Koalition in Österreich perfekt!

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Sie gehören einfach dazu: Mark (l.) und Andi (r.) haben bei den Eichinger-Fischers im Rahmen des „Betreuten Wohnens in Familien“ ein Zuhause gefunden. Das Angebot stammt von der Lebenshilfe.

Lebenshilfe Freising wirbt für neues Betreuungsangebot

In dieser Familie geht es ihnen gut

Menschen mit geistiger Behinderung können bei der Lebenshilfe Freising verschiedene betreute Wohnformen wählen. Das neueste Angebot, das die Landkreise Freising, Erding, Dachau und Pfaffenhofen abdeckt, ist das „Betreute Wohnen in Familien“. Hier ein erster Erfahrungsbericht.

FreisingEs steht mitten in der Idylle: ein großes Haus mit Blumen und Gemüsebeeten rundherum, dahinter geräumige Schuppen für alles, was sich in einer Großfamilie so ansammelt, und noch weiter hinten ein Baumgarten zum Spielen und die Seele baumeln lassen. Zumindest dann, wenn man Zeit und Ruhe findet, denn vier Kinder wuseln hier, in Hebertshausen (Landkreis Dachau), durch Haus und Garten von Melanie und Florian Eichinger-Fischer. Und da sind natürlich noch Mark und Andi.

Mark ist heute am späten Nachmittag schon von der Arbeit zurück und erwartet die Betreuerin Lisa Robra von der Lebenshilfe Freising an der Haustür der kleinen Einliegerwohnung. „Kommt rein! Ich bin schon am Kochen“, sagt der 35-Jährige, dessen Vater aus Nigeria stammt. Kochen ist Marks Leidenschaft – für sich und auch manchmal für seinen Mitbewohner Andi. „Wenn der nicht wieder die Hälfte beim Einkaufen vergisst“, sagt Mark scherzend. „Er schuldet mir eh noch eine Packung Pilze.“ Dann muss es halt mal mit Paprika gehen zu den Kartoffeln. Im Nu ist das einfache aber gute Gericht fertig, schon steht der dampfende Teller vor einem auf dem Küchentisch.

Da kommt auch Andi von der Arbeit heim. Er arbeitet in der Metallabteilung der Caritas-Werkstatt. „Aber nur mit geschlossenen Maschinen“, erklärt der 36-Jährige. „Ich hab nämlich manchmal einen epileptischen Anfall, da wäre das mit offenen Maschinen zu gefährlich.“ Nein, auf den Mund gefallen sind Andi und Mark wirklich nicht. Es sprudelt nur so aus ihnen heraus, wenn man bei den beiden jungen Männern in der Küche sitzt.

Während Andi täglich mit seinem Fahrrad über Feldwege zu seiner Werkstatt radelt, arbeitet Mark schon seit zwei Jahren im örtlichen Kindergarten. „Ich bin da männliches Mädchen für alles“, sagt er und lächelt dabei verschmitzt: „Küchendienst, Putzen, Betten machen, was eben so anfällt.“ Zusammen bei den Eichinger-Fischers wohnen beide schon seit drei Jahren im Rahmen eines Betreuten Wohnens in Familien. Betreuerin Lisa Robra erklärt das Prinzip: „Wir bei der Lebenshilfe Freising versuchen immer ganz individuell auf die Menschen mit Behinderung einzugehen. Und wie jeder Mensch verschieden ist, gibt es hier auch welche, die lieber die Sicherheit einer stationären Wohneinrichtung wünschen, während andere eine WG gut finden oder ganz selbstständig leben wollen.“ Andi und Mark seien Menschen, die den Anschluss an eine Familie suchen, Eigenständigkeit mit familiärer Wärme verbinden wollen. „Dafür hat die Lebenshilfe Freising vor einigen Jahren das Betreute Wohnen in Familien ins Leben gerufen.“

Die Lebenshilfe übernimmt dabei eine Vermittler-, Berater- und Betreuerrolle und stellt auch die Verbindung zum Kostenträger, dem Bezirk Oberbayern, her. Nach einer intensiven Betreuung in der Anfangsphase gibt es dann regelmäßige Treffen mit Gastfamilien und Gästen ein bis zwei Mal im Monat oder wenn Bedarf besteht. Anders als bei ihren übrigen Einrichtungen ist die Lebenshilfe mit dieser Wohnform nicht nur in der Region Freising präsent, sondern auch in den Nachbarlandkreisen Dachau, Pfaffenhofen und Erding“, erklärt Lisa Robra.

Andi unterbricht: „Mark und ich sind auch schon ganz schön herumgekommen. Wir haben in München, Traunreut, Dachau und Schönbrunn gewohnt und gearbeitet. Da haben wir uns auch kennengelernt. Ich kenne den Mark schon zehn Jahre, länger als meine Freundin!“ Aber irgendwie hat es nicht gepasst im Wohnheim, in der Wohngruppe, in einer Außen-WG. Jetzt wohnen sie schon drei Jahre mit der Betreuungsfamilie zusammen, und es gefällt beiden, obwohl sie sich auch manchmal ziemlich streiten. Jeder hat seinen Dickkopf, und manchmal geht man sich auch aus dem Weg, verzieht sich aufs eigene Zimmer: Andi in seinen Liegesessel und Mark ins Internet, wo er einige Chatbekanntschaften hat. Aber zusammengerauft haben sie sich immer.

Rückhalt in allen Lebenslagen finden die zwei Familienbewohner bei Melanie und Florian Eichinger-Fischer und ihren Kindern. Betreuerin Lisa Robra: „Wir haben hier einen Sonderfall, weil Melanie und Florian beide Heilerziehungspfleger sind und im Franziskuswerk Schönbrunn schon mit Menschen mit Behinderung arbeiten.“ Im Betreuten Wohnen in Familien sei das aber keine Voraussetzung. Soziale Kompetenz soll nämlich im ganz normalen Alltag erlernt werden und nicht mit Therapien. Das Leben soll so normal wie möglich ablaufen. „Bei Problemen sind wir von der Lebenshilfe aber stets zur Stelle und bieten Hilfen an“, betont die Betreuerin.

Auch Melanie Fischer findet den freien Ansatz dieser Wohnform wichtig: „Manche Menschen brauchen die festen Strukturen einer Gruppe in einer stationären Einrichtung. Hier aber soll der Alltag erlebt und gelernt werden. Der Einzelne wird viel ernster genommen in seinen individuellen Bedürfnissen.“ Erst mal selber machen lassen. Geht’s gut, dann passt‘s. Macht man Fehler, ist das kein Beinbruch, man kann daraus nur lernen. „Diese Freiheit, die auch den Menschen mit Behinderung zugestanden wird, hat mich am Betreuten Wohnen mit Familien von Anfang an fasziniert.“ Während Lisa Robra und ich mit Melanie und Florian Eichinger-Fischer sprechen, sind Mark und Andi schon längst mit den Kindern unterwegs, plündern die Heidelbeersträucher oder tollen im Garten herum. Sie sind hier einfach zu Hause. martin weindl

Gut zu wissen

Ganz aktuell: Die Lebenshilfe Freising sucht im Rahmen des Projekts „Betreutes Wohnen in Familien“ im Dachauer Raum derzeit eine Gastfamilie für eine junge Frau. Eine möglichst gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist erwünscht. Weitere Informationen und Beratung, auch allgemein zum Projekt, gibt es unter Tel. (0 81 61) 8 18 03 oder per E-Mail unter lisa.robra@lebenshilfe-fs.de.

                                                                                                                                        Martin Weindl

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