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Schauspieler oder Sprecher? Ganz konnte man das nicht auflösen. Was aber von der ersten Sekunde klar war: (v. l.) Arno Bosl, Matthias Eder, Wolfgang Steger und Vroni Schweikl zogen das Publikum in ihren Bann.

Auf dem Domberg

Die Macht der Worte: Großartiger Auftakt zu den Sommer.Kultur.Nächten

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Poesie und Schauspiel? Kann das gut gehen? Seit Donnerstag weiß man in Freising: Ja – und wie! Das „Tischtheater“, das den Auftakt zu den Sommer.Kultur.Nächten am Domberg bildete, begeisterte das Publikum.

Freising – Ein Tisch, sechs Stühle, eine Wäscheleine. Im ältesten Arkadenhof nördlich der Alpen ist an diesem Abend nicht nur „Zeit für Poeten“. Es ist auch Platz für die, die Worte der Poeten rezitieren und szenisch darbieten. Tiefgründig, intensiv und bewegend – das ist an jenem Donnerstagabend im Renaissancehof des Kardinal-Döpfner-Hauses der Auftakt zu den „Sommer.Kultur.Nächten“ 2018. Regisseur Alexander Veit ist an alte Wirkungsstätte zurückgekehrt und hat mit einem Quartett des Ensembles Theatersommer eine theatrale Lesung von Texten spanischer Dichter des 20. Jahrhunderts inszeniert. „Tischtheater“ nennt er es.

Man kann sich fragen, ob es überhaupt legitim ist, Poesie in Szenen umzusetzen. Alexander Veit und die vier Sprecher (oder sind es eher Schauspieler?) haben sich das auch gefragt und sind zu einem positiven Ergebnis gekommen. Und stellt sich noch die Frage, ob das funktioniert. Die Antwort darauf gab es am Donnerstag: Ja! Es funktioniert sogar prächtig, wenn man es so behutsam und stilvoll macht wie Veit und sein Ensemble, wenn es – den anrührenden, teils erschütternden Texten angemessen – ruhig und bedächtig zugeht, wenn der Fluss und die Macht und die Kraft der Worte und Textzeilen nicht durch erzwungene Aktion und Hektik auf der Bühne verwässert, überlagert oder gar zerstört wird.

Arno Bosl, Matthias Eder, Vroni Schweikl und Wolfgang Steger sind die vier Personen, die den Dichtern und ihren manchmal auch erst auf den zweiten Blick politischen Botschaften Ausdruck geben. Sie agieren eindrucksvoll, fesselnd, souverän, die gelesenen Texte werden an die Wäscheleine gehängt, das Ensemble verbreitet eine ruhige und würdige Atmosphäre. Theatereffekte, wenn man sie denn überhaupt so nennen will, werden spärlich und wohldosiert eingesetzt – beispielsweise wenn Eder vom Arkadengang im ersten Obergeschoß Blätter und Zettel wirft, was unwillkürlich an die Geschwister Scholl und die Ludwig-Maximilians-Universität denken lässt.

Die Texte von elf Dichtern, die unter der Diktatur Francesco Francos zu leiden hatten, ins Exil gehen mussten, inhaftiert oder sogar ermordet wurden, sind politische Manifeste ebenso wie philosophische Gedanken. „Auf einmal begannen die Personen / auf seltsame Weise zu verschwinden, / sie verschwanden, / man verschwand reichlich in jenen Tagen“ heißt es bei Affonos Romano de Sant’Anna, „Um ein Wort zu sagen, / um ein einziges Wort zu sagen, / das erste Wort / und das letzte, / musste ich leben“ schreibt Rafael Felipe Oterino. Es ist eben „Zeit für Poeten“ auf dem Domberg zu Freising.

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