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„Am Ende einer Schicht ist man gebügelt“: Intensivpfleger berichtet über den täglichen Kampf gegen Corona

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Von: Manuel Eser

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Pfleger an einer Beatmungsmaschine für Corona-Patienten am Klinikum Freising
Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist auf sämtlichen Gängen des Krankenhauses oberstes Gebot. Zu Covid-Erkrankten geht es für ärztliches Personal nur mit Visier und Schutzkittel. Burkhard Jezierski, Stationsleiter der Intensivstation, sagt: „Oft ist man nass geschwitzt, wenn man das Patientenzimmer verlässt.“ © Klinikum Freising

Sie arbeiten an vorderster Corona-Front - bis zur Erschöpfung: die Intensivpfleger am Klinikum Freising. Ein Stationsleiter berichtet über den Ausnahmezustand.

Für Burkhard Jezierski, Stationsleiter der Intensivstation am Klinikum Freising, ist der Ausnahmezustand längst zum beruflichen Alltag geworden. Im FT-Interview berichtet der 55-jährige Intensivpfleger, der seit zweieinhalb Jahren am Klinikum Freising beschäftigt ist, was sich seit den Anfängen von Corona im Klinikum geändert hat, mit welchen Patienten er besonders mitfühlt, und was ihn an den Querdenkern am meisten stört.

Herr Jezierski, wie viele Intensivpfleger arbeiten im Klinikum Freising?

Wir sind hier zirka 40 Pflegekräfte. Da aber viele in Teilzeit arbeiten, kommen wir insgesamt auf 25 Stellen. Zusätzlich haben wir in der Pandemie sieben, acht Zeitarbeiter dazubekommen, damit wir ausreichend Betten betreiben können. Mit der Pflege zusammen arbeitet ein interdisziplinäres Ärzte-Team, das etwa 16 Intensiv- und andere Fachmediziner umfasst.

Sind alle Intensivpfleger mit Corona-Patienten betraut?

Das hängt von der Lage ab. Im Frühjahr waren wir hier im Klinikum Freising eine reine Corona-Station. Wir hatten gar keine anderen Patienten mehr. Jetzt haben wir einen Mischbetrieb. Aber es gibt keinen bei uns, der nicht in die Versorgung der Corona-Patienten eingebunden ist.

Corona: „Oft ist man nass geschwitzt, wenn man das Patientenzimmer verlässt“

Bitte erzählen Sie uns doch etwas vom Berufsalltag in der Pandemie!

Der größte Unterschied zum Berufsalltag in der Zeit vor der Pandemie ist mit Sicherheit die Schutzausrüstung, die wir tragen müssen. Auf den Gängen bewegen wir uns mit Mund-Nasen-Schutz. Bei direktem Kontakt mit allen Patienten tragen wir FFP2-Maske, bei Covid-Patienten sind wir vollverkleidet mit Visier und Schutzkittel. Rein körperlich ist das eine hohe Belastung. Denn der CO2-Spiegel steigt unter der Maske stetig, und der Sauerstoff wird immer weniger. Oft ist man nass geschwitzt, wenn man das Patientenzimmer verlässt. Am Ende einer Schicht ist man ganz schön gebügelt.

In welchen Schichten arbeiten Sie?

Wir haben drei Schichten: Früh-, Tag- und Nachtschicht. Die ersten beiden Dienste gehen 7,7 Stunden, die Nachtschicht 8,7 Stunden.

Und wie viele Mitarbeiter teilen sich eine Schicht?

Aktuell arbeiten wir mit sechs Pflegekräften im Früh- und Tagschicht, mit fünf in der Nachtschicht. Das ist wahrlich kein Luxus. Alle sind gut beschäftigt.

„Andernfalls wäre es mit den Überstunden eskaliert“

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Patienten?

Wir sind häufig bei den Patienten. Wer sich in die Box einschleust, ist schnell mal eine Stunde drin. Das erfordern die pflegerischen Tätigkeiten: Grundpflege durchführen, Medikamente kontrollieren und verabreichen, Vitalwerte durchmessen, nach der Beatmung schauen, gegebenenfalls atemunterstützende Maßnahmen durchführen, die Patienten mobilisieren, Essen eingeben, schauen, dass alles funktioniert. Und anschließend muss natürlich alles auch noch dokumentiert werden.

Müssen Sie derzeit viele Überstunden schieben?

Überstunden kommen vor, aber es hält sich bei den meisten in Grenzen, weil die Pflegedirektion es eben geschafft hat, Zeitarbeitskräfte zu bekommen. Deshalb können wir uns über Wasser halten, andernfalls wäre es mit Überstunden eskaliert.

Sie hatten zum Teil sehr viele Corona-Patienten gleichzeitig auf der Intensivstation. Kommt man da überhaupt dazu, mal Pause zu machen?

Im Normalfall kommt jeder dazu, eine halbe Stunde Pause zu machen. Aber es gibt Tage, an denen der Arbeitsaufwand so hoch ist, dass es nicht funktioniert. Die Pausen finden ebenfalls schichtweise statt, sodass sich maximal vier Personen im Aufenthaltsraum befinden. So können wir ausreichend Abstand halten. Wir haben einen recht großen Aufenthaltsraum. Daher passt das.

„In diesem Beruf muss man damit leben können, dass Menschen sehr krank sind“

Inzwischen verfügt das Klinikpersonal über genügend Ausrüstung, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Das war anfangs aber anders.

Ja. Ganz am Anfang, als die ersten Fälle kamen, wusste niemand genau, was hilfreich ist. Schutzausrüstung war anfänglich knapp – nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Welt. Da sind wir entsprechend den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts auch nur mit Mund-Nasen-Schutz zu den Covid-Patienten in die Zimmer gegangen. Ich bin wirklich froh, dass wir diese Zeit gut überstanden haben. Zum Glück hat sich da niemand bei einem Patienten angesteckt.

Von der körperlichen Belastung in der Pandemie haben Sie schon gesprochen. Wie schaut es für die Intensivpfleger mit der seelischen Belastung aus.

Ich denke, dass die psychische Belastung gar nicht mal so viel höher ist als vor der Pandemie. In diesem Beruf muss man damit leben können, dass Menschen sehr krank sind und auch sterben. Anfangs hatten wir alle viel Respekt, sogar Angst vor der Krankheit. Die Angst ist jetzt weg, weil wir inzwischen wissen, wie wir mit dem Virus umgehen müssen. Der Respekt ist geblieben.

Wie sehr leiden Sie mit Corona-Patienten und Angehörigen mit?

Mitleiden ist der falsche Ausdruck, aber man hat natürlich eine große Empathie – vor allem, wenn jüngere infizierte Menschen zu uns auf die Station kommt, was immer häufiger vorkommt. Und natürlich macht es einen Unterschied, ob es sich um einen Notfallpatienten handelt, der schnell verstirbt, oder ob es sich um jemanden handelt, der lange bei uns liegt. Solche Patienten lernt man doch gut kennen, und dann trifft es einen mehr, wenn es überraschend zu einem Knick in der Heilungskurve kommt, derjenige doch schwerer erkrankt oder sogar stirbt.

Wie schüttelt man das ab?

Ich schaffe das zum Glück ganz gut. Ich kann hier aus dem Klinikum rausgehen und lasse den Tag komplett hinter mir. Ganz selten, dass ich danach darüber nachdenke, was im Krankenhaus passiert ist. Aber es gibt natürlich schon Kollegen, die das nicht so gut können. Deshalb sprechen wir auch im Team viel darüber. Wenn jemand erschüttert ist, wird das ernst genommen.

Medizinisches Klinikpersonal bedient Beatmungsgerät für Corona-Patienten.
Das Schreckgespenst Triage hat das Klinikum Freising bisher nicht heimgesucht. Es verfügt über 18 sogenannte Intensivrespiratoren. Das sind bis dato genug Beatmungsgeräte für alle Corona-Patienten, die darauf angewiesen waren. © Klinikum Freising

In anderen Krankenhäusern wurden die Beatmungsgeräte so knapp, dass das medizinische Personal entscheiden musste, wer beatmet werden soll – und wer nicht. Wie sehr hat das Schreckgespenst Triage bei Ihnen gespukt?

Die Triage habe ich nicht als Schreckgespenst wahrgenommen. Zwar hatten wir alle die schrecklichen Bilder von Bergamo vor Augen. Aber Deutschland war immer weit von einer solchen Lage entfernt. Schwierig ist es immer, für andere über Dinge zu entscheiden, die deren Leben und Überleben betreffen. Das gilt auch für die oft überforderten Angehörigen.

Durch den Ausgang gehen und alles hinter sich lassen – lässt sich das trainieren?

Das glaube ich nicht. Das ist eine Frage der Persönlichkeitsstruktur.

„Manchmal würde ich mich gerne einfach auf die Couch setzen und gar nichts machen“

Es gab für Sie also keinen Moment, in dem Sie gedacht haben: Ich schaffe das nicht mehr.

Wir erleben hier alle Momente, in denen die Arbeitsbelastung sehr hoch ist. Da geht jeder von uns Intensivpflegern auch mal mit dem Gefühl nach Hause, dass man nicht alles gut geschafft hat, sondern die Patienten nur gerade eben versorgt sind. Und wenn man das ein paar Tage hintereinander erlebt, ist man schon angeschlagen.

Wann haben Sie das zuletzt erlebt?

Vor Kurzem hatten wir eine Phase, in der die Dienste wochenlang sehr, sehr anstrengend waren. Ständig war die Station voll, ständig kamen neue Patienten, sehr kranke Patienten, nicht nur diejenigen, die Covid hatten, sondern andere schwere Fälle. Da waren wir alle fertig. Aber den Job deswegen an den Nagel zu hängen – so weit war niemand.

Was hilft Ihnen denn in der Freizeit, neue Energie zu tanken?

Das frage ich mich selbst manchmal. Wenn ich nach Hause komme, geht es weiter. Ich habe drei Kinder, da bin ich auch gut beschäftigt. Manchmal würde ich mich gerne einfach auf die Couch setzen und gar nichts machen. Aber so läuft es eben nicht.

Hat die Ausnahmesituation, in der sich die Intensivpfleger des Klinikums nun seit fast einem Jahr befinden, das Team zusammengeschweißt?

Oh ja. Die Stimmung war fast immer gut. Während der ganzen Zeit hatten wir hier nur einen geringen Krankenstand. Er war sogar geringer als in Normalzeiten. Niemand ist hier ins Krank geflohen. Und wenn mal jemand ausgefallen ist, war eine hohe Bereitschaft da, die Schicht zu übernehmen. Das Team ist wirklich wahnsinnig motiviert. Und trotz allem wird bei uns auf der Station auch viel gelacht.

„An unserer Arbeit hängen Menschenleben. Das wird nicht immer ausreichend honoriert.“

Im Herbst 2020 fanden Tarifverhandlungen statt. Nach langem Kampf wurden einige Zuschläge für Intensivpfleger eingeführt oder erhöht. Ist das schon zufriedenstellend?

Es ist zumindest ein Anfang, dürfte aber gerne mehr sein. Denn mal abgesehen von der körperlichen und seelischen Belastung, der wir im Berufsalltag ausgesetzt sind, tragen wir auch eine sehr große Verantwortung. An unserer Arbeit hängen Menschenleben. Und das wird nicht immer ausreichend honoriert. Übrigens: Für Reinigungskräfte und Physiotherapie auf der Intensivstation gibt es keine Prämien. Aber auch die kommen in die Patientenzimmer, auch sie setzen sich der Ansteckungsgefahr aus. Die machen wirklich einen harten und guten Job.

Wie empfinden Sie, der tagtäglich mit den verheerenden Auswirkungen von Corona zu tun hat, die Haltung der Querdenker, die das Virus leugnen oder verharmlosen und keine Schutzvorkehrungen wie Maske in Kauf nehmen wollen?

Es macht mich schon wütend, wie diese Leute ihre Augen vor der Realität verschließen. Mich ärgert auch, dass die Querdenker ständig versuchen, Einfluss auf die Meinung anderer zu nehmen, und Mitmenschen sogar unter Druck setzen. Und was mich besonders stört: Meistens jammern die am Lautesten, denen es in der Pandemie noch am Besten geht, und die im Gegensatz zu vielen Betrieben und den Menschen, die dort arbeiten, keine existenziellen Sorgen durch die Corona-Einschränkungen haben.

Müssten sich Intensivpfleger da nicht mehr Gehör verschaffen?

Wie gesagt: Dieser Job zehrt an den Kräften. Den meisten von uns fehlt schlicht die Energie, neben der Arbeit auch noch gesellschaftspolitischen Einsatz zu bringen. Und dann wird man am Ende möglicherweise auch noch angefeindet. Irgendwann möchte man in der Freizeit einfach nichts mehr von der Pandemie hören. Ich habe auch oft keine Lust, Nachrichten zu sehen, weil es die meiste Zeit um Corona geht.

Als Intensivpfleger in der Pandemie erlebt man mit Sicherheit viele schlimme Situationen. Was war Ihr schönstes berufliches Erlebnis in dieser Zeit?

Tatsächlich gibt es immer wieder mal schöne Erlebnisse. Eine der ersten Corona-Patienten, die wir überhaupt hatten, war sehr krank. Er musste drei Wochen beatmet werden. Zwischendurch haben wir keine großen Hoffnungen mehr auf sein Überleben gesetzt, aber er hat es geschafft. Generell haben wir in der Pandemie viel mehr Feedback von Patienten erhalten als sonst. Vor Kurzem haben wir etwa einen Dankesbrief von einer Corona-Patientin bekommen, die im Frühjahr bei uns war. Sie hat berichtet, wie es ihr seitdem ergangen ist, und Fotos beigelegt. Das war wirklich schön.

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