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Die Meise wurde bei der Vogelzählung 2016 seltzener als in den Vorjahren gesichtet. Vor allem Brutausfälle im nasskalten Frühjahr trafen den Höhlenbrüter arg. 

Klimawandel, Flächenversiegelung, Brutausfälle

Die gefiederten Freunde bleiben aus

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Die Naturschützer im Landkreis sind besorgt: Immer weniger Vögel werden in den heimischen Gärten gesichtet. Die Zahl der Brutpaare ging in den vergangenen zwölf Jahren drastisch zurück. Das sei eine Folge des dramatischen Insektenmangels nach Bodenversiegelung und Klimawandel, sagen die Vogelexperten in der Region.

Landkreis – Im seinem Garten sei noch alles einigermaßen in Ordnung, meint der 2. Vorsitzende des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) im Landkreis, Hans Jürgen Unger: „Meine Frau fängt schon früh im Herbst mit dem Füttern an“, sagt er. Und so tummeln sich jetzt im Winter täglich rund 60 bis 70 Spatzen, Finken oder Meisen an den Futterhäuschen. Und damit liegt er im Vergleich zu ganz Bayern weit über dem Schnitt: Denn im Freistaat wurden 2016 nur rund 30 Vögel täglich an den Futterhäuschen gesichtet.

Die Kohlmeise, die in den vergangen sechs Jahren bei der landesweiten LBV-Zählung „Die Stunde der Wintervögel“ auf dem Spitzenplatz landete, stürzte im vergangenen Jahr auch im Landkreis auf den vierten Rang ab. Christian Magerl: „Wenn solche normalerweise häufig vorkommenden Vogelarten zahlenmäßig einbrechen, dann sind das unüberhörbare Warnsignale.“ „Vor allem wurden erhebliche Brutausfälle des Höhlenbrüters Meise gemeldet“, erklärt die LBV-Expertin Martina Gehret. Die Ursache hierfür ist die inzwischen feucht-nasse Witterung während der Brutzeit im April und Mai – ebenfalls eine Auswirkung der fortschreitenden Klimaverschiebung.

Ein weiterer Grund für den Vogelmangel in den Gärten sei der immer geringer werden „Zuzug“ an nordischen Wintergästen, heißt es seitens des LBV: „Neben den Meisen flogen früher laut LBV auch Drosseln sowie Buch- und Bergfinken in großen Scharen aus ihren nordöstlichen Verbreitungsgebieten zwischen Skandinavien und Sibirien ins vergleichsweise warme Deutschland. Die Zahl der Gäste hing dabei maßgeblich von Witterung und Nahrung in den Heimatregionen ab. „In harten Wintern mit wenig Nahrungsangebot wichen immer mehr Vögel nach Süden aus“, erklärte LBV-Expertin Martina Gehret. Im Jahr 2015 hätten sich deshalb besonders viele Kohlmeisen und Erlenzeisige aus Nord- und Nordost-Europa zum Überwintern unter ihre bayerischen Artgenossen gemischt. Im Winter 2016 dagegen blieben diese Gäste (auch im Landkreis Freising) aus, obwohl aus deren Heimatregionen harte Winter gemeldet wurden: „Dieses Wegbleiben ist ein neues Phänomen, das noch näher untersucht werden muss“, sagt Christian Magerl vom Bund Naturschutz.

Die Gesamt-Vogelzahlen sind laut Experten im Freistaat allgemein stark zurückgegangen, erklärt Hans Jürgen Unger. „2,5 Millionen weniger Brutpaare wurden in den vergangenen zwölf Jahren im Freistaat gezählt.“ Lege man den Fokus auf den Landkreis, so dürften es wohl im Beobachtungszeitraum dieser zwölf Jahre mehrere zehntausend Brutpaare weniger gewesen sein, schätzt Vogelexperte Christian Magerl (Bund Naturschutz): „Genauere Zahlen lassen sich aber nicht sagen. Dazu ist die Kartierung und der Raster der Zählung zu grob angelegt.“

Magerl und Hans-Jürgen Unger machen den dramatischen Rückgang des Insektenaufkommens (rund 80 Prozent weniger) als Hauptgrund dafür aus, dass es immer weniger Vögel gibt: „Weil die Jungen, die noch kein Körnerfutter verwerten können, von den Altvögeln ausschließlich mit Insekten gefüttert werden, kommt es schon bei der Aufzucht der Jung-Brut wegen Nahrungsmangels zu Ausfällen“, schildert Unger: „Immer öfter finden unsere Helfer beim Reinigen der Nistkästen im Landkreis tote Jungvögel.“

Das Ausbleiben der Insekten habe in der zunehmenden Bodenversiegelung seinen Grund, sagt Unger: „Immerhin verballern wir in Bayern jährlich rund zehn Hektar an Freiflächen.“ Aber auch die intensive Bodennutzung in der Landwirtschaft und der Einsatz von Pflanzenschutz lasse Insekten keine Chance zu überleben, ergänzt Klaus Tschampel von der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Freising. Ein Zufluchtsort für alle standorttreuen Vogelarten seien deshalb mehr denn je die Siedlungsgärten: „Hier wird fleißig gefüttert und hier werden heimische Vögel zu Stammgästen“. An Ortsrändern hingegen sehe man kaum noch Aktivität: „Da ist das Nahrungsangebot so gut wie leergeräumt.“

Als drastisches Beispiel nennt der Experte den Kiebitz: „Der war so etwas wie ein Allerweltsvogel in Niedermoorgebieten, wie sie in unserer Region typisch sind. Und jetzt sieht man den gefiederten Freund kaum noch.“ Genauso sehe es beim Brachvogel aus, ergänzt Christian Magerl: „Auch dessen Lebensraum wurde durch Trockenlegung von Mooren und Feuchtwiesen in den vergangenen Jahren stark eingeschränkt.

Klaus Tschampel erinnert sich noch an Zeiten, in denen die Vogelschützer sogar davor warnten, es solle daheim im Garten nicht gefüttert werden: Das schade den Tieren nur, sie fänden genug zu fressen: „Und jetzt hängen die Futterhäuser ganzjährig draußen.“

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