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Vor dem Auftritt versammelten sich die Teilnehmer (v. l.): Philipp Potthast, Lea Loreck, Ko Bylanzky, Lisa Strömsdörfer, Meike Harms, Linus Huesmann, Julius Althoetmar, Yannick Sellman und Mate Tabula.

Ein Sommerwunder

Die Macht der Poesie über den Regen: Poetry-Slam im Freisinger Lindenkeller

Es regnete. Ja und? Der Poetry-Slam ging trotzdem über die Lindenkellerbühne. Mit der ganzen Macht der Poesie.

Freising– Die Macht der Poesie war stärker: Trotz strömenden Regens fanden sich am Donnerstagabend mehr als 50 Zuhörer im Biergarten des Lindenkeller ein, um den Texten von acht Poetry-Slamern zu lauschen. Die bunte Mischung aus witzigen Wortwendungen und Gefühl-beladenen Versen gefiel.

Der Regen

Ein „Sommerwunder“, so der Titel der Veranstaltungsreihe von Kulturamt, Stadtjugendpflege und Musikschule Freising, war es an dem Abend ganz sicher nicht. Die vom Dauerregen getränkten Biertische und -bänke mussten erst mit Bauwolltüchern getrocknet werden, bevor das Publikum Platz nehmen konnte.

Die Fans

Wer noch nie bei einem Poetry-Slam war, fragte Ko Bylanzky eingangs, der zusammen mit dem gebürtigen Freisinger Philipp Potthast den Abend moderierte. Frischlinge waren fast keine dabei. Im Gegenteil: alteingesessene treue Fans des Poetry-Slam dominierten. Und weil der Beifall der Zuschauer zur Entscheidung über den Sieger des Abends beitrug, wurde erst einmal die drei Kategorien des Applaus geübt: „Mitleids-Applaus“, „gedämpfte Begeisterung“ und letztendlich der kollektive „Orgasmus-Applaus“.

Die Privilegien

Die Moderatoren Philipp Potthast und Ko Bylanzky (v. l.) führten die Zuhörer durch den Abend. Der Regen konnte den Gästen aber nichts anhaben. Sie hielten als große Fans der Poetry Slammer tapfer durch.

Über privilegierte Menschen dichtete der erste Interpret des Abends: Julius Althoetmar aus München. Behütet aufgewachsen, keine Krankheiten, männlich, weiß und hetero: das sei seine Jugend gewesen. Armut kenne er auch. Allerdings nur aus den Dokus auf „arte“. Das angewärmte Kirschkernkissen auf seinem Arbeitsstuhl sei bequem. Zu bequem, um sich für irgendetwas anderes einzusetzen. „Warum auffallen und sich verändern, wenn man es gemütlich hat“, so seine Position. Das Publikum schenkte ihm den „kollektiven Orgasmus“. Etwas gedämpfter fiel der Applaus bei den anschließenden Beiträgen aus. Lokalmatador Linus Huesmann aus Freising ließ seine „schönsten Schulzeiterinnerungen“, das „Krank-Sein“ Revue passieren.

„Bibel-TV“ habe er in der Zeit geschaut. Den „ewigen TV-Prediger 3000“, mit der die „Liebes-Botschaft von Jesus noch besser verteilt werden könne, nahm er ironisch aufs Korn. In ihr „Kindergarten-Tagebuch“ ließ Erzieherin Lea Loreck die Zuhörer Einblick nehmen. Weil es besser für die Umwelt sei, besitze sie kein Auto. Was die Kinder zu der Bemerkung veranlasst habe: „Vielleicht solltest Du mal arbeiten gehen, als immer nur mit uns zu spielen.“ Mate Tabula machte sich Gedanken über seine Männlichkeit: eine „Alpha-Tier“ zu werden, sei doch gar nicht so sinnvoll, meinte er zum Schluss.

Die Stadtmeisterin

Ganz kämpferisch kam die amtierende Münchner Stadtmeisterin im Poetry-Slam, Meike Harms, daher. „Öko“-Energie sei doch viel zu weich. Knackig müsse die sein, so wie Kohle und Kernkraft. Mit ernsten Gefühlen beladen schilderte Elisabeth Schwachulla die „toxische“ Beziehung zu ihrem Freund. Vom „aggressiven Rewatching“ von Kinderserien handelte der Beitrag von Yannik Sellman und Lisa Strömsdörfer lenkte vom „angeberischen Instagram-Profil“ den Blick darauf, dass eigentlich jeder „ein bisschen langweilig“ sei.

Der Sieger

Als Sieger aus der Text-Schlacht ging Julius Althoetmar hervor, der zum Schluss mit einem Liebesgedicht punktete. Nicht an seine Freundin, sondern an das Wasser: Das „schönste“ von allen Getränken: „Herrlich, ehrlich, ich begehr Dich“. Der Preis für den Sieger war ein eher symbolischer: Ein Regenponcho aus durchsichtigem Plastik. Ein solcher hatte den tapferen Zuhörern bereits während der Aufführung wertvolle Dienste erwiesen.

Maria Martin

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