denn die Statistik besagt nichts Gutes für Kinder mit suchtkranken Eltern.

Etwa ein Drittel wird im Erwachsenenalter selbst alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängig. Ein weiteres Drittel entwickelt psychische oder soziale Störungen, und nur ein Drittel kommt mehr oder weniger unbeschadet davon. Ziel des Fachkreises ist es daher, ein gemeinsames Verständnis für die Problemsituation in den betroffenen Familien zu entwickeln. „Handeln Jugendhilfe und Suchthilfe gemeinsam, erhöhen sich die Handlungsoptionen“, betont Christina Binder vom Jugendamt Freising.

Das Problem: Kinder, die bei süchtigen Eltern leben, entwickeln zwar oft bestimmte Verhaltensweisen, die darauf hinweisen, das zu Hause etwas nicht stimmt. Das aber wird oft nicht in Zusammenhang mit der Suchtkrankheit der Eltern gebracht. „Die Erfahrung zeigt, dass insbesondere Eltern oft der Eindruck haben, dass die Kinder von dem Problem nichts oder nur wenig mitbekommen“, sagt Christina Binder. Das Gegenteil ist der Fall.

„Diese Kinder bekommen selten Liebe und Zuneigung zu spüren. Beständigkeit und Zuverlässigkeit kennen sie nicht“, ergänzt Bärbel Würdinger, Familientherapeutin bei Prop. „Das führt oft dazu, dass sie wahnsinnig emotional sind und zwischen großer Euphorie und Niedergeschlagenheit schwanken.“ Die Eltern seien abends häufig nicht zuhause. Kinder bräuchten aber zumindest einen Erwachsenen, der ihnen Halt und Orientierung gibt.

Die Kinder lieben ihre Eltern und schämen sich zugleich für sie

Ein weiteres Problem führt Christina Binder vom Jugendamt an. „Die Kinder lieben trotz allem ihre Eltern, weil es eben ihre Eltern sind. Umso mehr schämen sie sich aber für sie.“ Die Folge: Sie haben den Dreh schnell heraus, wie sie Probleme zu Hause gegenüber Nachbarn, Klassenkameraden und Freunde vertuschen können.

Eine Erfahrung hingegen würden sie nicht machen, die für eine gesunde Entwicklung aber enorm wichtig sei, wie Binder herausstellt: „Sie lernen zu keinem Zeitpunkt, was Gefühle sind, und wie sie damit umgehen sollen.“

Die gute Nachricht: Diese Kinder entwickeln aus ihren negativen Erfahrungen heraus auch Fähigkeiten, die ihnen für ihr späteres Leben helfen können. „Sie sind robust und können viel auf sich nehmen“, sagt Beatrice Smoktun. Kurzum: Sie haben eine dicke Haut. „Mit der richtigen Art von Unterstützung können sie sich zu gesunden und lebenstüchtigen Erwachsenen entwickeln.“

Aktionswoche soll die sensibilisieren, die mit Kindern arbeiten

Die Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien, die noch bis 17. Februar dauert, will der Fachkreis „Schulterschluss“ nutzen, um in der Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam zu machen. Vor allem will das Gremium die Menschen informieren, die beruflich mit Kindern arbeiten, damit diese in Kindergärten und Schulen, Arztpraxen und Jugendfreizeiteinrichtungen besser unterstützt werden können, betont Würdinger. „Vertrauensvolle und sichere Beziehungen zu anderen Erwachsenen – liebevolle Großeltern, Verwandte, Lehrer, Erzieher oder Nachbarn – ermöglichen es den Kindern, sich sicher und angenommen zu fühlen, gesundes Beziehungsverhalten zu erlernen und über ihre Ängste und Nöte zu sprechen.“

Die Botschaft, die der Fachkreis den Kindern aus suchtbelasteten Familien vermitteln will, klingt einfach und ist doch so schwer umzusetzen. Sie lautet: „Sucht ist eine Krankheit Du hast sie nicht verursacht. Du kannst sie nicht heilen. Du kannst sie nicht kontrollieren. Du kannst für dich selber sorgen, indem du über deine Gefühle mit Erwachsenen sprichst, denen du vertraust. Du kannst gesunde Entscheidungen treffen – für dich. Du kannst stolz auf dich sein und dich selber lieb haben.“

Gut zu wissen

Für Kinder von suchtkranken Eltern gibt es ein Nottelefon, das auch über Handy kostenlos erreichbar ist: Tel. (08 00) 2 80 28 01. Erreichbar sind die Vertrauenspersonen von Montag bis Freitag, 17 bis 23 Uhr, und an den Wochenenden und Feiertagen rund um die Uhr.

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