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Talkrunde statt Podiumsdiskussion: FT-Redaktionsleiter Helmut Hobmaier diskutierte mit Helmut Petz, Tobias Weißkopf, Herbert Bengler, Manuel Mück, Birgit Mooser-Niefanger und Robert Wäger (v. l. ) über die drängendsten Probleme im Landkreis Freising. AfD-Kandidat Franz Scholz hatte zunächst zu – dann aber kurzfristig wieder ohne Begründung abgesagt.

Sechs von sieben Landratskandidaten präsentierten sich

Talkrunde mit den Freisinger Landratskandidaten - hier im Video

  • Andrea Beschorner
    VonAndrea Beschorner
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Es hätte eine Podiumsdiskussion mit vielen interessierten Landkreisbürgern werden sollen. Am Ende traf man sich zur Talkrunde im kleinen Kreis: Der Corona-Virus hat den Landratskandidaten einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Landkreis – Sechs von sieben Landratskandidaten stellten sich am Dienstagabend einer besonderen Herausforderung: vor einem imaginären Publikum Ziele, Überzeugungen und sich selbst zu präsentieren. In Zeiten des Coronavirus hatte sich das Freisinger Tagblatt dazu entschieden, als Alternative zur Podiumsdiskussion zur Talkrunde im kleinen Kreis ins FT-Redaktionsgebäude zu bitten. Was fehlte, war freilich die beeindruckende Kulisse zahlreicher interessierter Landkreisbürger. 

Doch FT-Redaktionsleiter Helmut Hobmaier löcherte die Landratskandidatin und ihre fünf männlichen Konkurrenten stellvertretend für die Wähler, unternahm mit ihnen zwei Stunden lang einen Streifzug durch die drängendsten Themen und Sorgen des Landkreises.

Die Debatte der Freisinger Landratskandidaten im Video

Die Themen: Klinikum Freising (0:01) - Wohnraummangel (13:30) - Asyl (33:40) - Verkehr (46:15) - Pflegeplätze (1:05:35) - Persönliche Fragen (1:14:30) - Schlussappelle (1:23:20)

Landratswahl Freising: Die Kandidaten

Wer wird Josef Hauners Nachfolger? Wer hat es im Kreuz, sich den Problemen des Landkreises zu stellen? Jeder der sechs Gäste hatte die Möglichkeit, die Werbetrommel für sich zu rühren: FDP-Mann Tobias Weiskopf will mit seinen 22 Jahren „für ordentlich frischen Elan und neue Sichtweisen sorgen“. Der Student der Wirtschaftspädagogik und Gründer eines StartUps aus Allershausen findet: „Dinge müssen endlich vorangebracht werden“ – vor allem die Themen Wohnraum, Mobilität und Verwaltung.

Hartnäckigkeit in der Kommunalpolitik forderte Birgit Mooser-Niefanger ein.

Robert Wäger (Grüne) sieht sich als Kandidat mit dem nötigen politischen und sozialen Hintergrund, um die Themen Klimaschutz, Verkehrswende und sozialer Zusammenhalt bestmöglich anzupacken. Der 59-jährige Betriebsleiter ist sich sicher, den Landkreis in der nächsten Dekade fit für die Zukunft zu machen.

Klar gegen die 3. Startbahn positioniert sich FWG-Kandidat Helmut Petz, „weil man Sachen nicht mutwillig kaputt machen darf“. Der 62-jährige Richter am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig möchte sich dem enormen Siedlungsdruck stellen, den Landkreis als lebenswerte Heimat erhalten und Klimaschutz „überall berücksichtigen“.

Der nächste in der Runde hält es wie Otto von Bismarck: „Politik ist die Kunst des Möglichen“: Der 32-jährige CSU-Kandidat Manuel Mück aus Allershausen möchte nicht nur seine Erfahrung als Kommunalpolitiker in das Amt einbringen, sondern auch die als Unternehmer. Bildung, Klinikum, Mobilität – all diese Themen „will ich als Landrat anpacken“.

Klar in seinen Ideen war SPD-Herausforderer Herbert Bengler.

Der Wohnungsbau steht für SPD-Mann Herbert Bengler (64) an oberster Stelle. Der Bankkaufmann im Ruhestand tritt an, weil es gerade „viele Themen gibt, die man steuern und vernünftig zu Ende bringen kann“. 2020 beklage der Landkreis dieselben Probleme wie vor sechs Jahren: „Vieles wurde viel zu langsam abgearbeitet – das will ich ändern.“

Sie ist nicht nur die einzige Frau, die das höchste politische Amt im Landkreis Freising anstrebt. Birgit Mooser-Niefanger ist auch die einzige, die anstatt für eine Partei für einen Verein, die Freisinger Mitte, antritt. „Die Herausforderungen sind gewaltig. Das Leben der Menschen hier ist anstrengend geworden.“ Sie würde als Landrätin dafür sorgen, dass die Menschen wieder gut und zufrieden hier leben können, sagte die freiberufliche Beraterin, Trainerin und Moderatorin, die in der aktuellen Legislaturperiode kurzfristig auch stellvertretende Landrätin aus den Reihen der Grünen war, ehe sie zur Freisinger Mitte wechselte.

Das Klinikum

In Runde 1 des themenbezogenen Schlagabtauschs konfrontierte FT-Chef Helmut Hobmaier Helmut Petz mit seiner Aussage, das Klinikum Freising könne laut einer Bertelsmannstudie – trotz Sanierung und Erweiterung – „abnippeln“. „Panikmache oder ernste Sorge, Herr Petz?“, wollte der Moderator der Runde wissen. Ernste Sorge, konstatierte Petz – und die resultiere auf Gesprächen mit „Leuten aus dem Klinikum“. Hauptproblem: ein jährliches Minus von rund 700 000 Euro, weil die Stellen in der Intensivstation nicht besetzt, von zwölf Betten nur sechs belegt seien. Investitionen, auch und vor allem in attraktive Mitarbeiterwohnungen, seien unumgänglich.

Souverän lieferte Manuel Mück (CSU) Zahlen und Fakten ab.

„Welche medizinische Kapazität wird herkommen wollen, wenn die eigenen Politiker schon so über das Klinikum sprechen?“, entgegnete Birgit Mooser-Niefanger. Ihr Credo: „Volle Kraft rein in unser Krankenhaus – weiterhin!“. So sah es auch Herbert Bengler: „Wenn wir wollen, dass es erhalten bleibt, dann bleibt es erhalten.“ Weitgehend einig war sich die Runde, dass man sich um eine Kinderstation kümmern müsse – „sofern der Bedarf festgestellt wird“, so Mücks Einschränkung. Seiner Meinung nach sei der zentrale Schlüssel, um das Klinikum personell wieder gut aufzustellen, die Schaffung von Personalwohnungen. 

Rhetorisch fest im Sattel gab sich Tobias Weißkopf von der FDP.

Wäger ärgerte sich, dass die Diskussion einer möglichen Privatisierung von außen eingestreut wurde, obwohl man sich im Kreistag seit jeher einig sei, die Klinik nicht zu privatisieren. Tobias Weißkopf möchte sofort die Weichen stellen für die Zukunft hin zum digitalisierten Krankenhaus als Kooperationspartner von Rechts der Isar, deren Ärzte per Skype jederzeit zugeschaltet werden können.

Wohnen

Was kann der Landrat gegen die Wohnungsnot im Landkreis tun – Stichwort schlummernde Wohnungsbaugesellschaft. „Wachküssen oder nicht?“, wollte Helmut Hobmaier wissen. „Schwierig“, findet Mück. Besser sei es, die Gemeinden zu unterstützen – bei Grundstückskäufen und Verhandlungen mit Landwirten. Petz hingegen will die Wohnungsbaugesellschaft dringend reanimieren. Denn nicht jede Gemeinde könne es sich leisten, spezifischen Wohnbedarf zu decken – eine Wohnungsbaugesellschaft könne unterstützend zuarbeiten.

Strukturiert in seinen Ausführungen war FWG-Kandidat Helmut Petz.

„Bisher haben hier einfach die Fantasie und das Engagement gefehlt“, sagte Robert Wäger, der davor warnte, die Gesellschaft zu beerdigen, wo es so viele Aufgaben – etwa den sozialen Wohnungsbau – gebe. Verfahren bei Bauanträgen beschleunigen, das möchte der FDP-Kandidat Tobias Weißkopf als Landrat und so für mehr Wohnraum sorgen.

Geflüchtete

Der Landkreis fährt einen harten Kurs in Sachen Flüchtlingspolitik. Der Vorwurf wurde immer wieder laut. Wie würde Josef Hauners Nachfolger damit umgehen? „Wenn wir was machen können, dass ein Mensch bleiben kann, dann sollte man ihn unbedingt bleiben lassen“, sagt Birgit Mooser-Niefanger. Helmut Petz forderte, man müsse einen Modus finden, um die gesetzlichen Spielräume im Sinne der Geflüchteten optimal zu nutzen. Auch Tobias Weißkopf plädiert dafür, das Bestmögliche für die Menschen zu tun, „Wir müssen uns an dem als sehr loyal geltenden Landkreis München orientieren.“ Manuel Mück sah den Kurs von Landrat Josef Hauner nicht als rigide oder hart an. Herbert Bengler fordert, die Flüchtlinge auszubilden: „Denn sollten sie in ihre Heimat zurückkehren, ist das die beste Entwicklungshilfe.“ Arbeit sei das Thema, das Frieden bringe, findet Robert Wäger. „Deshalb sollten wir jedem eine Arbeitserlaubnis geben“, findet er.

Konsequent seiner grünen Linie treu blieb Robert Wäger (Grüne).

Mobilität

Zum Thema Mobiliät fordert Robert Wäger, dass der Individualverkehr so schnell wie möglich überflüssig werden müsse – vor allem auf kurzen Strecken. Zu seiner Forderung, die U 6 bis Freising zu verlängern, meinte Petz: „Bedarf kann man erzeugen, indem man attraktive Angebote macht.“ Birgit Mooser-Niefanger plädierte für einen unkomplizierten Personennahverkehr – denn davon sei der Landkreis aktuell meilenweit entfernt, was dringend schnell geändert gehöre. Das „Zauberwort“ sei dabei Hartnäckigkeit.

Tobias Weiskopf sieht die Lösung in der Schaffung von Pendlerparkplätzen. Bengler plädierte für Expressbuslinien, anstatt mehr Parkplätze. Und Manuel Mück verwies auf den Nahverkehrsplan, der schnell umgesetzt gehöre – zusammen mit den Umgehungsstraßen.

Alle Infos über die Kommunalwahl 2020 in allen Gemeinden finden Sie in unserem großen Überblicks-Artikel.

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