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Kurze Auszeit mit Brezn und Bier: Jens Barschdorf stemmt den Wahlkampf zusätzlich zum Vollzeitjob. Gemütliche Stunden in seinem Lieblingsbiergarten am Hofbrauhauskeller sind da eine Seltenheit.

Landtagswahl in Bayern

Freisings FDP-Kandidat Jens Barschdorf: „Die Weichenstellung wurde verschlafen“

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    Andreas Beschorner
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Sein Ziel ist das Maximilianeum: Für Jens Barschdorf (FDP) hat die heiße Phase des Wahlkampfs begonnen. Dem FT verrät er, warum er im Gegensatz zu seinem Landesverband gegen die 3. Startbahn ist.

In wenigen Wochen ist Landtagswahl. Wie fühlen Sie sich?

Soweit geht es mir gut. Die Wahlkampfzeit ist ohne Zweifel sehr stressig, vor allem wenn man Vollzeit berufstätig ist. Aber die Rückmeldungen und Umfragen sind gut, und ich freue mich auf die Kandidatenstammtische und Wahlkampfstände, die wir dieses Mal in einer deutlich größeren Zahl abhalten werden. Wir sind eindeutig im Aufwind und das beflügelt natürlich im Wahlkampf.

In Freising gibt es die eine große Gretchenfrage, und die lautet: Wie halten Sie es mit der dritten Startbahn?

Der Flughafen ist Teil des Landkreises Freising, und er wird nicht verschwinden. Es ist aber ganz klar, dass eine dritte Startbahn für die Stadt Freising und den Landkreis nicht bewältigbar ist. Sie würde die Wachstumsmöglichkeiten in unserer Region mit extremem Wachstumsdruck massiv einschränken und so zu weiterer Wohnraumknappheit führen.

„Die Buslinie von Freising nach Garching ist dringend notwendig“

Die Bayern-FDP ist aber für die 3. Startbahn. Ist das für Sie als Kandidat aus Freising ein Handicap im Wahlkampf?

Einfacher macht es den Wahlkampf sicher nicht. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die Menschen auch auf die Person schauen, die für eine Partei antritt. Und die bisherigen Podiumsdiskussionen haben gezeigt, dass sich die Freisinger von ehrlich vorgetragenen Argumenten überzeugen lassen.

Freising ächzt unter der Verkehrsbelastung. Derzeit werden mit der Westtangente und der Nordostumfahrung zwei Straßen gebaut, die den Verkehr aus der Stadt heraushalten sollen. Ist es damit getan oder braucht es weitere Lösungen?

Damit ist es nicht getan. Wir müssen viel stärker in alle Verkehrsträger investieren. Gerade der nördliche Landkreis muss mit mehr Verbindungen und einem flexibleren Angebot besser an die Bahnlinie München-Landshut angebunden werden. Wir brauchen eine bessere Zusammenarbeit mit den angrenzenden Landkreisen. Auch die Buslinie von Freising nach Garching ist dringend notwendig – zumindest solange die U 6-Verlängerung nach Neufahrn noch nicht gebaut ist. Zudem muss möglichst bald der Erdinger Ringschluss umgesetzt werden. Der Ausbau der Bahnstrecke München–Freising–Landshut ist ebenfalls notwendig. Wir müssen den Ausbau aber bürgerfreundlich und mit Blick auf Lärmschutz angehen. Zudem brauchen wir möglichst bald eine Ortsumgehung für Allershausen und Hohenkammer.

„Der Kindergarten sollte kostenfrei sein“

Ein Infarkt droht auch in Sachen Kinderbetreuung. Noch im Frühjahr hat es so ausgesehen, als ob etliche Kinder auf Wartelisten versauern würden. Mit Ach und Krach konnten nun alle untergebracht werden. Wie wollen Sie diese permanent schwelende Kita-Krise zu einem guten Ende führen?

Es gibt verschiedene Dinge, die wir bei der KiTa-Frage angehen müssen. Erstens müssen wir das Angebot ausbauen, und dafür müssen wir den Beruf attraktiver machen. Dazu gehört auch, dass in der Politik endlich begriffen wird, dass schon in Kindertagesstätten und Kindergärten Bildung beginnt. Deshalb muss die Ausbildung kostenfrei und ein echter Ausbildungsberuf auch mit Ausbildungsvergütung versehen sein. Damit können wir den Personalmangel in diesen Berufen angehen. Zweitens muss die Vergütung sich gerade hier auch an die Lebenshaltungskosten anpassen. Drittens brauchen wir aber auch eine Umkehr bei den Kosten für die Kinderbetreuung. Hier muss der Freistaat die Kosten übernehmen, damit zumindest der Kindergarten kostenfrei wird. Und viertens brauchen wir mehr Geld für die Gemeinden, damit die mehr Kindergärten und Kindertagesstätten bauen können.

Sorge bereitet den Menschen auch die Entwicklung bei den Mietpreisen. Wie wollen Sie für Wohnraum sorgen, der für Normalsterbliche bezahlbar ist?

Wir leben in einer Wachstumsregion. Durch die niedrige Arbeitslosigkeit und den hohen Lebensstandard hier wollen immer mehr Menschen herkommen. Für diese Menschen müssen wir Wohnraum schaffen, statt darüber zu reden, die Flächen für den Wohnungsbau zu begrenzen, wie das die Grünen tun. Der Staat ist aber zugleich einer der größten Kostentreiber beim Neubau von Wohnungen. Und da müssen wir ran. Regulierungen im Baurecht müssen auf ein sinnvolles Maß runtergebrochen werden und Verfahren schneller werden. Das hilft dann insbesondere auch den Gemeinden, die günstigeren sozialen Wohnungsbau schaffen können. Für Familien, die sich ihre erste eigene Wohnung oder ihr erstes Eigenheim schaffen wollen, muss die Grunderwerbssteuer wegfallen, denn das Eigenheim ist der beste Schutz vor Altersarmut. Zudem müssen wir Anreize setzen, dass sich das Wachstum nicht in einer zentralen Region wie dem Großraum München bündelt.

„Wir müssen die Schulen aus der Kreidezeit holen“

Der Freistaat hat jüngst proklamiert, mehr in die Höhe als in die Breite zu bauen. Gesellt sich zu den Kirchtürmen im Landkreis Freising auch bald eine Skyline?

Ich finde, Freising hat schon jetzt eine tolle Skyline. Aber in der Tat können wir nicht nur Einfamilienhäuser oder Reihenhäuser im Landkreis bauen. Wenn wir zudem weniger Fläche Boden pro Quadratmeter Wohnraum verbrauchen wollen, müssen wir gerade in den urbanen Gebieten des Landkreises höher bauen. Wohnraum muss aber immer auch in die Umgebung passen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass in Zukunft Hochhäuser die Skyline Freisings prägen werden. Aber wir sollten uns schon darum bemühen, dass höhere Gebäude in den urbanen Gebieten regelmäßiger gebaut werden.

Welches Thema liegt Ihnen neben den bereits angesprochenen noch besonders am Herzen?

Wir müssen in Bayern wieder mehr in die Zukunft schauen. Ja uns geht es jetzt gut, aber die Weichenstellung für die Zukunft wurde bislang verschlafen. Wir müssen viel schneller als bisher schnelles Internet gerade im ländlichen Raum und moderne Mobilfunknetze ausbauen. Damit schaffen wir auch Anreize, dass sich das Wachstum nicht in einzelnen Regionen bündelt, sondern auf mehr Regionen ausbreitet und gerade auch im ländlichen Raum. Die Infrastruktur dafür zu schaffen, wurde in den letzten Jahren versäumt und war der Staatsregierung auch nicht so wichtig. Dazu gehört auch, dass wir die Schulen mit moderner Technik ausstatten und aus der Kreidezeit holen.

Wenn die aktuellen Umfragen eintreten, verliert die CSU bei der Wahl die absolute Mehrheit. Mit wem könnten Sie sich eine Koalition vorstellen?

Ich kämpfe dafür, dass die FDP so viele Stimmen wie möglich erhält – und nicht für irgendeine Koalition. Wenn wir klare liberale Akzente durchsetzen können – etwa kostenfreie Kinderbetreuung, Bürokratieabbau und Breitbandausbau –, kann ich mir aber grundsätzlich vorstellen, dass wir Regierungsverantwortung übernehmen. Am Wahrscheinlichsten ist eine Koalition mit der CSU. Man muss aber klar sagen, dass es dazu auch menschlich passen muss. Und so wie sich die CSU gerade verhält, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir mit einer Söder-CSU zusammenkommen können.

„Danach brauche ich erst mal Urlaub“

Warum trotzdem am ehesten mit der CSU?

Allen Umfragen nach wird es keine Regierung geben können, die ohne die CSU auskommt, außer man holt die AfD mit an Bord. Und dafür stehe ich und auch meine Partei nicht zur Verfügung.

Wem Ihrer Gegenkandidaten im Landkreis Freising würden Sie gerne mal Ihre Meinung sagen?

Eigentlich keinem, da ich mit keinem der anderen Kandidaten, sofern ich sie denn kenne, ein persönliches Problem habe. Und unsere politischen Differenzen können wir bei den Podiumsdiskussionen klären. Aber wenn ich mir einen Kandidaten raussuchen müsste, wäre es wahrscheinlich Herr Hoyer von der Linkspartei.

Und wie lautet die Botschaft?

Ich bin in Dresden geboren, zu einem Zeitpunkt, da seine Vorgängerpartei die Menschen im Osten unterdrückt hat. Meine Eltern haben zusammen mit mir noch vor der Wende wegen dieses Regimes das Land verlassen. Wie man ernsthaft glauben kann, dass die Rezepte seiner Partei, die wieder und wieder gescheitert sind, gerade erst in Venezuela scheitern, auch nur irgendeine Lösung für die Zukunft unseres Landes bieten können, ist mir ein echtes Rätsel.

Wenn Sie das Landtagsmandat erhalten, dann . . .?

. . .geht die Arbeit richtig los. Aber ich weiß, dass ich danach auch erst mal Urlaub brauche. Denn neben einem Vollzeitjob noch den Wahlkampf zu managen, ist anstrengend.

In aller Kürze:

Alter: 36

Wohnort: Freising

Familie: ledig

Da bin ich aufgewachsen: Freising

Das ist mein Leibgericht:

Spaghetti

Dieser Film liegt mir am Herzen: Blues Brothers

Diesem Verein drücke ich die Daumen:  Als 2. Vorsitzender natürlich dem SC Freising und da besonders den Volleyballern

Ich lese gerade: Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit

Das ist mein politisches Vorbild: Hans Dietrich Genscher, weil er ein zutiefst liberaler Mensch war, der verstanden hat, dass man in der Politik nur mit offenen Ohren und einem offenen Herzen Erfolge erzielen kann

Deshalb bin ich Politiker geworden: Ich bin in die Politik gegangen, um mich dafür einzusetzen, dass nicht mehr von oben über die Menschen bestimmt wird, sondern das Individuum in der Gesellschaft wieder im Zentrum steht.

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