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Ihren DDR-Pass wollte am 10. November 1989 kein Wachtposten sehen: Claudia Käsmann und die Bilder ihres Lebens.

Jubiläum

30 Jahre Mauerfall: Für Claudia Käsmann aus Marzling war es die Wende ihres Lebens

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Für Claudia Käsmann aus Marzling war der 9. November 1989 ein Schicksalstag: Der Fall der Berliner Mauer vor  30 Jahren war für sie der Türöffner zur Liebe ihres Lebens.

Freising/Berlin – Den historischen Moment hat sie glatt verschlafen. Dabei hat Claudia Käsmann direkt im Grenzgebiet gewohnt - auf der Ostseite. Der „antifaschistische Schutzwall“, wie es im SED-Jargon hieß, lag nur wenige Kilometer weg. „Wenn Verzweifelte versucht haben, die Mauer zu überwinden, konnten Anwohner die Schüsse hören“, berichtet die 55-Jährige. Doch als Günther Schabowski auf der legendären Pressekonferenz mit einem Missverständnis die Mauer zu Fall brachte, lag sie bereits im Bett. „Um von Hennigsdorf nach Berlin-Weißensee zur Arbeit zu kommen, musste ich mit dem Zug um Westberlin herumfahren. Ich bin jeden Morgen um 4 Uhr aufgestanden und habe die abendliche Pressekonferenz nicht gesehen.“

Auch ohne Mauerfall wäre 1989 für Claudia Käsmann ein aufregendes Jahr gewesen. Die damals 25-Jährige hatte gerade ihr Studium abgeschlossen und ihren ersten Job in einer Maschinenfabrik angetreten. „Aber man hat in der Bevölkerung schon gespürt, dass auch politisch etwas in der Luft lag“, sagt sie. „Die Leute waren unruhig.“ Es sei klar gewesen, dass was passieren würde. „Dass die Mauer fallen könnte, damit habe ich aber im Leben nicht gerechnet. Meine Oma hat allerdings immer gesagt: Irgendwann, Claudia, werden wir wieder ein vereintes Deutschland haben.“

Claudia will auch zur Grenze, aber sie kennt den Weg gar nicht

10. November 1989, vormittags im Werk. Claudia weiß noch immer nichts von den Umwälzungen, da hört sie ein Gespräch mit. „Ein Kollege hat zu einem anderen gesagt, dass sein Sohn erst in der Früh nach Hause gekommen ist. Der hat geantwortet, dass seiner noch gar nicht wieder da ist. Das hat mich stutzig gemacht.“ Und so erfährt sie, dass etliche DDR-Bürger in Westberlin die Nacht zum Tag gemacht haben.

Auch die 25-Jährige zieht es über die Grenze. Da sie Überstunden angehäuft hat, lässt der Chef sie gehen. Nur: Sie weiß gar nicht, wie sie zur Bornholmer Straße hinkommen soll, dort, wo die Mauer nun offen ist. „Da ist ja nie ein DDR-Bürger hingefahren. Wir hatten am Grenzübergang auch gar nichts zu suchen. Ich musste erst eine Verbindung finden.“

Die Mauer ist gefallen: Claudia Käsmann 1990 im ehemaligen deutsch-deutschen Grenzgebiet bei Nieder-Neuendorf.

Am Checkpoint steuern Claudia Käsmann Menschenmassen entgegen – übernächtigte Mitbürger, die einfach nur noch in ihr Bett wollen. „Für mich war das total surreal“, berichtet sie. „Niemand wollte meinen Ausweis sehen.“ Käsmann erinnert sich an Wachmänner, die sichtlich überfordert, ja verloren auf ihrem Posten standen. „Einer hat in sich hineingelächelt.“ Weiter und weiter geht sie. „Es hat toll gerochen, alles wurde immer bunter. Da wusste ich: Jetzt bin ich drüben.“

An einem Bahnhof hört sie eine Durchsage an die DDR-Bürger: Es bestehe die Möglichkeit, 100 D-Mark Begrüßungsgeld zu beziehen. Was sie davon gekauft hat, weiß sie nicht mehr. „Für jeden aus der Familie eine Kleinigkeit. Wahrscheinlich lauter Schmarrn“, sagt sie in schönstem Bairisch und lacht. „Sicher ist nur, dass ich alles ausgegeben habe.“ Auf dem Rückweg kommen ihr wieder Massen entgegen. Dieses Mal die Väter, die sich nach der Arbeit ihre Familien geschnappt haben, um sich den Westen mal anzusehen.

Sie wollte im Osten bleiben, doch es kam anders

Furcht hat Claudia an diesem Tag nicht empfunden. Angst davor, dass russische Panzer aufmarschieren könnten wie beim Volksaufstand 1953, hatte sie eher bei den Demos im Vorfeld. „Da hatte ich das Gefühl, dass es eskalieren könnte.“ Erwartet hatte sie allerdings, dass die Grenze bald wieder dicht gemacht würde. „Aber ich hatte ohnehin nicht das Bedürfnis, im Westen zu leben – oder gar zu flüchten“, sagt sie. „Wovor auch? Ich hatte eine behütete Kindheit und liebevolle Eltern. Ich wollte bleiben.“

Doch es kam anders – wegen ihres damaligen Freundes. „Wir haben ausgemacht: Wenn einer eine Arbeit findet, zieht der andere hinterher.“ Der Freund erhielt 1991 eine Anstellung in Garching, sie hielt ihr Versprechen. Und weil bezahlbarer Wohnraum in München schon damals schwer zu finden war, zogen die beiden nach Freising. In der Domstadt fand Claudia auch Arbeit: bei der Firma Nerb. Es war so etwas wie die zweite große Wende in ihrem Leben. Denn dort lernte sie Thomas kennen, den Mann ihres Lebens. „Ich habe ihn gesehen und wusste: Wahnsinn, das ist er. Ich habe sofort eine unheimlich große Zuneigung empfunden.“

„Wahnsinn, das ist er“ Überraschung – Claudia Käsmann findet die Liebe ihres Lebens im Westen. 1995 gaben sie sich in Freising das Ja-Wort.

1995 gab Claudia ihrem Thomas das Ja-Wort in Freising. „Seit 24 Jahren sind wir glücklich verheiratet“, sagt sie stolz. Das Paar zog nach Marzling. Ihr Sohn Albert (23) ist fasziniert von der Geschichte seiner Mama. Er hat sie auch ermutigt, sie dem Freisinger Tagblatt zu erzählen. „Er findet es wichtig, dass die DDR-Historie nicht vergessen wird.“

Was bedeutet nun also der 9. November 1989 für sie? „Das war schon ein Schicksalstag, ich hätte sonst meinen Mann nie kennengelernt“, betont sie. Ihr Mann sieht das allerdings anders. „Er sagt immer: Ich wäre doch zu dir gekommen. Ich hätte dich schon gefunden und geholt.“

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