Leere Geldbörse
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Immer öfter geraten Landkreisbürger in finanzielle Notlagen.

Im Landkreis gibt es finanzielle Not durch Kurzarbeit, aber auch professionelle Hilfe

Freising: Immer mehr geraten in den Sog der Schulden - aber es gibt Auswege

  • Helmut Hobmaier
    vonHelmut Hobmaier
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Seit Monaten befinden sich viele Landkreisbürger in Kurzarbeit – und geraten dadurch in existenzielle Not. Aber es gibt Wege aus der Krise.

Auch Selbstständige sind mangels Aufträgen gescheitert. Die Folge: ein wachsender Schuldenberg. Oft mutet die Situation hoffnungslos an. Doch das ist sie nicht: Wir sprachen mit Caritas-Schuldnerberaterin Margit Wander über Wege aus der Schuldenfalle – und wie man die schlimmsten Fehler vermeidet.

Frau Wander, hat Ihnen die Pandemie Mehrarbeit verschafft?

Die Zahl der Klienten war schon vor der Pandemie auf einem hohen Niveau von etwa 440 Klienten, die von uns beraten wurden. Das ist relativ gleichbleibend zum Jahr 2019. Wir erwarten aber aufgrund der Pandemie einen deutlichen Anstieg für die Zukunft.

Wie entstehen Schulden?

Die Hauptursachen sind Trennung und Scheidung, Niedrigeinkommen sowie – im Pandemiejahr 2020 verstärkt – eine gescheiterte Selbstständigkeit und Kurzarbeit. In vielen Haushalten decken sich Einkommen und Ausgaben. Wenn dann ein Teil des Einkommens fehlt, etwa bei Kurzarbeit, kann man zum Beispiel einen Kredit nicht mehr bedienen. Das geht ganz schnell. Und dann wird es eng, gerade in unserem Landkreis, in dem die Lebenshaltungskosten sehr hoch sind.

Was machen die Menschen in dieser Notlage dann?

Viele warten eine ganze Weile einfach ab. Sie fangen an zu sparen. Oft bedienen sie die Kredite weiter, zahlen aber die Miete nicht mehr – was ein Fehler ist.

Margit Wander ist Schuldnerberaterin bei der Caritas Freising.

Wieso?

Weil sie dann die Prioritäten falsch gesetzt haben. Zunächst einmal muss ich mich um die existenziellen Dinge kümmern: Miete, Strom und Essen.

Und die Banken müssen warten?

Wenn es Spitz auf Knopf steht, dann muss man die Kreditzahlungen einstellen. Dann platzt der Kredit.

Das heißt?

. . . dass die Bank nach zwei Monaten die gesamte Kreditsumme fällig stellen, also einfordern kann.

Das klingt aber sehr beunruhigend.

Ja, das verursacht vielen erst einmal Bauchschmerzen. Und es ist auch der späteste Zeitpunkt, um sich professionelle Hilfe zu suchen – die Schuldnerberatung der Caritas zum Beispiel.

Wie können Sie da helfen?

Wir schauen uns die Sache an. Wie viel Einkommen ist da? Was kann man der Bank anbieten? Da hat man bessere Karten, wenn man eine Schuldnerberatung im Rücken hat. Schließlich erstellen wir einen Regulierungsplan, um die Schulden langsam abzutragen.

Wenn das aber nicht klappt, weil der Schuldenberg zu hoch ist?

Dann geht es ins Insolvenzverfahren. Und das – ganz wichtig! – hat sich jetzt verkürzt. Wenn man sich an alle Spielregeln hält, also ein „redlicher Schuldner“ ist, wie das heißt, gibt es jetzt bereits nach drei Jahren eine Restschuldbefreiung.

Das heißt, die Schulden werden einem erlassen, und die Bank schaut in die Röhre?

Ja, so könnte man es auch sagen. Aber während dieser drei Jahre begleitet einen ein sogenannter Insolvenzverwalter, ein Rechtsanwalt. Alles, was er dem Schuldner in dieser Zeit als pfändbar wegnehmen kann, greift er sich auch und schüttet es an die Gläubiger aus. Das bedeutet natürlich ein sehr eingeschränktes Leben. Aber man sieht in dieser Zeit ein Licht am Horizont. Seit Anfang dieses Jahres die Laufzeit des Insolvenzverfahrens auf drei Jahre verkürzt worden ist, nutzen viele diese Chance, um ihr Schuldner-Leben in absehbarer Zeit beenden zu können. Das ist jetzt ein großer Anreiz – und beschert uns momentan sehr viel Arbeit.

Hat sich Ihre Klientel verändert?

Es sind schon vermehrt Menschen dabei, die bis jetzt noch nie etwas mit Schulden zu tun hatten. Die hatten oft 20 Jahre lang ein festes Einkommen und ihr Leben danach eingerichtet. Dauert die Kurzarbeit länger an, bricht das bisher funktionierende Lebenskonzept schnell ein. Manche haben dann versucht, sich in ihrer Not selbstständig zu machen. Oft fehlte dazu aber das nötige Knowhow – und die Schulden häuften sich noch mehr an.

Welche Fehler sollte man vermeiden, um nicht in die Roten Zahlen zu rutschen?

Immer den Haushalt im Blick haben: Das Einkommen muss die Ausgaben decken. Ein überzogener Dispokredit ist schon ein Alarmzeichen. Wichtig auch: Rechnungen immer sofort bezahlen, bevor Mahnungen kommen. Wenn erst einmal Inkasso-Büros involviert sind, werden aus 20 Euro schnell 120 Euro. Dann explodieren die Kosten. Vor allem sollte man seine brenzlige finanzielle Situation nicht totschweigen. Freunde geben oft den richtigen Denkanstoß. Viele kommen zu uns, weil ihnen das gute Freunde geraten haben.

Wie schnell können Sie denn helfen? Haben Sie auch monatelange Wartezeiten wie viele Schuldnerberatungen?

Nein, wir haben das wirklich sehr gut organisiert: Von Montag bis Freitag zwischen 8 und 9 Uhr gibt es unter Tel. (0 81 61) 5 38 79 45 täglich eine Telefonsprechstunde, um erste Fragen zu beantworten. Die Termine für einen Erstgesprächstermin vergeben wir einmal im Monat – an jedem letzten Mittwoch von 15 bis 17 Uhr. Auf diesen Tag muss man halt warten können und bei der Stange bleiben. Dafür bekommt man allerdings auch mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Termin im nächsten Monat. Bei uns gibt es da keine ellenlange Warteliste.

Haben Sie noch spezielle Angebote?

Es gibt noch eine Online-Beratung, wo man auch anonym bleiben kann. Und es gibt eine Beratung für jüngere Schuldner im Alter von 18 bis 25 Jahren. Früher hatten wir hier eine offene Sprechstunde, jetzt geht es pandemiebedingt auch nur noch mit Termin. Für P-Konto-Bescheinigungen bieten wir immer kurzfristig Termine an, weil die Sicherung eines Existenzminimums auf dem Konto sehr wichtig ist.

Sie sind seit 13 Jahren Schuldnerberaterin. Was hat sich seitdem verändert?

Im Grunde ist es immer das Gleiche: Ein Teil des Einkommens fällt weg. Alles ist auf Kante genäht – und es entstehen Schulden. Aber der Umfang wächst. Es ist mittlerweile eine echte Herausforderung.

Zum Schluss ein Ratschlag der Expertin?

Schulden kann man kurz verdrängen, aber das ist keine Lösung. Die Lawine lässt sich nicht aufhalten. Man muss sich dem Problem stellen, am besten mit professioneller Hilfe.

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