Wenn Netzwerke von Lebensräumen zusammenbrechen, tauschen sich die Individuen weniger aus – und die hohe genetische Vielfalt von Generalisten leidet. Das hat bereits dazu geführt, dass auch Schmetterlinge wie Ochsenauge, Schornsteinfeger und Zipfelfalter, die früher flächendeckend zu finden waren, immer weniger werden. Foto: TUM

TU-Forschungsarbeit

Insektensterben: Auch gewöhnliche Arten werden seltener

Der Artenrückgang bei Insekten betrifft nicht mehr nur seltene Exemplare, sondern inzwischen leiden besonders die häufigen Arten unter der zunehmenden Verinselung von Lebensräumen und einer intensivierten Landwirtschaft. Das hat ein Weihenstephaner Forscher herausgefunden.

FreisingAuch anspruchslosere Arten von Insekten verschwinden zunehmend. Zu diesem Ergebnis sind Wissenschaftler der Technischen Universität München in Weihenstephan (TUM) und des Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut gekommen. Und sie haben die Ursachen hierfür entdeckt.

Nachdem ein starker Verlust von Fluginsekten belegt wurde, ist der Rückgang von Insekten von der Gesellschaft intensiv diskutiert worden. Bislang gingen Experten davon aus, dass insbesondere ökologisch spezialisierte Arten unter der landwirtschaftlichen Intensivierung leiden. Der starke Verlust von Biomasse zeigt jedoch, dass offensichtlich die anspruchsloseren Arten ebenfalls stark rückläufig sind. Eine Studie in der Fachzeitschrift „Biological Conservation“ beschreibt, dass es mehrere, zeitlich aufeinander folgende Faktoren gibt, die zu diesem Artenrückgang führen und je nach Zeitpunkt unterschiedliche Arten betreffen.

Die Wissenschaftler Jan Christian Habel vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der TUM und Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutsches Entomologisches Institut zeigen: Wenn qualitativ wertvolle Lebensräume (Habitate) zurückgehen, führt das zu einem Verlust von ökologisch spezialisierten Arten. Eine sich weiter verschlechternde Lebensraumqualität geht schließlich mit einem Zusammenbruch von „Habitatnetzwerken“ – und somit von ganzen Populationen – einher. Jedoch trifft dies – anders als bisher angenommen – vor allem die Arten mit geringem Grad an ökologischer Spezialisierung: die Generalisten.

Für ihre Veröffentlichung haben die Autoren die genetische Komponente einbezogen: „Während spezialisierte Arten häufig genetisch einheitlich sind und eine reduzierte innerartliche Variabilität zeigen, besitzen Habitatgeneralisten in der Regel eine hohe genetische Vielfalt“ heißt es in der Zusammenfassung der Ergebnisse durch die TUM. Diese genetische Vielfalt und Komplexität bleibe nur durch einen permanenten Austausch von Individuen zwischen lokalen Populationen aufrechterhalten. „Findet kein Austausch mehr von Individuen innerhalb lokaler Populationen durch die zunehmende Verinselung von Lebensräumen statt, führt dies schnell zu einem genetischen Verlust.“ Dies habe negative Folgen für Fitness und Anpassungsfähigkeit von Individuen.

Dass dieser Zusammenhang Populationen anfälliger für Umweltveränderungen macht und zum Aussterben von lokalen Populationen und Arten führen kann, ist das Fazit der Wissenschaftler. Für den praktischen Naturschutz stelle sich wiederum die Frage, ob langfristig die Artenvielfalt überhaupt in kleinen, isolierten Schutzgebieten erhalten werden kann? Jan Hebel: „Dies mag für spezialisierte Arten mit ganz bestimmten Lebensraumansprüchen und einer einfachen genetischen Struktur funktionieren, allerdings nicht für die Masse an Arten, die auf einen regen Austausch zwischen lokalen Populationen angewiesen ist. Dies führt nämlich dazu, dass auch in Zukunft Arten aussterben werden, was sich negativ auf ganze Nahrungsnetze und Funktionen auswirken wird.“

ft

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