+
„Die Lehrkräfte lassen sich ausnutzen“Ludwig Würfl (GEW und DGB) Kritische Lehrerkonferenz mit Rudolf Keil, Kerstin Rehm, Daniela Nager, Ludwig Würfl, Gabi Holzer, Sigrid Heck, Sonja Kafko, Rudolf Weichs und Gerhard Röck (v. l.). „

Konferenz mit dem Freisinger Tagblatt

Lehrer kurz vor dem Kollaps

  • schließen

Die Anforderungen steigen ständig, die Bedingungen werden immer schwerer. Doch die personellen Ressourcen bleiben gleich. Jetzt haben die Lehrer im Landkreis Alarm geschlagen und auf einer kritischen Lehrerkonferenz mit dem Freisinger Tagblatt eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Ziel der Forderungen: Nur gesunde Lehrer können die Kinder optimal betreuen und erziehen.

Freising Über einen „eklatanten Lehrermangel“ an den Grund- und Mittelschulen klagen die Lehrer und Lehrerverbände schon seit einiger Zeit. Die Situation hat sich verschlimmert. Deswegen haben sich die Verbände jetzt in einer konzertierten Aktion und auf Grundlage einer Personalversammlung im Dezember vergangenen Jahres zu einem gemeinsamen Positionspapier entschlossen. Der BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnen-Verband), die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft), die KEG (Katholische Erziehergemeinschaft Deutschlands), der BBB (Bayerischer Beamtenbund), der DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) und der Personalrat des Landkreises Freising führen darin kurzfristige, mittelfristige und langfristige Maßnahmen auf, mit denen man der unzureichenden Lehrerversorgung und der bisher nur „oberflächlichen Mangelverwaltung“ begegnen sollte. Denn dass etwa inzwischen Studenten des zweiten Semesters als Lehrkräfte eingesetzt werden, vor Mittelschülern stehen und Noten vergeben, sei „ein fatales Zeichen nach außen“, so etwa der stellvertretende Kreisvorsitzende des BLLV, Rudolf Weichs. Das sei nicht gut für die Schüler und auch negativ für die Wertschätzung des Berufsbilds der Grund- und Mittelschullehrer. Eine der kurzfristigen Maßnahmen mit dem Ziel, offene Planstellen zu besetzen und die mobile Reserve bedarfsgerecht für eine geregelte Unterrichtsversorgung aufzustocken, sei die befristete Aussetzung der externen Evaluation: Alle Grund- und Mittelschulen seien inzwischen (in einem Fünf-Jahres-Zyklus) zweimal evaluiert worden, herauskomme dabei aber eh nicht viel. Weil aber Lehrer aus anderen Schulen diese Evaluation vornähmen, koste dies an den dortigen Schulen Zeit und Ressourcen.

Zudem sollten Vorkurse für ausländische Kinder in Kindergärten nicht durch Grundschullehrer erfolgen, sondern durch externes qualifiziertes Personal – die Lehrer denken an Vhs-Kräfte, an Lehrer an Sprachschulen, an Studenten von Deutsch als Zweitsprache. Mittelfristige Maßnahmen, die laut BLLV-Kreisvorsitzender Kerstin Rehm zur Steigerung der Berufszufriedenheit und vor allem auch zur Steigerung der Attraktivität des Berufsbilds des Grund- und Mittelschullehrers führen sollen, sind in dem Positionspapier ebenfalls eine ganze Menge aufgeführt: Da sei auch das Geld wichtig, wie Sonja Kafko, die stellvertretende Kreisvorsitzende der KEG, betont. Anders als Realschul-, Gymnasial- oder auch Förderlehrer, die mit A 13 (also 4024 Euro brutto) einsteigen, beträgt das Anfangsgehalt von Grund- und Mittelschullehrern 3432 Euro (A 12). Hier sei eine Angleichung dringend notwendig. Und noch eine Erleichterung könnte man mit mehr Geld bewirken, so die Überzeugung der Grund- und Mittelschullehrer: Arbeitslose Gymnasial- und Realschullehrer, die mit einer Zweitqualifikation an Grund- und Mittelschulen eingesetzt werden, gehen oft, wenn sie an den „höheren“ Schulen eine Stelle bekommen, wieder dorthin zurück. Würden sie auch bei ihrem weiteren Einsatz als Grund- und Mittelschullehrer dasselbe Gehalt wie an der Realschule und am Gymnasium erhalten, könnte man manche von ihnen vielleicht „dauerhaft gewinnen“.

Als ungerecht und erschwerend sehen es die Lehrer auch an, dass bei ihnen der Anteil der sogenannten Anrechnungsstunden für besondere Tätigkeiten (etwa und vor allem im EDV-Bereich) bei 6,3 Prozent liege. Bei Realschulen seien es 8,3, bei Gymnasien 7,8 Prozent. Im Klartext: Besondere Tätigkeiten würden nur zu einem kleinen Teil angerechnet, viele Stunden würden in der Freizeit geleistet. Weitere Forderungen: Die Schulleitungen müssten mehr Leitungszeit und weniger Unterrichtsverpflichtung haben, und auch die Ausstattung mit Verwaltungsangestellten müsste verbessert werden. Daniela Nager, Schulleiterin in Haag, schilderte, dass an ihrer Schule gerade mal an zwei Vormittagen pro Woche eine Verwaltungskraft eingesetzt sei.

Was die Grund- und Mittelschullehrer besonders ärgert: Die Lehrerbedarfsprognosen „stimmen nie“, so haben Weichs, Rehm und ihre Kollegen festgestellt. Vor allem: In einer Berufsgruppe, die zu 83 Prozent aus Frauen bestehe, die eben auch mal schwanger würden, so Sigrid Heck, die Kreisvorsitzende der KEG, ironisch, müsse auch das bei der Berechnung der mobilen Reserve beachtet werden. Und das nicht nur wegen der Elternzeit der Lehrkraft. Nein, auch Folgendes müsse eingerechnet werden: Sollten Kinder in einer Klasse krank sein, dürfe sie als Schulleiterin eine schwangere Lehrkraft eine Zeit lang gar nicht mehr dort einsetzen.

Auch die gestiegenen Anforderungen wie Inklusion und Integration müssten bei der Berechnung des Lehrerbedarfs doch berücksichtigt werden, fordert Ludwig Würfl von der GEW und Vorsitzender des DGB in Moosburg.

Dann sind da noch die langfristigen Maßnahmen: Da ist zum einen die Reduzierung des Stundendeputats: Zwischen 27 und 28 Stunden sind das bei Grund- und Mittelschullehrern, in Realschulen und Gymnasien seien es um einige Stunden weniger. Grund für diese Forderung: immer mehr zusätzliche Aufgaben wie Elternsprechstunden, Teamsitzungen und auch therapeutische Aufgaben. Immer öfter, sagt Heck, müssten Lehrer etwa seitenweise Fragebögen zur möglichen ADHS-Erkrankung eines Schülers ausfüllen. Und da ist zum anderen die Forderung, dass mit der erhöhten Anzahl an inklusiv zu beschulenden Kindern auch das pädagogisch geschulte Personal zunehmen müsse. Förderschulkräfte müssten also „fest zum Team gehören“, wie es GEW-Vorstandsmitglied Gabriele Holzer ausdrückt. Die Politik müsse wissen: „Inklusion gibt’s nicht zum Nulltarif.“ Weitere Forderungen: Finanzielle Anreize besonders im so teuren Ballungsraum München (günstige Dienstwohnungen) und überhaupt eine Reduzierung der Belastungen, „damit Lehrer möglichst lange gesund und zufrieden ihren Beruf ausüben können“, wie es in dem Papier heißt. Grundsätzlich, so sieht es Rudolf Keil, der Kreisvorsitzende des Bayerischen Beamtenbunds (BBB), würden sich die Staatsregierung und das Kultusministerium bei der Aufstellung des Staatshaushalts auf das Berufsethos der Lehrer verlassen. Ganz nach dem Motto: „Die Lehrer machen das schon.“ Und für Ludwig Würfl steht fest: „Die Lehrkräfte lassen sich ausnutzen.“ Mit den erarbeiteten Vorschlägen, die auch an den Bezirks- und die Hauptpersonalrat weitergeleitet wurden, soll sich das ändern.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Nandlstadt: So wird die Verkehrsüberwachung neu geregelt
Verkehrssünder in Nandlstadt haben es künftig schwerer. Die Verkehrsüberwachung wird im Markt neu geregelt.
Nandlstadt: So wird die Verkehrsüberwachung neu geregelt
70 Jahre Kanzlei Huber-Wilhelm: „Ein Anwalt muss ein Gewissen haben“
Sie ist nicht nur die älteste Anwaltskanzlei in Freising, sondern auch eine der größten: die Kanzlei Huber-Wilhelm. Kürzlich feierte sie 70-jähriges Bestehen. Im …
70 Jahre Kanzlei Huber-Wilhelm: „Ein Anwalt muss ein Gewissen haben“
Zwei böse Überraschungen
Manfred Daniel ist wütend. Der Vorsitzende des Wasserzweckverbands Paunzhausen versteht die Welt nicht mehr: 70 000 Euro soll sein Verband für etwas zahlen, für das er …
Zwei böse Überraschungen
Die Stadt dankt dem Lebensretter
Das Alkoholverbot auf Münchner Plätzen und Straßen war am 21. Januar dieses Jahres noch keine 24 Stunden alt, da hätte es beinahe den ersten Todesfall am Hauptbahnhof …
Die Stadt dankt dem Lebensretter

Kommentare