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Mit ungewöhnlichen Stilmitteln setzte Thomas Goorge das Kafka-Fragment „Der Verschollene“ in Szene.

Kafka-Fragment „Der Verschollene“ im Freisinger Furtner

Zusammenprall zweier Welten auf einer Bühne

Eindringlich und ganz persönlich wurde am Wochenende ein gutes Stück Weltliteratur in den Landkreis geholt. Der Freisinger Regisseur und Bühnenbildner, Thomas Goerge, inszenierte zusammen mit der Freisinger Künstlergruppe „udei“ den von Franz Kafka unvollendeten Roman „Der Verschollene“.

Freising – Mit der „szenischen Lesung“ im Nebenzimmer des „Furtner“ habe er eine ganz „aktuelle Geschichte“ auf die Bühne gebracht, sagt der 43-Jährige. In die Rolle des Roman-Protagonisten Karl Roßmann schlüpfte nämlich der junge Jeside Saad Aljafry aus dem Irak, der als Migrant im „Haus Chevalier“ im Jugendwerk Birkeneck lebt.

Viele Freisinger ließen sich den spannenden Kafka-Abend nicht entgehen. Die Zuschauerränge waren bis auf den letzten Platz gefüllt. 

2016 hatte Goerge das Kafka-Romanfragment „Das Schloss“ im Furtnerbräu aufgeführt. Diesmal hat er sich für ein weiteres unvollendetes Kafka-Werk entschieden: „Der Verschollene“. Ein junger Deutscher wird von seinen Eltern nach Amerika geschickt und erlebt dort bedrückende Arbeitsbedingungen. Ganz authentisch mutete es da an, wenn Goerges Hauptdarsteller, Saad Aljafry, auf der improvisierten Bühne im Furtner die Augen geschlossen hält und sich leise murmelnd an die Stationen seiner eigenen Flucht aus dem Irak erinnert.

Simultan übersetzt wurde das von Schauspieler Michael Grimm, der den Fernsehzuschauern aus vielen Vorabendserien wie etwa den Rosenheim-Cops bekannt ist. Er fungierte als Erzähler. Brillant im Ausdruck führte er die zahlreichen Zuschauer durch die Rahmenhandlung des Romans.

Zwischen den einzelnen Kapiteln rezitierte Ansager Frank Ramirez Gedichte aus dem jesidischen Sprachraum. Er hatte auf einem Schiedsrichterstuhl Platz genommen und kommentierte das Geschehen von oben. Nur eine der ungewöhnlichen Ideen, die Goerges Aufführung so besonders machte.

Was sich das gute Dutzend an Schauspielern, das Goerge an einem langen Tisch Platz hatte nehmen lassen, alles einfallen ließ, um den jungen Karl Roßmann auszunutzen: Da war der deutsche Onkel (Karl-Heinz Kirchmann) etwa, der zum Uncle Sam wurde und den jungen Flüchtling in Amerika groß rausbringen wollte. Oder die beiden Landstreicher (Korbinian Goerge und Lionel Poutiaire Somé) deretwegen Roßmann seinen Job als Liftboy verliert. Es waren immer zwei Welten, die da auf der Bühne zusammen prallten, optisch witzig dargestellt: die Schauspieler hielten sich Masken aus Karton vor die Augen. Wohl um zu signalisieren, dass das, was man mit den eigenen Augen sieht, nicht unbedingt die Realität sein muss. Maria Martin

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