Martin Reiter: „Es muss nicht immer das Gymnasium sein.“

Kreishandwerksmeister rührt die Werbetrommel  

Bildungsweg der ungeahnten Möglichkeiten

  • schließen

Landkreis – Das Handwerk im Landkreis Freising spielt eine extrem wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt: 2800 Betriebe haben gut 12 700 Mitarbeiter beschäftigt und bilden derzeit 823 junge Menschen aus. Auch wenn sich im Handwerk Karriere machen und gutes Geld verdienen lässt: Kreishandwerksmeister Martin Reiter würde sich mehr Ansehen wünschen.

Die Zeiten, in denen Lehrstellen heiß begehrt waren, sind vorbei. Auf dem Arbeitsmarkt kämpfen die Ausbildungsbetriebe um engagierte Lehrlinge. Allein im Handwerkssektor gab es 2016 1500 offene Lehrstellen in ganz Oberbayern. Eine Umfrage im Landkreis Freising hat ergeben, dass 50 Firmen ausbilden würden - sich aber kein Nachwuchs gefunden hat. Fakten, mit denen auch Kreishandwerksmeister Martin Reiter täglich zu kämpfen hat. Wieso tun sich Handwerksbetriebe oft schwer, Schulabgänger für einen handwerklichen Beruf zu gewinnen? „Das Problem ist oft die Überzeugung der Eltern. Sie denken, wenn ihre Kinder studieren, stehen ihnen alle Türen offen.“

Diese Erfahrung macht Martin Reiter immer wieder. Und eben diesen Eltern– und deren Kindern – will er das duale Ausbildungssystem ans Herz legen. Davon, so glaubt er, wissen noch immer die wenigsten. Nach einer dreijährigen erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung könne sofort die Meisterprüfung absolviert werden, um eine Studienberechtigung zu erlangen. Studieren ohne Abitur wird so möglich. Streng genommen könne ein Maurermeister dann auch Psychologie studieren. Aber in der Regel würden die frischgebackenen Meister schon einen Studiengang in ihrem Fachbereich wählen. Auf diesem Weg haben 64 Handwerkermeister in diesem Jahr begonnen, zu studieren. Wobei, auch das räumt Martin Reiter ein, einige abbrechen, weil es ihnen ohne das Allgemeinwissen, das ein Abiturient abrufbar hat, irgendwann einfach zu schwer wird. „Aber mit viel Fleiß und Ehrgeiz ist es durchaus machbar“, ist sich Reiter sicher. Was das Ganze besonders attraktiv macht: Im Gegensatz zum klassischen Weg – erst das Abitur, dann das Studium – könne man über einen Hochschulzugang durch die berufliche Qualifikation schon während der Ausbildung Geld verdienen. Richtig gutes Geld sogar. „Es gibt Ausbildungsberufe im Handwerk, da verdienst du im ersten Lehrjahr 700 Euro, im dritten 1400 Euro – da können viele Ausbildungsberufe im kaufmännischen Bereich nicht mithalten“, betont Reiter. Und ein Architekt, der davor eine Ausbildung im Handwerk absolviert hat, wisse später diese Praxis zu nutzen. Ein Fachmann mit jahrelanger praktischer Erfahrung am Bau. Für wen dieses Ausbildungssystem geeignet ist? Reiter: „Für fleißige Spätzünder.“

Die Kreishandwerkerschaft hat sich im vergangenen Jahr auch verstärkt um junge Asylbewerber gekümmert. „Wir haben 80 Firmen in unseren Reihen, die einen Praktikumsplatz für junge Flüchtlinge zur Verfügung stellen.“ Auf diesem Weg konnten 23 Asylbewerbern ein Ausbildungsplatz vermittelt werden. „Es ist freilich ein Stück mehr Arbeit mit einem Azubi, der am Anfang noch nicht gut Deutsch spricht“, weiß Reiter. Aber die Sprachbarriere werde seiner Erfahrung nach schnell überwunden, die jungen Leute lernen in kürzester Zeit Deutsch.

Um das zu beschleunigen, bringt die Kreishandwerkerschaft 2017 ein Vokabelheft „Willkommen im Handwerk“ heraus. Berufsbezogene Fach-Vokabeln werden dort in Englisch, Französisch, Polnisch, Arabisch und Farsi übersetzt. Der Kreishandwerksmeister hat 2016 darüberhinaus einiges versucht, um die Werbetrommel für das Handwerk zu rühren. „Wir haben sieben Schule besucht, um unsere Berufe vorzustellen.“ Und die Botschaft ist – so hofft er – bei einigen angekommen: „Es muss nicht immer Gymnasium sein.“

Auch interessant

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

Es blieb nicht bei einer Nacht
„Auf geht’s“ heißt die Party, mit der die neu formierte Band „Zruck zu dir“ morgen Abend ins Partygeschehen eingreift. Allesamt mit jeder Menge Musikerfahrung im Blut, …
Es blieb nicht bei einer Nacht
Fahrzeug fängt bei Oberhummel plötzlich zu brennen an
Als ein 27-jähriger Moosburger am Mittwoch gegen 15.30 Uhr auf der St 2350 die Abfahrt nach Oberhummel passierte, fing sein Hyundai i30 plötzlich im Motorraum zu brennen …
Fahrzeug fängt bei Oberhummel plötzlich zu brennen an
Kleines Minus trübt die Stimmung nicht
Auf Kontinuität setzen die Jagdschloss-Schützen Hausmehring. So bleibt Markus Tafelmaier Schützenmeister, auch die weitere Vorstandschaft blieb fast zusammen. Mehrere …
Kleines Minus trübt die Stimmung nicht
Der historische Bockerlradweg bekommt ein neues Schild
Ein neues Schild ziert seit kurzem den Bockerlradweg im Bereich der Bahnleite in Au – und weist gleichzeitig darauf hin, dass dieser inzwischen seit zehn Jahren …
Der historische Bockerlradweg bekommt ein neues Schild

Kommentare