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„Da verzweifelt man als Pflegekraft“: Wie das Krankenhaus-Personal unter der Corona-Pandemie leidet

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Von: Helmut Hobmaier, Manuel Eser

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Über die Herausforderungen für die Klinik berichteten (v. l.) Manfred Rinke-Ludwig, Maren Kreuzer, Dr. Markus Neumaier und Dr. Christian Fiedler dem FT-Redaktionsleiter Helmut Hobmaier und FT-Redakteur Manuel Eser.
Über die Herausforderungen für die Klinik berichteten (v. l.) Manfred Rinke-Ludwig, Maren Kreuzer, Dr. Markus Neumaier und Dr. Christian Fiedler dem FT-Redaktionsleiter Helmut Hobmaier und FT-Redakteur Manuel Eser. © Lehmann

In einem anonymen Brief hat eine Gruppe von Pflegekräften SOS gefunkt. Führungskräfte des FT stellten sich diesen Klagen - und setzen selbst einen Hilferuf ab.

Freising – „Die Arbeitssituation in der Pflege am Klinikum ist mittlerweile unerträglich und extrem belastend für uns geworden.“ Mit diesem Hilferuf hat sich eine Gruppe von Pflegerinnen und Pflegern in einem anonymen Brief an das Freisinger Tagblatt gewandt. Im Interview mit dem FT, das bereits geführt wurde, bevor das Klinikum im Zuge des Katastrophenfalls in den Krisenmodus zurückschalten musste, nehmen Geschäftsführerin Maren Kreuzer, der Ärztliche Direktor Dr. Markus Neumaier, der Corona-Beauftragte Dr. Christian Fiedler, der Fachbereichsleiter Pflegedienst Stefan Hörömpö, Betriebsratsvorsitzender Manfred Rinke-Ludwig und Pressesprecher Sascha Alexander Stellung zu diesen Vorwürfen.

Sie berichten auch, wie sie – unabhängig von der jetzigen prekären Lage – die Arbeitssituation für den Pflegedienst in und nach der Pandemie verbessern wollen – und setzen auch selbst einen Hilferuf ab: an die Politik. Nach mehr als eineinhalb Jahre Pandemie fühlen sich viele Pflegekräfte in Krankenhäusern ausgebrannt.

Wie ist die Stimmungslage beim Personal am Klinikum Freising?

Stefan Hörömpö: Die Corona-Wellen sind ohne Frage eine Belastung. Aber sie sind nicht nur eine Belastung für die Pflegekräfte, sondern auch für den ärztlichen Dienst und alle Berufsgruppen, die an der Versorgung des Patienten beteiligt sind.

An anderen Krankenhäusern kommt es deshalb bereits zu Kündigungen – am Klinikum Freising auch?

Hörömpö: Ein- und Austritte halten sich bei uns derzeit die Waage, wir verzeichnen sogar ein geringes Plus an Eintritten. Und die Austritte sind zumeist nicht coronabedingt, sondern weil das Rentenalter erreicht wurde.
Maren Kreuzer: Ich habe auch nicht das Gefühl, dass eine Resignation eingesetzt hat, die bald zu Kündigungen führen würde. Doch egal, ob ärztlicher oder pflegerischer Bereich: Man muss auf seine Mitarbeiter achtgeben.

Uns ist auch bewusst, was diese Situation mit verschiedenen Berufsgruppen macht, allen voran mit Pflegekräften, die direkt am Patienten sind.

Geschäftsführerin Maren Kreuzer

Allerdings haben das FT auch Stimmen von Pflegekräften aus Ihrem Haus erreicht, die sich „ausgeblutet und verheizt“ fühlen. In dem anonymen Brief wird unter anderem kritisiert, dass sich zu wenig qualifizierte Pflegekräfte um zu viele Patienten kümmern müssen.

Kreuzer: Wir tun unser Möglichstes, die Arbeitsbedingungen für unsere Pflegekräfte gut zu gestalten. Uns ist auch bewusst, was diese Situation mit verschiedenen Berufsgruppen macht, allen voran mit Pflegekräften, die direkt am Patienten sind. Das belastet uns ebenfalls, weil wir die Situation nur bedingt beeinflussen können.
Hörömpö: Ich habe den Eindruck, dass wir eine stabile Basis an Mitarbeitenden haben, die ihren Job gerne machen und trotz der Pandemie am Ball bleiben.

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Klagen von Klinikmitarbeitern müssten doch auch beim Betriebsratsvorsitzenden landen, Herr Rinke-Ludwig. Ist noch keiner zu Ihnen gekommen mit der Botschaft „So geht es nicht weiter“?

Manfred Rinke-Ludwig: Natürlich wird der Betriebsrat damit konfrontiert. Man muss auch sagen, dass die Mitarbeiter jetzt seit mehr als einem Jahr am oberen Limit arbeiten. Ganz großes Lob an die meisten Mitarbeiter, die da Großartiges leisten. Auf der anderen Seite haben wir die Überstundensituation besser im Griff, als das früher mal der Fall war. Es gab Zeiten, da haben wir im Krankenhaus 30 000 Überstunden vor uns hergeschoben.

Es kommt gerade häufig vor, dass jemand krankheitsbedingt ausfällt, und dann klingelt beim Kollegen oder der Kollegin das Telefon mit der Anfrage: Kannst du aushelfen?

Betriebsratsvorsitzender Manfred Rinke-Ludwig

Es ist also gewährleistet, dass die Angestellten genug Freizeit und Urlaub haben?

Rinke-Ludwig: Im Großen und Ganzen ja. Allerdings kommt es gerade häufig vor, dass jemand krankheitsbedingt ausfällt, und dann klingelt beim Kollegen oder der Kollegin das Telefon mit der Anfrage: Kannst du aushelfen? Aber Stations- und Pflegedienstleistungen bemühen sich, das in einem erträglichen Maß zu halten.

Hält das Klinikum denn die Pflegeuntergrenze ein, also den gesetzlichen Schlüssel für das Verhältnis Pflegekraft zu Patient?

Hörömpö: Man muss wissen, dass für diese Pflegepersonaluntergrenzenverordnung der Mittelwert aus einem Quartal gilt. Im Mittel erfüllen wir diese PpUGV – mit geringen Ausnahmen.

Ich bin darüber auch sehr unglücklich, aber was sollen wir dagegen machen? Die Tür zuzusperren, ist nicht die Option, die uns erlaubt ist. 

Corona-Beauftragter Dr. Christian Fiedler

Wie sieht der Schlüssel denn aus?

Hörömpö: Das variiert – von einer Pflegekraft und zwei Intensivpatienten im Tagdienst bis zu einer Pflegekraft und 22 Patienten auf Normalstation in der Nacht. Das sind die beiden Extreme.
Christian Fiedler: Wobei Corona die Lage erschwert, weil die beatmeten Patienten auf der Intensivstation immer wieder umgedreht werden müssen. Stellen Sie sich vor, Sie müssen einen schlaffen Zwei-Zentner-Menschen, der an etlichen Kabeln hängt, hochheben, umdrehen und wieder hinlegen. Dazu brauchen Sie mindestens sechs Leute. Das Verhältnis 1:2 funktioniert, wenn die Pflegekraft ihre normale Arbeit macht. Beim Umdrehen eines Corona-Patienten benötigen Sie das ganze Team, und schon da wird es knapp.
Rinke-Ludwig: Das zeigt auch das ganze Dilemma dieser PpUGV. Sie ist ein technisches Instrument, das eine Horde von Controllern beschäftigt, die hunderttausend Listen ausfüllen müssen, aber sie bildet eben nicht die Wirklichkeit ab. Wenn beispielsweise laut Verordnung eine Schwester für zehn Patienten zuständig ist, dann ist es eben ein großer Unterschied, ob diese zehn Patienten Selbstversorger sind oder schwerst pflegebedürftige Menschen.
Fiedler: Und bei der PpUGV geht es eben um einen Mittelwert. Es gibt auch Tage, an denen auf einer Station laut Schlüssel Personal für 44 Betten vorhanden ist, aber dennoch 48 Patienten aufgenommen werden müssen. Die Pflegekraft erkennt natürlich sofort: wir sind überbelegt. Und die Schlussfolgerung ist: Wir haben zu viele Patienten. Dann kommt jetzt coronabedingt die Aussage von oberen Regierungsstellen, dass alle aufgenommen werden müssen, die am Klinikum aufschlagen. Und wenn man sieht, wie stark sich die vierte Welle ausbreitet, verzweifelt man natürlich als Pflegekraft. Ich bin darüber auch sehr unglücklich, aber was sollen wir dagegen machen? Die Tür zuzusperren, ist nicht die Option, die uns erlaubt ist.
Kreuzer: Wir sind als Klinikum Grund- und Regelversorger. Wir haben einen Versorgungsauftrag für 180 000 Landkreisbürger. Wir können nicht sagen: So jetzt ist unsere Station voll, und die anderen, die Bedarf haben, sollen das nächstbeste Krankenhaus aufsuchen. Das funktioniert nicht.
Fiedler: Zumal die Situation in den anderen Krankenhäusern ja auch nicht anders ist.

In dem anonymen Brief ist auch davon die Rede, dass der Pflegedirektor entlassen wurde – erstaunlich in dieser schwierigen Corona-Situation. Was ist da passiert?

Kreuzer: Die strategischen Ziele, die wir uns gesetzt haben, haben nicht unbedingt zueinander gepasst. Da muss man eben für beide Seiten eine gute Lösung finden.

Es ist aber vermutlich in dieser schwierigen Corona-Lage nicht der angenehmste Zeitpunkt für die Klinik, ihren Pflegedirektor zu verlieren.

Kreuzer: Einen günstigeren Zeitpunkt werden wir momentan nie finden. Manchmal muss man einfach Entscheidungen treffen.

Gibt es bereits einen Nachfolger?

Kreuzer: Nein, noch nicht.

Corona-Patienten sind im Vergleich zu anderen Patienten und Intensivpatienten ziemlich schlecht vergütet. Und darum: Liebe Regierung, wenn ihr wollt, dass wir das machen, brauchen wir von dir auch eine Refinanzierung. 

Ärztlicher Direktor Dr. Markus Neumaier

Welche Hilfe wünschen Sie sich von der Politik?

Kreuzer: Dass endlich die Finanzierung von Krankenhäusern verbessert wird. Wir würden uns als Klinikum beispielsweise wünschen, mehr ambulant tätig sein zu dürfen. Aber das hilft uns eher mittelfristig.

Was würde sofort helfen?

Kreuzer: Personell gibt es da keine großen Möglichkeiten. Denn Kräfte aus der Bundeswehr oder vom THW können wir dort, wo wir sie jetzt in der Pandemie bräuchten, nämlich im Intensivbereich, nicht einsetzen.
Neumaier: Kurzfristig müsste die Politik uns finanzielle Hilfen in Aussicht stellen. Denn wenn die Regierung uns jetzt aufgrund der zunehmenden Anzahl an Corona-Patienten dazu auffordert, den Normalbetrieb wieder zurückzufahren oder gar Abteilungen zu schließen, dann werden wir als Klinikum wieder unglaubliche Defizite einfahren. Denn Corona-Patienten sind im Vergleich zu anderen Patienten und Intensivpatienten ziemlich schlecht vergütet. Und darum: Liebe Regierung, wenn ihr wollt, dass wir das machen, brauchen wir von dir auch eine Refinanzierung.
Kreuzer: Vergangenes Jahr hatten wir eine Normalbelegung von zirka 57 Prozent. Das Haus braucht aber knappe 80 Prozent, um wirtschaftlich zu sein, Personal- und Energiekosten stemmen zu können.

Angesichts wieder wachsenden Infektionszahlen: Hätte die Politik nicht so schnell lockern dürfen?

Kreuzer: Was mir nicht gefallen hat, ist die Herangehensweise nach dem Motto: Wir lockern mal und schauen was passiert. Einerseits lässt man Fußballspiele mit vielen Zuschauern ohne Maske zu, andererseits erwartet man, dass Kliniken als kleinstes Nadelöhr das Ganze schon irgendwie wuppen werden. Die Impfquote war nicht so adäquat, dass man sich die Lockerungen, die in den vergangenen Wochen angelaufen sind, hätte leisten können.

Wir sind nicht erstarrt. Trotz Pandemie ist viel im Gange, um das Krankenhaus zu modernisieren und damit für die Zukunft zu stärken.

Pressesprecher Sascha Alexander

Da bleibt nicht mehr viel Luft, das Krankenhaus fit für die Zukunft zu machen.

Sascha Alexander: Wir sind nicht erstarrt. Trotz Pandemie ist viel im Gange, um das Krankenhaus zu modernisieren und damit für die Zukunft zu stärken (siehe Kasten unten). Damit können wir nicht warten, bis Corona mal zur Normalität geworden ist.

Was passiert konkret?

Alexander: Im Mittelpunkt stehen die Verbesserung operativen Abläufe und die Modernisierung und Erweiterung wichtiger Fachbereiche. Diese Maßnahmen und Projekte sollen auch die Arbeitssituation unserer Mitarbeiter verbessern helfen.
Kreuzer: Wir haben in den vergangenen eineinhalb Jahren auch gemerkt, dass die Intensivabteilung allein nicht die Lösung ist. Dass wir eine Intermediate Care Station benötigen, also eine Zwischenstation zwischen Intensiv- und Normalstation – für Patienten, die zwar überwacht werden müssen, aber sich nicht in einem so schlechten Zustand befinden, dass zwingend die Intensivstation benötigt wird. So eine Intermediate-Care-Station würde die Intensivstation deutlich entlasten, und dafür haben wir gerade erst mit Pflege- und Ärztlichem Dienst ein Raumkonzept entwickelt.

Haben Sie noch weitere Projekte?

Neumaier: Wir vergrößern und modernisieren unsere Notaufnahme. Das führt zu mehr Qualität und kürzeren Wartezeiten – und besseren Voraussetzungen für künftige Katastrophenfälle.

Wenn wir mehr Personal haben, wird der Stress für alle weniger, werden die Arbeitsbedingungen attraktiver. Und das ist die beste Voraussetzung, um den Pflege-Notstand zu beseitigen

Betriebsratsvorsitzender Manfred Rinke-Ludwig

Ein Projekt, das bereits realisiert wurde, ist eine klinikeigene Berufsfachschule für Krankenpflegehilfe. Können Sie so mittelfristig mehr Fachkräfte ausbilden und ans Krankenhaus binden?

Neumaier: Unsere bisherige Berufsfachschule für Pflege ist immer voll belegt. Das gleiche gilt für unsere neue Pflegehelferschule, die seit einem Jahr staatlich anerkannt ist. Beide Einrichtungen brauchen wir, um den Landkreis künftig adäquat versorgen zu können.
Rinke-Ludwig: Wir hoffen, dass wir mit Hilfe der Schulen ausreichend junge Menschen für eine Ausbildung bei uns gewinnen können. Wenn wir mehr Personal haben, wird der Stress für alle weniger, werden die Arbeitsbedingungen attraktiver. Und das ist die beste Voraussetzung, um den Pflege-Notstand zu beseitigen – neben einer adäquaten Bezahlung. Auch da ist das Klinikum übrigens vorbildlich: Beispielsweise zahlen wir die Ballungsraumzulage in voller Höhe – im Gegensatz zu Erding, wo nur die Hälfte bezahlt wird. Wir haben seit Kurzem auch Prämien für Schwestern, die bei uns anfangen.

Auch bezahlbares Wohnen in Arbeitsnähe gehört zu einem attraktiven Job.

Kreuzer: Auch das ist angestoßen. Den Bebauungsplan des Masterplans für ein neues Personalwohnheim gibt es seit 2018. Inzwischen steht das bauliche Konzept. Mit dem Baubeginn ist allerdings nicht vor 2024 zu rechnen.
Neumaier: Aber es wird sehr schön.

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