Landrat appelliert an Bürger

„Alarmierende Entwicklung“ bei Corona-Impfungen: Erneuter Lockdown im Herbst? Arzt warnt eindringlich

  • Helmut Hobmaier
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Die Impfmüdigkeit grassiert: Der Ärztesprecher spricht von einer „alarmierenden Entwicklung“, der Landrat befürchtet im Herbst erneut geschlossene Schulen.

  • Im Landkreis Freising grassiert die Impfmüdigkeit: Eine Sonderaktion musste abgesagt werden, weil sich viel zu wenig Interessenten gemeldet haben.
  • Ärztesprecher Georg Miedl warnt eindringlich: Sorglosigkeit führt mit Delta im Schlepptau zur vierten Welle.
  • Landrat appelliert an Impfunwillige und befürchtet Lockdowns an Schulen.
  • Quote der Zweitgeimpften im Landkreis liegt bei knapp 31 Prozent, für die Herdenimmunität werden laut RKI etwa 85 Prozent benötigt.

Landkreis – In Rekordzeit waren die Impftermine ausgebucht. Binnen eineinhalb Stunden hatten sich 550 Menschen über 60 Jahre gemeldet, um sich im Rahmen einer Sonderaktion mit Astrazeneca vor Corona schützen zu lassen. Das ist lange her, genau genommen zehn Wochen, eine andere Zeit. Seitdem hat sich viel geändert.

Corona im Landkreis Freising: Sonderimpfaktion abgesagt - zu wenig Anmeldungen

Anfang Juli: Wieder startet das Landratsamt Freising eine Sonderimpfaktion, die an zwei Wochenenden über die Bühne gehen soll. Gedacht ist sie zunächst nur für Genesene, doch weil nur neun Interessenten darauf reagieren, wird die Aktion auf alle Impfwilligen ausgeweitet. Am Montag musste sie dennoch abgesagt werden: Für 3240 Dosen Biontech bzw. Moderna hatten sich nur 248 Menschen gemeldet.

Mit der sinkenden Impfbereitschaft steigt beim medizinischen Personal die Sorge vor einer vierten Welle. Der Ärztesprecher schlägt Alarm.

„Brauchen endlich eine Entscheidung“: Hubert Böck, Vize-Leiter des Freisinger Impfzentrums (l, hier mit FT-Redakteur Manuel Eser) will von der Politik wissen, wie es im Herbst mit Drittimpfungen weitergeht.

Corona: Geringes Interesse an Impfaktion überrascht Vize-Leiter des Impfzentrums

Eine gewisse Impfmüdigkeit hatte Hubert Böck, stellvertretender Leiter des Impfzentrums Freising, bereits vor einer Woche ausgemacht. Dass sich aber nur so wenige Interessenten für die Wochenendaktion melden würden, damit hat er nicht gerechnet. „Da war ich schon ein bisserl überrascht.“ Er hält es für richtig, dass die Termine schließlich abgesagt wurden. „Denn 248 Personen – die impfen wir inzwischen ganz nebenbei.“

Damit haben sich die logistischen Probleme im Impfzentrum diametral verschoben. Gab es bis dato deutlich mehr Impfwillige (und Kapazitäten) als Vakzin, müssen Böck und sein Team nun sehen, wie sie die liegen gebliebenen Impfdosen an den Mann oder an die Frau bekommen. 30 Tage haben sie dafür Zeit, so lange darf mRNA-Impfstoff (Biontech/Moderna) aufbewahrt werden. „Damit wir nichts wegschmeißen müssen, werden wir wohl die nächsten Wochen weniger bestellen.“

Corona-Impfmüdigkeit in Bayern: Minister Aiwanger trägt seinen Teil zur Misere bei

Wurde bisher immer das maximal Mögliche geordert, um den Impfstau abzubauen, kommt die Impfmüdigkeit exakt zu einem Zeitpunkt, wo so viel Impfstoff wie nie zur Verfügung steht. Auch die Aufhebung der Impfpriorisierung an den Zentren hat da bisher keinen neuen Schwung gebracht, berichtet Böck. „Wir haben für den Landkreis kaum Neuanmeldungen auf dem Online-Portal verzeichnet.“

Und dann kommt mit dem impfunwilligen bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Awianger noch ein Politiker hinzu, der ein schlechtes Beispiel gibt, wie Böck sagt: „Ich habe Leute gehört, die gesagt haben: Wenn sich nicht mal der impft, warum sollte ich es dann tun?“ Böcks eigentliche Kritik an die Politik weist aber in eine andere Richtung: „Wir wissen immer noch nicht, wie es im Herbst mit Drittimpfungen weitergehen soll. Da brauchen wir endlich eine Entscheidung, um personell planen zu können.“

Corona: „Alarmierende Entwicklung“ im Landkreis Freising - Ärztesprecher warnt vor Sorglosigkeit

Dass die am Wochenende geplante Sonderaktion abgesagt werden musste, bereitet auch dem Sprecher des Ärztlichen Kreisverbands, Georg Miedl, große Sorgen. „Was den Impfstoff angeht, ist der Landkreis Freising momentan gut versorgt – sowohl das Impfzentrum als auch die Hausarztpraxen. Allerdings lässt der Impfwunsch spürbar nach.“ Für Miedl eine „alarmierende Entwicklung“.

Die Sorge des Mediziners: Auf diese Weise steuere man wegen des derzeit rapide ansteigenden Anteils der Delta-Mutationen am Infektionsgeschehen auf eine vierte Welle zu. Miedl: „Wir dürfen uns jetzt, wo wir sehr niedrige Inzidenzwerte haben, nicht in falscher Sicherheit wiegen. Die Delta-Variante ist einfach noch infektiöser.“

Schulen droht im Herbst erneutes Schreckensszenario

Wohin ein sorgloser Umgang mit der neuen Mutation führen könne, sehe man am Beispiel England mit einer Inzidenz von weit über 200. Miedl: „Wir müssen auch bei uns mit einem Anstieg der Inzidenz rechnen, wobei die Vorstellung besonders schlimm ist, dass das dann wieder auf die Schulen durchschlägt.“ Den Kindern erneut Distanzunterricht zumuten zu müssen, das müsse unter allen Umständen vermieden werden. Die schärfste Waffe dabei: Impfen.

Und gerade biete sich die Chance zur besonders wirksamen „Kreuzimpfung“, wie Miedl erklärt. Die Impfung von Astra-Erstgeimpften mit einem mRNA-Impfstoff sei in seiner Praxis bereits Alltag, berichtet er. „Wir machen das jetzt generell“.

Trotz Corona-Impfmüdigkeit: Beratungsstau bei den Hausärzten

Wenig begeistert ist er allerdings, dass Neuerungen wie die Empfehlung der Kreuzimpfung durch die Ständige Impfkommission (Stiko) extrem kurzfristig „und meist an einem Freitag“ erfolgten. Das führe in der Bevölkerung zu großer Verunsicherung und in den Arztpraxen dazu, dass sich bis zum Montag ein extremer „Beratungsstau“ bilde. So lagen im E-Mail-Postfach der Praxis Dr. Weyerer/Miedl am Montagfrüh an die 100 Mails von Patienten, die wegen der Kreuzimpfung eine Frage hatten. Miedls Einschätzung: Die Immun-Antwort bei der Kreuzimpfung sei nach dem jetzigen Stand wissenschaftlicher Erkenntnis „sehr gut“.

Für die mit Astrazeneca bereits doppelt Geimpften hat Miedl auch gute Nachrichten. Wenn hier in einigen Monaten Auffrischungen nötig seien, wirke neben der dann möglichen Kreuzimpfung mit mRNA offenbar auch eine dritte Impfung mit Astra ausgezeichnet. Schlechte Nachrichten also für das Corona-Virus – wenn genügend Menschen zum Impfen gehen.

Corona-Impfquote im Landkreis Freising: Weit weg von Herdenimmunität

Die nachlassende Impfbereitschaft wiegt umso schwerer, als der Landkreis Freising eine deutlich geringere Impfquote aufweist als etwa der Landesdurchschnitt: Bisher wurden 80 560 Bürger erstgeimpft (44,68 Prozent) und 55 824 erhielten bereits ihre zweite Impfung (30,96 Prozent). In Bayern liegen die Quoten bei 54,4 und 38,2 Prozent (Stand: Dienstag, 6. Juli). Laut Robert-Koch-Institut tritt die Herdenimmunität jedoch erst ein, wenn in Deutschland mindestens 85 Prozent der Erwachsenen durchgeimpft sind.

Nur noch bis 12. Juli kann das Impfzentrum eine Vollauslastung von 420 Impfungen pro Tag fahren. Danach, so Landrat Helmut Petz, drohen tageweise Schließungen.

Entsprechend große Sorgen macht sich auch Landrat Helmut Petz: „Wenn wir vermeiden wollen, dass im Herbst wieder höhere Inzidenzzahlen und ein erneuter Lockdown mit Auswirkungen auf die Schulen und auf viele weitere Bereiche unseres Lebens bevorstehen, müssen sich mehr Menschen impfen lassen. Die derzeitige Impfquote reicht für eine Herdenimmunität bei weitem nicht aus“.

Mangelnde Auslastung: Landrat fürchtet, dass Corona-Impfzentrum tageweise geschlossen werden

Bis zum 12. Juli kann das Impfzentrum zwar weiter eine Vollauslastung von 420 Impfungen pro Tag fahren, danach bleiben die Anmeldungen aber hinter den Impfmöglichkeiten zurück, berichtet der Landrat. Die Folge wäre, dass das Impfzentrum mangels Terminbuchungen gegebenenfalls tageweise schließen muss.

Daher appelliert Petz an alle noch nicht geimpften und genesenen Bürger: „Melden Sie sich bitte über das Onlineportal BayIMCO für die Impfung gegen Corona an!“ Diejenigen, die sich zu der stornierten Sonderimpfaktion in der Realschule angemeldet hatten, werden gebeten, sich über das Registrierungsportal einen neuen Termin auszuwählen.

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Rubriklistenbild: © LEHMANN

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